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Spannende Zukunfts-Wahl

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gispor_2306_kuhlmann_220_4c © Red

Gießen . Wohl selten ist ein Landessportbundtag mit solch großer Spannung erwartet worden wie der 24. am Samstag in Wiesbaden. Denn dort im RheinMain CongressCenter wird nicht nur ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den bisherigen Landessportbund-Präsidenten Rolf Müller gesucht, der das Amt in der Nachfolge von Heinz Fallak stolze 25 Jahre ausfüllte.

Es stehen unter dem Tagesordnungspunkt 14 »Wahlen«, für die »Jahreshauptversammlung« des organisierten Sports in Hessen höchst ungewöhnlich, drei weitere Kampfabstimmungen auf dem Programm.

Zur Wiederwahl bewerben sich alleine Helmut Meister (Vizepräsident Finanzmanagement), Ralf-Rainer Klatt (Sportentwicklung) und der Hohenahrer Frank Weller (Vereinsmanagement). Die in Gießen lebende Malin Hoster rückt als neue Vorsitzende der Sportjugend auf in das Vizepräsidentinnen-Amt für Kinder- und Jugendsport. Spannend ist aber vor allem, wer die Nachfolge von Lutz Arndt für den Bereich Leistungssport antritt. Hier bewerben sich die nordhessische ehemalige Olympia-Teilnehmerin im Schwimmen, Annika Mehlhorn, und der aus der Leichtathletik stammende Martin Rumpf (Niederselters). Die Nachfolge von Susanne Lapp als Vizepräsident Kommunikation und Marketing wollen Ralf Koch (Rockenberg), der ehemalige LSBH-Geschäftsführer und jetzige Vorsitzende des Sportkreises Lahn-Dill, und der Korbacher Uwe Steuber, ein ehemaliger Handballer, antreten. Schließlich ist das Amt für die Themenfelder Schule, Bildung und Personalentwicklung vakant. Hier stehen der aus dem Fußball-Lager kommende Frank Illing (Hasselroth) und Katja Köhler-Nachtnebel aus Wabern, die vor allem in der Sportjugend lange Jahre gewirkt hat, den Delegierten zur Wahl.

Aber vor allem die Nachfolge von Rolf Müller sorgt für Spannung. Für das Führungsamt haben sich Juliane Kuhlmann und Heinz Zielinski beworben. Beide sind mit langjähriger Erfahrung im Landessportbund-Präsidium ausgestattet. Und beide mit starkem »Gießener« Einschlag versehen. Denn die 44 Jahre alte Diplom-Agrarökonomin Kuhlmann kam 1997 (damals mit ihrem Mädchennamen Stoll) zum Studium nach Gießen und blieb dort bis 2009, ehe sie in ihren neuen Wohnort Steinbach im Taunus umzog. Ihre Heimat im Sport ist das Taekwondo. Bekannt wurde sie vor allem als Vorsitzende der Sportjugend Hessen, ein Amt, das sie zusammen mit der der Vizepräsidentin Kinder- und Jugendsport im LSBH 19 Jahre lang ausübte. Heinz Zielinski ist seit den 90er Jahren als Vorsitzender des Sportkreises Gießen und als Vizepräsident Schule, Bildung und Personalentwicklung auf Hessenebene aktiv. Der 74-jährige ehemalige Professor für Public Management und Ministerialrat im hessischen Innenministerium machte sich früher als Fußballer einen Namen.

Nachfolgend stellen sich Juliane Kuhlmann und Heinz Zielinski in einem Doppel-Interview den Fragen dieser Zeitung.

Was ist Ihre Motivation, für das Amt der Präsidentin/des Präsidenten im Landessportbund Hessen zu kandidieren?

Kuhlmann: Ich habe als junger Mensch erfahren dürfen, was es für ein beglückendes, erfüllendes Gefühl ist, ein wertvoller Teil einer Vereinsfamilie zu sein und gehört zu werden. Wer dieses Glück einmal verspürt hat, der fühlt sich für immer mit dieser besonderen Gemeinschaft verbunden. Der Sport in Hessen mit all seinen Menschen, die ihn voranbringen, ist es mehr als wert, sich mit viel Herzblut für ihn zu engagieren. Ich wünsche mir einen zukunftsfähigen, vielfältigen Landessportbund Hessen, dessen Arbeit in der Praxis verankert ist und der politisch wertgeschätzt wird. Dafür möchte ich mich einsetzen und deshalb kandidiere ich für das Amt der Präsidentin des Landessportbundes Hessen!

