Schmerzhafter Eintracht-Höhenflug

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ALTENSTADT - Die Frankfurter Eintracht zählt in der Fußball-Bundesliga zu den Überraschungsmannschaften der Saison, belegt aktuell mit 47 Punkten aus 26 Partien Tabellenplatz vier. Ein weiterer Erfolg am Wochenende im Hit bei Borussia Dortmund - und die Champions-League-Qualifikation rückt immer näher. Klaus Weitzel, Vorsitzender des Eintracht Fanclubs Altenstadt, beobachtet den Höhenflug seiner Frankfurter mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Solch eine starke Eintracht hätte er lieber in einem vollen Stadion spielen sehen. Der 51-jährige Altenstädter spricht außerdem über die Gründe des Erfolgs und das Fanclub-Leben in Zeiten von Corona.

Wie erklären Sie sich den aktuellen Höhenflug der Eintracht?

In der Vorrunde, mit acht Unentschieden nach zwölf Spieltagen, sah es wirklich nicht nach einem Höhenflug aus. Der Knackpunkt war eventuell der 2:1-Sieg gegen Bayer Leverkusen im ersten Spiel des neuen Jahres. Es passt einfach innerhalb der Mannschaft. Alle ziehen an einem Strang, es gibt keine Quertreiber. Selbst der Abgang von Kapitän David Abraham wurde gut weggesteckt.

Wie sehr schmerzt es, die Frankfurter Siege nicht live im Stadion miterleben zu dürfen?

Sehr. Deshalb sehe ich den Erfolg mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Eintracht hat sich ohne unsere Unterstützung auf Tabellenplatz vier vorgespielt. Das ist natürlich gigantisch. Aber anderseits frage ich mich: Warum passiert das jetzt gerade ohne Fans im Stadion, obwohl immer gesagt wird, dass wir eigentlich so wichtig für den Erfolg des Clubs seien? Es gab zwischenzeitlich Jahre, da war der Fußball nicht so schön anzuschauen. Jetzt spielt die Mannschaft den schönsten Fußball seit der Ära mit Stein, Bein und Yeboah. Das schmerzt, wenn ich die Spiele alleine im Wohnzimmer verfolgen muss.

Rechnen Sie fest mit der Champions-League-Qualifikation?

Irgendwie glaube ich momentan noch nicht so richtig daran und halte Platz fünf für realistisch. Mich macht etwas stutzig, dass wir in keinem Spiel über die volle Distanz überzeugen können. Einmal trumpfen wir in der ersten Halbzeit auf, ein anderes Mal nach dem Seitenwechsel. Vielleicht bin ich aber auch zu pessimistisch und wir machen am Samstag mit einem Sieg gegen Dortmund den nächsten Schritt in Richtung Champions League. Aber auch das sehe ich mit einem weinenden Auge. Es wäre bitter, wenn wir in der kommenden Saison in der Champions League spielen würden und Zuschauer zu Rundenbeginn immer noch nicht erlaubt wären.

Welchen Anteil hat Trainer Adi Hütter am aktuellen Erfolg?

Er hat einen großen Anteil. Hütter sagte bei seiner Antrittsrede, dass er kein Freund der Spieler sei. Aber auch weit davon entfernt sei, ein Gegner der Spieler zu sein. Er wahrt die nötige Distanz und hat die Mannschaft offensichtlich im Griff. Es funktioniert und harmoniert.

Für den "Altenstädter Bub" Timothy Chandler läuft es hingegen nicht so rund. Haben Sie eine Erklärung?

Vor einem Jahr lief es für Timmy wesentlich besser, als er plötzlich Torjägerqualitäten entwickelte und zu Beginn der Rückrunde einer der besten Frankfurter Spieler war. Warum er jetzt kaum eine Chance bekommt, obwohl die rechte Seite aktuell nicht so üppig besetzt ist, kann ich nicht sagen. Wir können uns leider kein eigenes Bild von den Trainingsleistungen der Jungs machen, weil wir wegen Corona nicht zuschauen dürfen. Und was hinter den Kulissen passiert, wissen wir auch nicht. Ein weiteres, für mich kaum nachvollziehbares Beispiel: Die Leihe von Danny da Costa nach Mainz, die bestimmt nicht nur rein sportliche Gründe hatte.

