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Suche nach besserem Leben

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Großes Volleyball-Talent: Greta Schindele mit Trainer Samuel Schoele. Foto: Fischer © Fischer

Waldgirmes. Szombathely hat für Touristen viel zu bieten: Kathedrale Mariä Heimsuchung, Orthodoxe Synagoge, Bischof-Palais. Und wer seine Zähne machen lassen will, ist in der 80 000 Einwohner zählenden Stadt im Westen Ungarns ebenfalls bestens aufgehoben. Tausende von Deutschen, Österreichern, Schweizern und Franzosen kommen ob der günstigen Behandlungskosten jährlich nach »Stein am Anger«, so die von bayrischen Siedlern geprägte Übersetzung, um sich ein wenig aufhübschen zu lassen.

Greta Lili Schindele ist in der bekanntesten Industrie- und Gewerbestadt der Region Westtransdanubien geboren und aufgewachsen. Doch groß geworden ist die heute 19-Jährige in Wetzlar. Weil ihre Eltern Helga und Gabor irgendwann beschlossen, ihrem einzigen Kind ein besseres Leben als das im Staate der Magyaren zu ermöglichen. »Jugendliche haben es unter Ministerpräsident Viktor Orban sehr, sehr schwer«, berichtet die junge Frau. »Sie stehen unter Druck, etwas erreichen zu müssen. Das gelingt aber nur den Wenigsten. Wer in der Schule nur Durchschnitt ist, der lebt später am unteren Rand der Gesellschaft.«

Also reiste der Papa, heute 47, schon 2011, also ein Jahr nach der Machtübernahme des Autokraten Orban, nach Deutschland aus, um für seine kleine Familie alles vorzubereiten. Greta und ihre Mutter (44) folgten 2014. »Es waren drei harte Jahre, in denen wir uns nur wenig gesehen haben.« Und vor allem: »Wir haben Freunde und Familie hinter uns gelassen. Das war echt hart.« Besonders für ein Mädchen, das die Dimensionen der elterlichen Entscheidung überhaupt noch nicht überblicken kann.

Die Kleine kam in die 5. Klasse der Stein-Schule. »Manche Mitschüler haben mich in den Pausen angeschaut, als sei ich ein Alien«, berichtet Greta Schindele acht Jahre später in akzentfreiem Deutsch. »Sie fanden es wahrscheinlich lustig, dass plötzlich jemand in ihrer Klasse sitzt, der nichts verstand.« Ein halbes Jahr später jedoch hatte sie ihre anfänglichen Probleme und Sorgen überwunden. Sie lernte schnell, sie wurde gefordert. Und vor allem gefördert. Von vielen Menschen an der Schule, die es wirklich gut mit ihr meinten. Und von ihrer Sportlehrerin Olga Krivosheeva, von der sie ihren Eltern zu Hause voller Begeisterung berichtete.

Als der Vater googelte, welche Berühmtheit sich da um seine Tochter bemühte, war allen klar: Greta Schindele muss Volleyball spielen, zumal ihr die Frau aus Nowosibirsk, die 1988 bei den Olympischen Spielen in Seoul mit der sowjetischen Nationalmannschaft Gold geholt hatte und die inzwischen an der Lahn heimisch geworden ist, enormes Talent bescheinigte. »Sie hat beim Völkerball mal zu mir gesagt, mein Armzug sei einmalig und ich müsse Volleyball spielen.« Also nahm Olga Krivosheeva die Sechstklässlerin mit zum TV Wetzlar, bei dem sie als Zwölfjährige ihr erstes Kreisliga- und als 13-Jährige ihr erstes Bezirksoberligaspiel bestritt.

Mit 14 wurde Landestrainer Volkmar Hauf auf das Talent aufmerksam. Greta Schindele war alsbald mit Doppelspielrecht für den TVW und den TV Biedenkopf aktiv, »zwei Spiele samstags und zwei sonntags, das hat echt geschlaucht.« Als Georg Quillmann, der Spiritus Rector des TV Waldgirmes, auf die Ungarin aufmerksam wurde, kam sie zur Saison 2019/20 ins Oberliga-Team der Lahnauerinnen. Peter Schlecht holte die Außenangreiferin schließlich im vergangenen Jahr das eine oder andere mal als Ergänzung ins Zweitliga-Team, in dem sie nun unter Samuel Schoele eine tragende Rolle spielt.

»Ich habe sie fest hochgeholt, weil sie einfach gut ist«, redet der 40-Jährige nicht um den heißen Brei herum. »Sie hat eine enorme Sprungkraft, eine stabile Annahme und verbreitet gute Stimmung. Wenn sie ihren Respekt vor manch bekanntem Gegner noch ablegt und an ihrem Selbstvertrauen arbeitet, dann werden wir noch viel Freude an Greta haben«, weiß der TVW-Coach, welche Perle sich in seiner Mannschaft versteckt.

Studium

Dass sich die Waldgirmeserinnen im deutschen Unterhaus nach der Erteilung der Lizenz nur zwei Wochen vor dem Saisonstart in einer schwierigen Situation befinden, schreckt weder Greta Schindele noch »Sam« Schoele. »Wir wollten die Chance annehmen, in der 2. Bundesliga zu bleiben, denn wir wollten uns von Spiel zu Spiel verbessern«, berichtete die 19-Jährige. Und ihr Übungsleiter ergänzt: »Unser Kader besteht fast zur Hälfte aus Oberliga-Spielerinnen. Sie sehen die Liga als Plattform, sich zu präsentieren, was uns trotz der bisherigen Niederlagen auch gut gelungen ist.«

Natürlich spricht Samuel Schoele davon, dass es frustrierend sei, in einer »Profi-Liga ohne Profi-Sportler« nur zu verlieren, seine Nummer 6 jedoch sagt, dass für sie »jede Partie ein echtes Erlebnis« sei. »Volleyball ist mein Hobby, dem ich alles unterordne«, bleibt bei drei Trainingseinheiten sowie Spielen am Wochenende wenig Zeit für anderes. Was auch Zwergdackel György und ihre beste Freundin, Mitspielerin Pauline Götz, ab und zu zu spüren bekommen.

Schließlich hat auch der Tag von Greta Schindele nur 24 Stunden, die mit ihren Abiturvorbereitungen eng getaktet sind. An der Wetzlarer Goetheschule soll im Frühjahr eine 1 vor dem Komma stehen, »mal sehen, was am Ende dabei herauskommt.« Jedenfalls soll es trotz der Leistungskurse Englisch und Biologie zu einem Jura-Studium reichen, das sie im Oktober 2023 beginnen wird.

Die Entscheidung der Eltern, Ungarn zu verlassen, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen, war offenbar die richtige .

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