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Stellschrauben

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Von: Alexander Fischer

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Ganze Reihen bleiben frei: Auch die Gießen 46ers haben mit dem Zuschauerschwund zu kämpfen. Foto: Schepp © Schepp

Gießen. Corona-Pandemie, Energie-Knappheit, Verteuerung der Lebensmittel, Ukraine-Krieg, Inflation: »Gefühlt schlittern wir von der einen Krise in die nächste«, hat Jennifer Kettemann, Geschäftsführerin des Handball-Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen, dieser Tage die immer bedrohlicher werdende Situation im Profisport treffend zusammengefasst. »Alle Vereine haben mit Rückgängen zu kämpfen, was nur allzu verständlich ist«, so die 40-Jährige.

»Eine vierköpfige Familie muss sich überlegen, ob sie viermal in der Saison zu einem Spiel geht oder nur einmal. Das kann ich bei der momentanen Unsicherheit in der Gesellschaft nachvollziehen.«

Stimmen die Worte des Mitglieds im Präsidium der Handball-Bundesliga? Was gedenkt der Spitzensport zu tun, um die Fans wieder anzulocken? Wir haben bei unseren mittelhessischen Profivereinen nachgefragt. Und offene, zum Teil nachdenklich stimmende, zum Teil auch beängstigende Antworten erhalten.

RSV Lahn-Dill

Im Vergleich zur Zeit vor Corona, als im Schnitt 1300 Zuschauer zu den Partien des Rollstuhlbasketball-Bundesligisten kamen, ist der Schnitt in der vergangenen Runde auf nur noch 700 abgesackt. In der aktuellen Spielzeit ist laut Andreas Joneck noch einmal ein Minus von »fünf bis zehn Prozent« dazugekommen, allerdings gibt der Manager zu bedenken, »dass wir bislang noch kein Top-Duell zu Hause hatten und auch die Playoffs noch fehlen.«

Der 57-Jährige beklagt eine Kostenexplosion rund um die Themen Mindestlohn, Mehrausgaben für Bus- und Flugzeugreisen sowie die Verlegung des Bodens in der Buderus-Arena, weiß aber auch, dass die Treuesten der Treuen, nämlich rund 350 Dauerkartenbesitzer, den Rollis stets gewogen sind.

»Insgesamt haben die Menschen noch immer Angst, wegen der Pandemie in geschlossene Hallen zu gehen. Sie haben sich in den zweieinhalb Jahren Corona an eine Art Online-Leben gewöhnt und bleiben zu Hause vor den verschiedenen Livestreams sitzen. Insgesamt wissen die Menschen nicht, wie hoch ihre Ausgaben für die täglichen Bedürfnisse des Lebens noch steigen, deshalb vermeiden viele Sport- und Kulturveranstaltungen oder Ausgaben für Restaurant und Fitnessstudio-Besuche«, so Joneck, der mit seinen Vorstandskollegen Sven Köppe und Nicolai Zeltinger den Kopf aber nicht in den Sand steckt, sondern kreativ ist.

Sie planen Doppelspieltage und Kombiticket-Aktionen mit Vereinen in der Nähe. »Wir wollen den Leuten weiterhin zeigen, dass es uns gibt und dass es sich lohnt, Spitzensport in der Region live vor Ort zu verfolgen.« Die Eintrittspreise aus der Vorsaison hat der RSV Lahn-Dill beibehalten. Wohl wissend, so Joneck, »dass bei einer Inflation von rund zehn Prozent das, was wir aus den Einnahmen erwirtschaften, deutlich weniger wert ist«.

HSG Wetzlar

Von einem »drastischen Zuschauerrückgang« und von einem »langen Kampf«, um die Besucher zurückzugewinnen, spricht Björn Seipp, der Geschäftsführer des Handball-Bundesligisten.

Kamen vor Corona noch durchschnittlich 4000 Besucher zu den Matches, so liegt die Auslastung inzwischen nur noch bei 2500. »Jeder kennt irgendeinen, der erkrankt ist. Das sorgt die Leute. Sie wägen ab, ob es sich lohnt, in die Halle zu gehen oder nicht.«

Der 48-Jährige verliert aber auch nicht aus den Augen, dass »wir einen Top-Fernsehvertrag haben, der es den Fans leicht macht, auch mal von der Couch aus Handball zu schauen.« Und Björn Seipp gibt auch offen zu: »Unsere letzten Heimspiele waren ja nun mal auch nicht so, dass uns die Leute die Tickets aus den Händen reißen.«

Den Erlös über Dauerkarten hat die HSG über die Jahre stabil halten können, derzeit sind 1663 solcher Tickets an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht worden. Die Preise haben die Verantwortlichen gegenüber der Vorsaison stabil gehalten, sie überlegen allerdings, künftig ein wenig mehr zu nehmen. Seipp: »Alles wird teurer für uns, angefangen bei den Kosten für die Dienstleister bis hin zu Licht und Heizung. Da müssen wir uns sicher Gedanken machen.«