Stichwort Sportvorstand Fredi Bobic, wie sehr stört die Mannschaft das Theater um seine Person?

Scheinbar gar nicht, so wie die Mannschaft spielt. Dennoch sollte der Verein schleunigst eine Lösung finden, sich von Bobic vielleicht sogar schon während der Runde trennen. Er möchte zu Hertha BSC Berlin, sollte deshalb nicht die Frankfurt Planungen auf die neue Saison beeinflussen. Was ich wirklich nicht verstehe: Warum hat er 2018 einen Vertrag über fünf Jahre unterschrieben, wenn er nun lieber gestern als heute den Verein verlassen möchte?

Keine Stadionfahrten, keine Fantreffen, keine Talkrunden mit Eintracht-Profis. Wie sieht aktuell das Fanclub-Leben aus?

Der zweite Vorsitzende Timo Kaufmann und ich organisierten im Dezember als Ersatz für die ausgefallene Weihnachtsfeier eine virtuelle Tombola. Das kam bei allen sehr gut an, war aber leider der letzte virtuelle Kontakt zu unseren anderen Mitgliedern. Zudem besuchten einige die ersten beiden Saisonheimspiele der Eintracht, als noch ein paar tausend Fans zugelassen waren.

Was vermissen Sie und Ihre Fanclub-Mitglieder aktuell am meisten?

Den Fußball vermissen wir gar nicht so arg, weil wir uns die Spiele im Fernsehen anschauen können. Es sind eher die Treffen, die Busfahrten in die Stadien und die Debatten über unsere Eintracht. Der Bus ist quasi unser Vereinsheim, dort spielt sich das Leben ab. Die Gemeinschaft fehlt in Zeiten von Corona, weil wir keine Weihnachtsfeiern ausrichten, keine Saisonabschlussfahrten organisieren, nicht mit dem Ebbelwei-Express fahren und keine Schifffahrt auf dem Main anbieten können. Diese Ausflüge machten immer viel Spaß. Zudem waren wir vor der Pandemie auf dem Altenstadtfest mit einem kleinen Biergarten und einer Grillhütte präsent und nahmen regelmäßig am Ortsvereinsschießen des Schützenvereins Altenstadt teil. Wir sind aktueller Team-Titelträger. Und unser zweiter Vorsitzender Timo Kaufmann war schon zweimal Schützenkönig.

Gibt es aufgrund des stillstehenden Fanclub-Lebens Austritte?

Nein, wir haben glücklicherweise keinen Mitgliederschwund zu beklagen.

Zum Fanclub

Der Eintracht Franclub Altentadt wurde am 12. Februar 1974 offiziell gegründet und setzt sich derzeit aus circa 250 Mitgliedern zusammen. "Wir sind mit dem EFC Bieber 1973, dem EFC 1974 Langenselbold, dem EFC Kamerun 1974 und dem EFC Zeilsheim 1974 einer der ältesten, offiziellen Fanclubs unserer Eintracht", betont Klaus Weitzel, der schon seit knapp 21 Jahren Fanclub-Vorsitzender ist. "Vor Corona fuhren wir mit circa 50 Fans zu jedem Heimspiel und organisierten in der Regel drei bis vier Auswärtsfahrten pro Saison." Zu den anderen Partien reisten die Altenstädter gemeinsam mit anderen Fanclubs. "Zwei unserer Mitglieder besuchten in der Saison 2018/19 sogar alle Euro-League-Auswärtsspiele, acht waren bis zum Viertelfinale dabei", sagt der 51-Jährige. Weitzel erlebte unter anderem den DFB-Pokalsieg 2018 mit 40 weiteren Fanclub-Mitgliedern live im Berliner Stadion. (tf)

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