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Talentierter Handwerker, harter Arbeiter

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Behält auch im Abstiegskampf den Durchblick: 46ers-Akteur Florian Koch (links, hier im Duell mit Karsten Tadda). © Schepp

Gießen. »Des Handwerks treuer Schutzpatron, der heilige Sankt Silikon.« »Handwerker pfuschen nicht, sie sind kreativ.« »Ein Mann, ein Wort, ein Werkzeug.« Florian Koch kennt sie alle, die Sprüche rund ums Heimwerken. Doch sie beeindrucken ihn wenig. »Mir geht das Herz auf, wenn ich mir einen neuen Bandschleifer kaufe«, weiß der 29-Jährige nicht nur um seine Fähigkeiten, sondern vor allem auch um sein Arsenal an Gerätschaften.

Akkuschrauber, Stichsäge, Schraubendreher, Zange, Schlagbohrer, Nägel, Dübel, Schrauben, Muttern - Koch besitzt alles, was das Männerherz höher schlagen lässt. Doch er hortet nicht nur, er hantiert damit. Durchaus geschickt, wie auch seine Frau Tine zu bestätigen weiß.

Die beiden haben unlängst in der Nähe von Bonn ein altes Holzhaus, Jahrgang 1936, gekauft. Eines mit Renovierungsstau. Eines, in dem sie jede freie Minute verbringen, um zu werkeln. Und in dem sie möglichst in den Wochen und Monaten nach dem Saisonende so weit kommen wollen, dass einem Einzug nichts mehr im Wege steht. Holzarbeiten, Böden, Sanitär, Fliesen - Flo Koch kann viel, er ist handwerklich begabt. Jedenfalls riechen seine Fähigkeiten nach einem zweiten Standbein abseits des Basketballs, wo die Karriere in einem gestandenen Basketballer-Alter von bald 30 endlich erscheint.

Der Profi des Bundesligisten Gießen 46ers ist der mit Abstand beste Deutsche, den der Tabellenvorletzte derzeit auf dem Parkett stehen hat. Treffsicher, beweglich, emotional, einsatzfreudig. Nach einigen Wochen der Anpassung an das, was Coach Pete Strobl will, nach einigen Partien des Beschnuppern mit den Nebenleuten ist der Small Forward nicht nur angekommen in der Osthalle, sondern auch als Starter eine Stütze des Teams geworden.

Im Schnitt 8,4 Punkte und eine Dreierquote von fast 43 Prozent sprechen für den gebürtigen Rheinländer, wenngleich seine 17 Zähler in über 33 Minuten zuletzt gegen die BG Göttingen, 18 Punkte in 27 Minuten bei den Hamburg Towers oder sein Karrierebestwert von 23 Zählern in nur 24 Minuten gegen Spitzenreiter und Ex-Club Telekom Baskets Bonn verraten, dass seine Formkurve aufsteigend ist. Erst recht, seit BJ Blake Hals über Kopf in die Staaten zurückgekehrt ist. »Natürlich ist das Vertrauen des Trainers in mich seither noch größer geworden, natürlich haben sich meine Minuten erhöht, natürlich darf ich werfen, wann immer es geht«, ist Florian Koch nicht nur zu einer Konstanten, sondern auch zu einer zentralen Figur, zu einem Hoffnungsträger im Abstiegskampf geworden. Groß geworden ist Koch, der aus Rheinbach bei Bonn stammt, bei den dortigen Telekom Baskets. In der Saison 2011/12 kam er unter Coach Mike Koch zu seinen ersten vier Einsätzen in der höchsten deutschen Spielklasse, war aber ansonsten mittels Doppellizenz hauptsächlich für das Bonner Farmteam Dragons Rhöndorf aktiv. Im Sommer 2013 gehörte Flo Koch, der im Januar 2013 eine Ausbildung zum Industriekaufmann abschloss, unter dem ehemaligen Rhöndorfer Vereinstrainer Olaf Stolz bei der Sommer-Universiade 2013 im russischen Kasan dem Endrundenkader der deutschen A2-Auswahl an.

