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»Steh-auf-Männchen« mit Nehmerqualitäten

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Das Kämpferherz der Eintracht: Sebastian Rode. Foto: dpa © dpa

Frankfurt. Es war die vierte Minute des Endspiels gegen die Glasgow Rangers: Sebastian Rode wollte kurz vor dem eigenen Strafraum den Ball erreichen, versuchte ihn mit dem Kopf zu spielen. Da zog ihm Rangers-Spieler John Lundstram die Sohle seines Schuhs über den Kopf. Die Stollen rissen Rode eine Wunde, genau in der Mitte der Stirn. Blut floss, an der Seitenlinie schlug der Frankfurter Trainer Oliver Glasner die Hände über dem Kopf zusammen.

So früh den Kapitän zu verlieren, hätte den gesamten Plan gefährdet. Fast fünf Minuten lang wurde Rode behandelt. »Ich war immer bei mir«, sagte Rode, »es hat weh getan, war aber nicht so schlimm.« Sah aber übel aus. Aufgeben war keine Option. Daran habe er keine Sekunde gedacht, berichtete er später. Mit einem Kopfverband spielte Rode weiter, hielt durch bis zur 90. Minute. Und wurde zur Legende wie einst Bastian Schweinsteiger im WM-Finale 2014.

Dass es Rode erwischt hatte, war sicher kein Zufall. Denn Rode erwischt es oft und dann meist schlimmer als in diesem Fall. Kreuzbandrisse und Knorpelschäden im Knie pflastern seinen Weg als Fußballprofi. Immer wieder hat er sich zurückgekämpft und geschont hat er sich nie. Das macht er auch jetzt nicht, im Herbst seiner Karriere. Seppl Rode spielt wie Seppl Rode spielt. Ohne Rücksicht auf eigene Verluste, kämpferisch, leidenschaftlich, manchmal ein ganz klein wenig zu ungestüm.

Da würde man ihm mehr Zurückhaltung in den Zweikämpfen wünschen. Aber das kann er nicht und will er nicht. Rode kann nur volle Pulle. Heribert Bruchhagen, damals Vorstandsvorsitzender, hatte ihn auf Empfehlung von Bernd Hölzenbein 2010 von den Offenbacher Kickers geholt. »Ein Hänfling«, sagt Bruchhagen im Rückblick.

Rode hat eine große Karriere gemacht. Er spielte für Bayern München und Borussia Dortmund, lernte bei den größten Trainern wie Pep Guardiola oder Thomas Tuchel bevor er 2019 wieder zur Eintracht zurückkehrte.

Das Finale von Sevilla war der Höhepunkt seiner Karriere. Als Kapitän führte er die Mannschaft zum Europapokalsieg, er erhielt aus den Händen von UEFA-Präsident Aleksandr Ceferin die Trophäe, gezeichnet von einem aufregenden Spiel. Die Narbe an der Stirn ist auch jetzt noch sichtbar, mehr als ein halbes Jahr später. Für Rode nur eine »kleine Schramme«. Er hat Schlimmeres erlebt in seiner Karriere. Das Knie ist im Grunde seit einigen Jahren nicht mehr geeignet für Profifußball. Aber Rode wäre nicht Rode, würde er sich davon unterkriegen lassen. Er spielt nur noch so lange, wie es der manchmal malade Körper zulässt. Er trainiert weniger als die anderen, er spielt auch weniger. Er ist Teilzeitkraft. Aber in dieser Funktion noch immer ungemein wichtig für das Team. In Trainer Oliver Glasner hat er einen von vielen großen Befürwortern. Glasner würde ihn wohl auch aufstellen, wenn er nur ein paar Minuten spielen könnte. Jüngstes bestes Beispiel für die Bedeutung Rodes war der 2:1-Sieg im letzten Champions-League-Gruppenspiel in Lissabon. Die erste Halbzeit hatte die Eintracht in den Sand gesetzt. Glasner wechselte zur zweiten Halbzeit Rode ein. Der riss das Spiel an sich und brachte seine Mannschaft auf den Weg ins Achtelfinale. Er hat das Spiel gedreht und war wieder einmal der »Held« der Eintracht, ganz so wie im »Blut«-Endspiel von Sevilla. »Er weiß einfach wie es geht«, sagt Torhüter Kevin Trapp, »Seppl ist eine Persönlichkeit und ganz, ganz wichtig für unser Spiel.«

Wie lange das noch so geht, kann keiner sagen. Der Vertrag des 32 Jahre alten Mittelfeldspielers läuft noch bis 2024. Bis dahin will Rode durchhalten und dabei weiter Woche für Woche, Tag für Tag auf seinen Körper hören. Und im Training hart arbeiten, um die Spielzeiten immer weiter zu erhöhen.

Mit einem Kurzeinsatz in Mainz, eingewechselt in der 59. Minute, wieder ausgewechselt in der 89. Minute, hat er das alte Jahr beendet. Diesmal war es die Wade, die Probleme bereitete. Seitdem hat er die Knochen geschont. Im neuen Jahr will er wieder länger spielen. Jede Minute wäre für die Eintracht wichtig.

Der chinesische Kalender bezeichnet 2022 als das »Jahr des Tigers«. Im Kalender des Fußballs war es das stattdessen »Jahr des Adlers«. Die Frankfurter Eintracht, ihre Spieler tragen den Adler als Wappen auf der Brust, ist hoch geflogen, noch höher als in den Jahren zuvor. Mit dem Sieg in der Europa League hat die Eintracht zum ersten Mal nach 42 Jahren wieder einen internationalen Titel gewonnen. Mit tollen Auftritten in der Champions League haben sie im zweiten Halbjahr den Aufwärtstrend bestätigen können. Die Erfolge wurden erreicht mit großer Geschlossenheit und mit viel Leidenschaft. Aber es brauchte auch »Heldentaten« einzelner Spieler in wichtigen Momenten der vielen wichtigen Spielen. Dies sind ihre Geschichten.

(pep)

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