Zielinski: Das Amt des Präsidenten des Landessportbundes Hessen ist die attraktivste Position im organisierten Sport in Hessen. Ich will den Sport auch über die Landesgrenzen hinweg mit meiner Erfahrung und gemeinsam mit vielen Mitstreitern und neuen Zielen zukunftsorientiert entwickeln.

Frau Kuhlmann: Es gibt Stimmen, die kritisieren, dass Sie nur auf die Karte jung und weiblich setzen würden, um für das Amt der Sportbundpräsidentin zu kandidieren. Was ist Ihr Gegenargument?

Kuhlmann: Ich bin eine Frau und mit 44 Jahren »verhältnismäßig« jung - und das ist gut so! Aber das als einziges Ass im Ärmel wäre doch recht dünn. Ich bringe mit mehr als 30 Jahren ehrenamtlichen Engagements auf den verschiedensten Ebenen im Sport nicht nur viel Erfahrung und gut funktionierende Netzwerke in Sport und Politik für diese Tätigkeit mit, sondern auch einen anderen Blick auf die Themen und eine ordentliche Portion frischen Wind. Ich sehe also keinen Grund mich dafür zu rechtfertigen, eine junge Frau zu sein, die etwas bewegen will.

Herr Zielinski: Es gibt Stimmen, die kritisieren, dass Sie schon zu alt seien, um für das Amt des Sportbundpräsidenten zu kandidieren. Was ist Ihr Gegenargument?

Zielinski: Alter ist für mich nicht entscheidend. Es gibt viele Menschen ganz unabhängig vom Alter, die vor allem den Status Quo erhalten wollen. Für die anstehende Führungsaufgabe sind Kompetenz, Vertrauen, Innovation und Kreativität der Person entscheidend.

Für den Fall, dass Sie nicht gewählt werden: Stehen Sie für weitere Ämter im Präsidium zu Verfügung?

Kuhlmann: Nein, ich möchte Präsidentin werden.

Zielinski: Ich stehe in diesem Fall für keine anderen Ämter im Präsidium zur Verfügung.

Für den Fall, dass Sie gewählt werden: Was sehen Sie als Hauptaufgabe für Ihre Amtsperiode?

Kuhlmann: Unsere Vereine brauchen gerade jetzt nach der erbrachten großen Kraftanstrengung in der Pandemie unsere volle Aufmerksamkeit. Es ist es mir ein Herzensanliegen, sie zu unterstützen, zu stärken und für optimale Rahmenbedingungen zu sorgen. Den Sport in Hessen gut für zukünftige Herausforderungen aufzustellen bedeutet aber auch, Themen wie eine gesamtverbandliche Digitalisierungsstrategie, die Förderung und positive Verankerung des Nachwuchsleistungssports in der Gesellschaft und den Start eines Organisationsentwicklungsprozesses im Landessportbund Hessen anzugehen. Darüber hinaus ist es mir wichtig, unsere partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den politischen Entscheidungsträgern auszubauen und dabei auch neue Wege zu gehen.

Zielinski: a) sehe ich die Hauptaufgabe in der Sicherung und Ausweitung der Sportangebote. Der Schwerpunkt liegt also auf Angebote, Angebote, Angebote. Zur Verwirklichung brauchen wir moderne und mehr Sportanlagen, Sporträume und Schwimmbäder. Die Grenzziehung zwischen organisiertem und nicht organisiertem Sport ist flexibler zu gestalten. Wir brauchen mehr Übungsleiterinnen und Trainerinnen. Dazu müssen junge Erwachsene mehr unterstützt werden. Sport und Bewegung in Kindergärten und Schulen müssen einen höheren Stellenwert erhalten.

b) ist das Ehrenamt oder das Freiwilligen-Management ist aufzuwerten, in Vereinen und Fachverbänden. Eine Kampagne »Junges Ehrenamt« kann hierbei helfen.

c) gilt es, die Digitalisierung im Sport auf eine neue Stufe mit externer Hilfe zu heben.

d) ist Nachhaltigkeit im Sport eine eher junge Herausforderung. Die vorhandenen Ansätze zur Klimaneutralität z.B. sind systematisch auszubauen.

e) sind Personal- und Organisationsentwicklung im Landessportbund zu reaktivieren.

f) brauchen wir im Sport eine neue Kultur des Umgangs, die Fair-Play und Toleranz ernst meint.