Nach neun weiteren Erstliga-Einsätzen in der Spielzeit 2012/13 bei den Telekom Baskets rückte Koch in der Saison 2013/14 unter Trainer Mathias Fischer stärker in die Rotation. Eine Runde später stand er fast immer in der Bonner Startaufstellung. Insbesondere nach dem Trainerwechsel im Dezember 2015 zeigte sich Koch unter dem neuen Coach Carsten Pohl, seinem ehemaligen Mentor und Individualtrainer, stark verbessert und punktete stetig zweistellig. Es folgten eine Saison bei den MHP Riesen Ludwigsburg und drei bei s.Oliver Würzburg, ehe er im vergangenen Sommer den Weg an die Lahn fand.

Der in die A1-Nationalmannschaft ist ihm bisher verwehrt geblieben. Das macht Flo Koch, dessen Eltern Martina und Reimund seine größten Fans, aber auch seine schärfsten Kritiker sind, jedoch keinen Kopf. »Ich gehöre nicht in das Beuteschema von Coach Gordon Herbert. Entweder nimmt er ganz junge Spieler oder welche mit EuroLeague-Erfahrung.« Hoffnungen macht sich Koch keine mehr: »Ich verweile nicht in der Zukunft, das hält nur auf.«

Lieber agiert er im Hier und Jetzt, hängt sich bei den Gießen 46ers rein, achtet auf seine Ernährung, fordert seinen Körper im Kraftraum und benutzt seinen Kopf. »Wenn ich gut gespielt habe, bin ich nicht zu sehr euphorisch. Und wenn es schlecht gelaufen ist, ziehe ich mich in kein Schneckenhaus zurück.«

Er sei entspannter geworden als früher, ruhiger, routinierter, fokussierter. Was er auch auf sein gefestigtes Privatleben an der Seite von Ehefrau Tine, die am Rhein in der Vermittlung von Studenten-Appartements tätig ist und die deshalb nicht immer in Gießen wohnt, zurückführt. Wenn seine Jugendliebe jedoch da ist, dann stehen lange Spaziergänge mit ihr und Hund Vilo, einem Mischling aus Kroatien, ganz oben auf der To-Do-Liste. »Die Wälder rund um die Stadt sind dafür ideal.«

Dass Florian Koch bei den 46ers nur einen Ein-Jahres-Vertrag unterschrieben hat, hält er für ganz normal. »So etwas ist immer die fairste Lösung für beide Seiten.« Schon früh hatte er Kontakt zu Geschäftsführer und Sportdirektor Sebastian Schmidt, den er aus gemeinsamen Rhöndorfer Tagen kennt. »Ich habe ihm gesagt, ich komme gerne, ich möchte aber in der 1. Bundesliga spielen.« Damals war die Wildcard noch nicht vergeben und Gießen stand am Abgrund. Als der Klassenerhalt sicher war, sagte er zu. Versprochen ist versprochen.

Den Liga-Verbleib hält der Hobby-Handwerker für realistisch, »wir werden das Problem als Team lösen.« Seinen Beitrag zum Gelingen des Ganzen will er nicht so groß herausstellen, dennoch betont der leidenschaftliche Tee-Trinker (»Bjarne Kraushaar habe ich schon von den Vorteilen dieses Getränks überzeugen können«), dass der Weg beschwerlich ist. Seine Akkus jedenfalls seien voll. »Ich bin keiner, der groß darüber nachdenkt, ob die Frisur sitzt, ob die Piercings nicht verrutschen oder ob die Tattoos auch gut zu sehen sind, ich streife einfach mein Trikot über und lege los.« Im Umkehrschluss: Körperschmuck? »Nein danke!«

Aber was, sollte das Abenteuer Gießen in die Hose gehen? »Ich möchte noch ein paar Jahre auf höchstem Niveu spielen.« Und dann? »Ich bin nicht auf den Kopf gefallen, ich kann Geld verdienen, irgendwo wird sich für mich eine Tür öffnen.« Wenn alle Stricke reißen, dann als Handwerker. Das Talent dazu hat Florian Koch. Und die Werkzeuge auch ...

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