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»Solche Typen mag ich«

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Von: Alexander Fischer

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Brauner und Brauner: Nico zusammen mit seinem Bruder Tim (rechts). Foto: nb © nb

Gießen. Nico Brauner kommt zum Gesprächstermin mit dem Rad. »Ich habe gar kein Auto«, schlüpft er unbewusst in die Rolle des »Cappuccino-Mannes« Bruno Maccallini, der in den 90er-Jahren durch verschiedene Werbekampagnen (»Isch ›abe gar keine Auto, Signorina«) bekannt, ja fast berühmt wurde. Doch der 27-Jährige will kein Fräulein bezirzen, er ist schlicht Pragmatiker.

»In Gießen kann ich alles mit dem Rad erreichen. Da habe ich lieber auf einen fahrbaren Untersatz meines Clubs verzichtet und bekomme dafür etwas mehr Geld.«

Der gebürtige Wiesbadener, dessen Eltern heute noch in Bad Schwalbach wohnen, führt die Gießen 46ers in der Spielzeit 2022/23 der 2. Basketball-Bundesliga, die in Deutschland vielsagend ProA heißt, aufs Feld. Was ihn ehrt.

Nico, Sie sind von einem Top-Favoriten der ProA zu einem Mit-Favoriten gewechselt. Warum?

Es gibt verschiedene Gründe. Zum einen, weil ich dann endlich wieder Familie und Freunde in der Nähe weiß. Zum anderen, weil die 46ers Ambitionen haben. Und: In Jena war ich mit meiner Rolle nicht zufrieden. Ich hatte zu wenige Minuten, sportlich lief es für mich ganz persönlich nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Da dachte ich mir, ein Neuanfang könnte helfen.

Welche Rolle spielte Coach »Frenki« Ignjatovic bei Ihrer Entscheidung pro 46ers?

Eine sehr große. Er ist ein etablierter Trainer, der in Heidelberg tolle Arbeit geleistet hat. Er kannte den Markt und wusste, dass er auf mich zählen kann. Er ist ein ehrlicher Kerl, der nicht viel redet, der aber wahrhaftig ist. Solche Typen mag ich. Er hat es verdient, ihm mit Respekt zu begegnen.

Sie werden bald 28, haben aber noch nie in der Bundesliga gespielt ...

Das wurmt mich. Als kleiner Junge hatte ich schon das Ziel, ins Oberhaus zu kommen. Ich denke, ich habe auch das Zeug dazu. Irgendwie war ich aber bisher nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Nach meiner zweiten Saison bei den Kirchheim Knights bot sich mir die Möglichkeit, im letzten Moment hat sich der Wechsel aber zerschlagen. Nun bin ich in Gießen und unternehme einen erneuten Anlauf.

Ignjatovic hat Sie zum Kapitän gemacht. Ist dies eine Ehre oder eine Bürde?

Natürlich eine Ehre. Als er mich bestimmt hat, da wusste ich, was auf mich zukommt ...

Nämlich?

Die Truppe führen, auf dem Feld und hinter den Kulissen. Gesprächsbereit sein, auch unter vier Augen. Die Stimmung hochhalten. Aufpassen, dass die Chemie in Ordnung ist. Und natürlich immer als Bindeglied zwischen Team und Coach fungieren.

Was verstehen Sie denn darunter?

Ein Beispiel: Nach dem Testspielsieg gegen Frankfurt hat uns der Coach gratuliert, ist aus der Kabine verschwunden und hat uns noch zugerufen, dass am anderen Tag um 18 Uhr Training sei. Da habe ich gemerkt, dass bei vielen die Klappe runter fiel. Also bin ich zu »Frenki« und habe ihn gebeten, dass wir mal einen Tag frei bekommen. Begeistert war er nicht, er hat sich aber dann doch von mir überzeugen lassen.

Was sagen Sie zur Infrastruktur im Gießener Basketball?

Da will ich mich mal noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Ich kann aber sicher sagen, dass da einiges ausbaufähig ist. Die Bedingungen in der Rivers sind nicht optimal, die in der Osthalle, in der wir uns nicht frei bewegen können und vom Schulsport abhängig sind, aber auch nicht. Gießen steht da noch vor großen Aufgaben.

Auf welche Art Basketball zu spielen können sich die 46ers-Fans bei Ihnen freuen?

Ich komme über die Verteidigung. Das heißt: Harte Arbeit, Einsatz, Leidenschaft. Und vorne versuche ich stets, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Also: Freie Würfe nehmen, den Ball zirkulieren lassen, den besser postierten Mitspieler sehen. Basketball ist Teamsport, Ego-Zocker kommen nicht weit.

Wie wird sich das Team präsentieren?

Mit Ehrgeiz, Kampf, Willen und Biss. Ich denke, die Fans werden mit uns zufrieden sein.

Hat die Mannschaft das Potenzial zum sofortigen Wiederaufstieg?

Ein klares Ja. Das Erreichen der Playoffs muss unser Ziel sein. In denen ist dann alles möglich. Was wir vergangenes Jahr in Jena leidvoll erleben mussten ...

Welche Teams mischen in der ProA oben mit und warum?

Aus meiner Sicht gibt es vier Topfavoriten: Vechta, Bremerhaven, Jena und uns. Leverkusen, Tübingen und Kirchheim sind die »Wundertüten«, die ebenfalls eine gute Rolle spielen werden.

Haben Sie schon etwas von der Stadt Gießen kennengelernt?

Ich bin jetzt gut sechs Woche da und habe außer Sporthallen noch nicht viel gesehen. Umso schöner ist es, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. Da lernt man die Gegend viel besser kennen als im Auto.

Was werden Sie nach Ihrer Basketball-Karriere machen?

Das steht noch in den Sternen. In jedem Fall habe ich in Kanada ein BWL-Studium abgeschlossen, darauf lässt sich doch aufbauen. Irgendwie bin ich aber noch in der Selbstfindungsphase.

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