Um dem Zuschauerrückgang entgegenzuwirken, wollen die Männer aus Dutenhofen und Münchholzhausen künftig noch präsenter sein bei Sponsoren und bei Fans, außerdem soll die Organisationsstruktur auf der Geschäftsstelle überdacht werden. »Vielleicht haben wir beim Thema Ticketing noch nicht all unsere Ressourcen ausgeschöpft.« Beim Blick in die Glaskugel befürchtet Björn Seipp, dass »wir am Ende der Nahrungskette« stehen. »Die Leute brauchen nach der langen Corona-Zeit Ablenkung, sie drehen aber jeden Euro zweimal um.«

Gießen 46ers

Die Verantwortlichen des Basketball-Zweitligisten haben eine sogenannte »Flexi-Card« eingeführt, mit der Fans sechs Spiele ihrer Wahl statt die komplette Vorrunde sehen können. »So vermeiden sie, dass sie eine teure Karte gekauft haben, sie aber verhindert sind und das Spiel nicht sehen können«, glaubt Pressesprecher Daniel Rohm an einen positiven Effekt.

Als Kostentreiber benennt der 41-Jährige die Themen Mindestlohn, Energie und Mitarbeiter. »Natürlich wurde unsere Geschäftsstelle nach dem Abstieg personell verschlankt. Das bedeutet aber, dass wir in einigen Bereichen Aushilfen benötigen, die auch bezahlt werden wollen.« Den selbst produzierten Stream bei Sportdeutschland.TV bezeichnet Daniel Rohm als »richtig gut gemacht, was aber leider im Umkehrschluss auch dazu führt, dass Menschen in Corona-Zeiten lieber zu Hause auf der Couch bleiben.«

Um mehr auf die Anhänger, die die Osthalle zurzeit nur noch zu gut einem Drittel füllen, zuzugehen, planen die 46ers Gruppenangebote für Verein und Ticket-Pakete. Außerdem: Die Kooperationen mit Schulen werden ausgebaut, die Social-Media-Aktivitäten ebenfalls.

Insgesamt spricht Daniel Rohm von »großen Herausforderungen, die in den nächsten eins, zwei Jahren auf uns warten, denn die Liga treibt die Professionalisierung voran, egal ob Corona herrscht oder die Leute jeden Euro zweimal umdrehen.« Und wer dabei mithalten möchte, muss nun mal Geld in die Hand nehmen, um am Ende des Tages auch welches zu generieren.

Gießen Pointers

Von seinem im Sommer formulierten Ziel, »500 bis 800 Zuschauer« für die ProB begeistern zu können, ist Dirk Schäfer meilenweit entfernt. Zum Saisonstart gegen Lok Bernau kamen 150 Besucher in die Sporthalle Ost, zum zweiten Heimspiel gegen Rist Wedel nur noch 120. Dass dies für den Aufsteiger in die 3. Basketball-Liga eine Steigerung gegenüber den 70, 80 Treuen aus Regionalliga-Zeiten bedeutet, bestreitet der in der kommenden Woche aus gesundheitlichen Gründen ausscheidende Geschäftsführer nicht, dennoch muss er sich eingestehen: »Wir sind in den Medien nicht präsent genug, wir haben uns nicht ausreichend präsentiert, die Menschen haben uns gar nicht richtig wahrgenommen.«

50 Dauerkarten an den Mann oder die Frau gebracht zu haben, ist definitiv zu wenig. Die Preise für die Tagestickets wurden leicht angehoben, befinden sich bei zehn beziehungsweise sieben Euro jedoch noch immer auf einem für mittelhessische Verhältnisse niedrigen Niveau. Seinen Club sieht »Alleinunterhalter« Dirk Schäfer für die Zukunft »solide aufgestellt«, mehr aber auch nicht.

»Um in Liga drei dauerhaft bestehen zu können, müssen sich mehr Menschen für die Pointers engagieren.« Aktionen wie die Verlosung handsignierter Trikots, besondere Angebote für Studenten oder eine neue Cheerleader-Formation, die sich erstmals der Öffentlichkeit präsentiert, sind im Bemühen des Aufsteigers, neben Platzhirsch 46ers irgendwie sichtbar zu bleiben, wie die berühmten Tropfen auf den heißen Stein. Schäfer: »Etwas Vernünftiges zu essen, das Auto zu tanken oder die Heizung aufzudrehen, das ist den Leuten wichtiger als ein Basketballspiel.«

EC Bad Nauheim

Über derzeit für Proficlubs eher ungewöhnliche Maßnahmen denken die Verantwortlichen des Eishockey-Zweitligisten nach, die laut Aussage von Dag Heydecker, dem Leiter Marketing und Öffentlichkeitsarbeit, sogar Preissenkungen in Erwägung ziehen. »Wir haben verstanden«, sagt der 62-Jährige, der sich mit seinen Gesellschaftern einig ist »dass es ein großer Fehler wäre, die gestiegenen Preise an die Fans weiterzugeben.« Heydecker sagt, dass viele Sponsoren nur in die »Roten Teufel« investieren würden, weil »sie die einzigartige Stimmung bei einem Eishockeyspiel in unserer nach drei Seiten offenen Arena und die Fans, die sich teils einzigartige Choreografien einfallen lassen, so sehr mögen.«

