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So fern und doch so nahe

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Der Mann, der die HSG wieder gefestigt hat: Jasmin Camdzic inmitten seiner Spieler während einer Auszeit. Foto: Ben © Ben

Wetzlar. Vor der Buderus-Arena parkt ein schwarzer Transporter. »Wir sind Kiel«, prangt auf dem Auto, dessen Seitenklappe offen ist und durch die T-Shirts und Kapuzenpullis des deutschen Rekordmeisters verkauft werden. Der THW, dieser FC Bayern des Handballs, betreibt Werbung bei den Fans und nimmt nebenbei noch Geld ein. Doch nicht nur einige Euro treten schließlich die Rückfahrt nach Norddeutschland an, sondern auch zwei Punkte.

Denn der THW setzt sich bei seinem Angstgegner HSG Wetzlar erst am Ende sicher mit 31:25 (15:13) durch. Zuvor jedoch herrscht in der wunderschönen Halle ein wenig Festtagsstimmung. Ein sportlicher Festtag am zweiten Advent. Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Arena mit mehr als 4200 Zuschauern fast ausverkauft. Die Essens- und Getränkestände sind dicht bevölkert. Und auch das just an diesem Tage erstmals präsentierte Jubiläumsbuch »Erstklassig -- Ein Vierteljahrhundert Handball-Bundesliga« findet guten Absatz. Ein tatsächlich erstklassig bebildertes Buch, das auf eine ganze Ära zurückblickt.

Eine Ära, die allerdings enden könnte. Zwar erscheint zwischen Bratwurst und Schnittchen, zwischen Bier und Sekt, zwischen T-Shirt-Kauf und Buch-Schmökern der sportliche Abstiegskampf ganz weit weg von Mittelhessen. Doch er ist nah. Ganz, ganz nah für die Domstädter, die auf Platz 15 nur drei Punkte vor dem Vorletzten aus Minden liegen. Und Minden hat personell aufgerüstet. Schlusslicht Hamm gibt sich ebenfalls keineswegs so leicht geschlagen, wie viele dachten und die Konkurrenz von FA Göppingen scheint mit dem neuen Trainer Markus Baur gar eine Erfolgsserie starten zu wollen. Der HSG droht ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr der Gang in die zweite Liga. Zweite Liga erscheint in einer der schönsten Arenen Deutschlands so weit weg wie ein Oktoberfest in Buxtehude. Doch genau das ist die Gefahr.

Und genau das wissen auch Björn Seipp und Jasmin Camdzic. HSG-Geschäftsführer Seipp sagte unlängst: »Es geht nur noch um den Klassenerhalt.« Camdzic, der sportliche Leiter der HSG, der derzeit als Interimstrainer fungiert, hat die allergrößten Sorgen gleich in seinem ersten Spiel mit dem Auswärtserfolg in Hannover zumindest etwas besänftigt.

Und auch in der ersten Halbzeit gegen den haushohen Favoriten aus Kiel zeigt sich eine veränderte grün-weiße Mannschaft. Mit einer stabilen 6:0-Abwehr, mit klaren Angriffszügen, die endlich wieder die Außen in Wurfposition bringen, und vor allem mit »einer überragenden zweiten Welle«, so der Interimscoach, lassen die Domstädter die Nordlichter kaum einmal leuchten.

Eineinhalb Jahre lang hatte zuvor der redliche Ben Matschke viel auf Laptop-Studien, auf individuelle Analysen und persönliches Mentaltraining gesetzt. Vielleicht zu viel. Vielleicht kann das Team erst ohne Mentaltraining wieder Mentalität zeigen. Und das tut es gegen den Rekordmeister. Wenn Rechtsaußen Domen Novak nicht nur fünf Tore erzielt, sondern noch dazu sein halbes Dutzend weiterer bester Chancen, darunter zwei Siebenmeter, genutzt hätte, wäre Kiel möglicherweise so richtig ins Wanken geraten. Doch Novak, wie später auch sein Vertreter Lars Weissgerber, scheitern ein ums andere Mal an THW-Weltklassekeeper Niklas Landin. »Der war wie eine Wand«, staunt später auch sein Gegenüber Till Klimpke, der zwar eine durchaus starke, aber eben keine herausragende Leistung bietet. Stark, aber nicht herausragend ist denn auch das Motto der weiteren Grün-Weißen. Solange die Kraft reicht, ist der junge Einzelkämpfer Jonas Schelker ein wirklich kluger Regisseur. (»Der Junge ist mit seiner Geschwindigkeit ein gefährlicher Spielmacher«, so Camdzic). Solange die Kraft reicht, verrichten auch Lenny Rubin und Jovica Nikolic im Rückraum einen guten Job. Als jedoch die Kräfte schwinden, steigt die Fehlerquote. »Wir«, so das Fazit des Trainers, »haben noch viel Arbeit vor uns. Aber die Basis ist jetzt vorhanden.«

Kiel setzt sich nach der Pause schnell auf fünf Tore ab. Und diese Führung verteidigt das Weltklasseensemble um den zurückgekehrten Ausnahmehandballer Sander Sagosen bis zum Schlusspfiff mühelos.

So bleibt der HSG am Ende nur das Lob, lange Zeit wirklich gut mitgehalten zu haben. Viel zu gut um abzusteigen, ist diese junge, talentierte Mannschaft auch fraglos. Aber ist sie auch gut genug, um im harten und manchmal schmutzigen Abstiegskampf zu bestehen?

Sind die großen technischen Fertigkeiten eines Schelkers oder Rubins ausreichend, wenn es zu sportlich überlebenswichtigen Kellerkrimis kommt? Oder fehlt der HSG nicht doch ein Stück weit die Erfahrung und Schlitzohrigkeit eines Olle Forsell Schefvert oder eines Felix Danner? Das sind die Fragen, mit denen sich Jasko Camdzic vor dem so schwierigen Duell in Lemgo am Donnerstag wohl kaum beschäftigen kann.

Das sind jedoch die Fragen, die die Grün-Weißen mit ihrem neuen Trainer nach der Winterpause beantworten müssen. Vielleicht aber müssen sich alle gemeinsam auch fragen, ob es nicht sogar klüger ist, im Abstiegskampf, den nur wenige in der Buderus-Arena so richtig wahrhaben wollen, auch weiterhin auf die lange HSG-Erfahrung von »Jasko« Camdzic zu setzen. Selbst wenn der sportliche Leiter die Cheftrainerbank eigentlich so meidet wie hoffentlich in der kommenden Saison Zweitligist Eintracht Hagen die wunderschöne Wetzlarer Arena.

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