Alle Aufgaben sind im Kontext der Anforderungen an Kindeswohl, Integration, Inklusion unter Einbeziehung des elektronischen Sports wahrzunehmen. Ich will den Landessportbund Hessen als größte Personenvereinigung - auf der vorhandenen, stabilen Basis, - mit neuem Geist, - in eine noch bessere Zukunft führen.

Der organisierte Sport hat in den zwei Jahren der Corona-Pandemie, die ja noch nicht vorbei ist, mächtig gelitten. Wo muss hier der Hebel angesetzt werden?

Kuhlmann: Viele Vereine haben sich während der Lockdowns sprichwörtlich »krummgelegt«, um den Sportbetrieb für ihre Mitglieder aufrechtzuerhalten. Das war großartig und wichtig, hat aber auch viel Kraft gekostet. Mitgliederverluste, fehlende Übungsleitende und Ehrenamtliche und steigende Energiepreise bereiten große Sorgen. Die Vereine brauchen jetzt unsere volle Unterstützung! Hier sollten wir den Hebel ansetzen: Bei Fördermaßnahmen, bei einer maßgeschneiderten Beratung, bei Programmen zur Gewinnung Ehrenamtlicher, einer Übungsleiteroffensive, bei Programmen zur Mitgliedergewinnung, bei Förderprogrammen zur energetischen Sanierung von Sportstätten aber auch bei Arbeitserleichterungen z.B. durch die volle Digitalisierung von Melde- und Abrechnungsprozessen.

Zielinski: Der organisierte Sport hat unter Corona erheblich gelitten, vor allem sind Mitglieder ausgetreten, ehrenamtliche Helfer weniger geworden, Angebote verringert worden und Übungsleiterinnen abgewandert. Wir müssen allerdings auch feststellen, dass die Entwicklung im Vergleich zwischen den Vereinen und Fachverbänden unterschiedlich ist. Es gibt auch »Gewinner« der Krise. Zum Abbau der Defizite müssen wir die großen Vorteile des Sports in den Mittelpunkt rücken, das bewegte Miteinander; den Schulsport reaktivieren, für die Breite und die Leistung; Sportanlagen attraktiver machen und Übungsleiterinnen dazu oder neu gewinnen.

Unsere Gesellschaft steht vor finanziell schwierigen Zeiten. Fürchten Sie, dass auch der Sport in Zukunft den Gürtel enger schnallen muss, obwohl in einigen Bereichen, etwa im Sportstättenbau Investitionen dringend notwendig sind?

Kuhlmann: Wir werden beides tun müssen! Den Gürtel da enger schnallen, wo wir für eine überschaubare Zeit kürzer treten können ohne »bleibende Schäden« zu verursachen. Gleichzeitig müssen wir Geld da in die Hand nehmen, wo Investitionen dafür sorgen, dass unsere Vereine für künftige Herausforderungen besser aufgestellt sind (zum Beispiel bei der energetischen Sanierung von Sportstätten). Hier gilt es, Augenmaß zu beweisen. Und genau hierfür wünsche ich mir einen intensiven Austausch mit unseren Vereinen und den Mitgliedsorganisationen, um für die vor uns liegenden Herausforderungen gemeinsam getragene Lösungswege zu erarbeiten.

Zielinski: Wir stehen über die Pandemie hinaus vor noch größeren zusätzlichen Herausforderungen. Die finanziellen Belastungen von Kommunen, Land und Bund sind gewaltig. Dies trifft uns alle. Daher wird die Konkurrenz zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere bei der Infrastruktur klar größer werden. Wir brauchen unter anderem den Sport als kommunale Pflichtaufgabe und generell: Wir brauchen einen autonomen, starken Sport auf lokaler und Landes-Ebene.

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