Der Club habe fantastische Ultras, die der EC nicht vergraulen dürfe. »Deshalb haben wir unlängst unsere Fanfahrt nach Krefeld auch für 19,46 Euro statt für 70 Euro, die sie eigentlich gekostet hätte, angeboten.« Eishockey in der Wetterau sei »Kultur, Lebensfreude und Tradition«, diese Werte wolle der Verein erhalten, was, so der Spiritus Rector des Eishockeys in der Wetterau, nur funktioniere, wenn die Menschen einmal pro Woche auch ins Stadion kämen.

Im Gegensatz zu anderen Vereinen liegen in Bad Nauheim das Catering und das Merchandising in der Hand des Clubs, der dafür keine externen Dienstleister benötigt. Das spart Geld und generiert Einnahmen. Verkaufte 1250 Dauerkarten bezeichnet Heydecker als »überragend«, einen Zuschauerrückgang verzeichnet das Eishockey in der Kurstadt gegenüber der Vorsaison oder gegenüber der Zeit vor Corona nicht. Und dies, obwohl die Menschen auf SpradeTV auch jede Partie live sehen könnten ...

TV Hüttenberg

Auch die Verantwortlichen des Handball-Zweitligisten haben über eine Senkung der Eintrittspreise diskutiert, sind aber laut Geschäftsführer Fabian Friedrich zu der Auffassung gekommen, dass dies »wirtschaftlich nicht darstellbar« sei.

Nach Corona hat der Traditionsclub die Eintrittspreise leicht erhöht, bei Dauerkarten um zehn Prozent, bei den Tagestickets um 1,50 Euro. »Denn«, so Friedrich, »wir haben durch Dienstleister, die den angehobenen Mindestlohn bezahlen müssen, und durch technische Vorgaben wie LED-Banden und TV-Übertragungen Mehrkosten, die wir anders nicht stemmen könnten.« Dass den Handballern durch Streaming-Angebote Fans in der Halle verloren gehen, weiß Friedrich, er glaubt aber, dass »der Trend sowieso zum Bezahlfernsehen« gehen wird.

Um die im Schnitt rund 600 Besucher in der Hüttenberger Sporthalle halten oder die Zahl sogar ausweiten zu können, sind die Spieler bei Grundschul-Aktionstagen unterwegs. Auch über eine Schnupper-Dauerkarte erhoffen sich die Verantwortlichen, Sportbegeisterte in die Sporthalle zu bekommen. »Wir haben keine Angst, aber durchaus Respekt vor den kommenden Monaten. Die Menschen wissen finanziell noch nicht, was auf sie zukommt. Für solche Unwägbarkeiten müssen wir gewappnet sein«, so der Geschäftsführer, der am Saisonende ausscheiden wird. Einen Nachfolger hat der TVH aber noch nicht bekanntgegeben.

Steigende Ausgaben, geringere Einnahmen. Und Sportbegeisterte, die ihr Geld zusammenhalten, da ein Ende der Preissteigerung bei Lebensmitteln, Sprit, Gas oder Strom noch nicht absehbar ist. Das Wehklagen allüberall ist groß, zumal wir noch immer mitten in der Corona-Pandemie stecken und sie, wie viele glauben, noch lange nicht hinter uns gelassen haben. Die Entwicklung aber war absehbar. Spätestens seit Ende Februar und dem Einmarsch von Russland in der Ukraine.

Der Sport steht da am Ende der Nahrungskette. Wie Kino, Theater, Kneipen, Restaurants oder Fitnessstudios. Überall drehen die Menschen ihren Euro zweimal um und beschließen, statt einmal pro Woche nur noch zweimal im Monat zu einer Veranstaltung, zu einem Essen oder zur eigenen Ertüchtigung zu gehen.

Der Profisport muss sich positionieren. Und die Fans nicht vergraulen, sondern sie mit ins Boot holen. Die Zeiten, in denen zwei Erwachsene mit ihren Kindern zu einem Spiel gehen und ein Hunderter für Eintritt, Würstchen und Getränke nicht mehr ausreicht, sind vorbei!

Die Besucher bei der Stange zu halten, geht nur über ein ganz klares Zeichen: Nämlich die Eintrittspreise zu senken statt sie beizubehalten oder zu erhöhen. Was leichter gesagt (oder geschrieben) als umgesetzt ist, natürlich. Die Stellschrauben, an denen es zu drehen gilt, sind jedoch noch lange nicht festgerostet. Und alle Überlegungen bei den Themen Eindämmung von Spielergehältern, Stärkung der Ehrenamtlichen, Öffentlichkeitsarbeit oder Reduzierung der Teams hinter den Teams ausgeschöpft. Alexander Fischer

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