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»Tanzt die Humba mit uns«

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Wetzlar. Ben Matschke lächelte: »Als ich heute morgen das negative Testergebnis bekommen habe, bin ich erstmal durch die Wohnung getanzt«, sagte der Trainer der HSG Wetzlar wenige Minuten nach dem überaus positiven Wettkampfergebnis und seinem ersten persönlichen Triumph gegen den THW Kiel.

HSG Wetzlar - THW Kiel 29:27

Mit dem 29:27 (12:9) wiederholten die Bundesliga-Handballer von der Lahn den Husarenstreich aus der Vorsaison gegen den zwar dauergestressten, aber trotzdem sehr, sehr großen Rekordmeister von der Förde.

»In der ersten Halbzeit haben wir eine super Deckung gestellt, in der zweiten Halbzeit sehr intelligent im Angriff gespielt«, fasste Magnus Fredriksen das Geschehene treffend zusammen. Der an der Schulter lädierte Spielmacher hatte in der Crunchtime den alles entscheidenden 29. Treffer für die Grün-Weißen markiert. Ein paar Augenblicke später war es vollbracht, die Humba angestimmt von Alexander Feld und grenzenlose Freude über das erneut geschlagene Schnippchen gegen einen Topclub des Oberhauses konnten kommen. Die erste Halbzeit war einigermaßen erwartungsgemäß losgegangen. Die Wetzlarer gingen zwar durch Olle Forsell Schefvert in Führung, doch danach bestimmten zunächst die favorisierten Gäste den Takt. Favorisiert vor allem deshalb, weil schon beim Abtippen der Mannschaftsaufstellung deutlich wurde, welch Qualität da das Parkett der Rittal-Arena betreten konnte. Im Rückraum durfte sich THW-Coach Filip Jicha den Luxus erlauben, quasi in jedem Angriff einen anderen Star in die Verantwortung zu schicken. Und am Kreis ließ es »Bam-Bam« in der Anfangsphase gleich drei Mal krachen. Patrick Wiencek machte es den Wetzlarern vor, wie der gegnerische Innenblock erfolgreich aufzubrechen war. Bis zum 5:3 (11.) hielt die Herrlichkeit an diesem vierten Advent aus Sicht des Rekordmeisters.

Doch dann hielten die von den eigenen Fans unter den 1250 Zuschauern immer wieder frenetisch angefeuerten Grün-Weißen geschlagene acht Minuten und 22 Sekunden lang hinten die Null. Eine phänomenale Deckung mit Forsell Schefvert und Adam Nyfjäll im Zentrum, dahinter ein Till Klimpke, der mit seiner sechsten Parade kurz vor dem Wechsel auch statistisch an seinem Gegenüber Niklas Landin vorbeizog - die HSG verdiente sich speziell in der Deckung die Wende zu ihren Gunsten. Vorne wiederum nutzten Nyfjäll, Domen Novak und Emil Mellegard die Lücken, die die offensive Abwehr der »Zebras« ermöglichten. Dazu explodierte Stefan Cavor beim 7:5 unter Zeitnot förmlich und übernahm Verantwortung, die der gut abgeschirmte Lenny Rubin nicht übernehmen konnte. Angeführt von Alex Feld und vom eingewechselten Magnus Fredriksen wurde aus dem Zwei-Tore-Rückstand eine relativ komfortable Führung für die HSG, die mit 12:9 nach 30 Minuten dem ideenlos wirkenden Titelkandidaten sogar noch schmeichelte.

Starker Klimpke

Zwischen der 35. und 45. Minute versuchten die Kieler in ihrem 29. Pflichtspiel der laufenden Saison nochmal alles, verkürzten ihre Angriffe auf ein Minimum und lagen vor allem dank Superstar Sandor Sagosen kurzzeitig auch auf Tuchfühlung (18:19, 22:23, 26:27). Aber die HSG wollte das Tänzchen mit dem Hochkaräter bis zum Schluss weiterführen, steuerte dank Feld, Fredriksen und dem trotz zweier früher Zeitstrafen hinten wie vorne top aufgelegten Forsell Schefvert die eigene Offensive immer wieder auf Erfolgskurs. Und weil auch Rubin seine Wurfauswahl und -präzision immer besser in den Griff bekam, obendrein Domen Novak von Rechtsaußen einen Ball aus unmöglichem Winkel an Landin vorbei ins Netz hämmerte sowie Nyfjäll am Kreis ohne Fehl und Tadel abschloss, war das Déjà-vu für den THW nach der 22:31-Schmach vom Oktober 2020 am vierten Advent 2021 perfekt.

»Respekt vor meiner Mannschaft, wie sie sich jeden dritten Tag reinhaut. Aber auch Glückwunsch an Ben und die HSG Wetzlar«, sagte Filip Jicha in der Pressekonferenz nach dem neuerlichen Negativerlebnis an der Lahn. »Es ist bitter, wir müssen die Tablette schlucken. Die Meisterschaft können wir abhaken«, fügte der kleinlaut wirkende Trainer des großen THW an.

Till Klimpke stand derweil nach der Humba unten auf dem Parkett der Halle und schmunzelte. »Machen wir es einfach wie letztes Jahr gegen Kiel, mit dieser Lockerheit sind wir reingegangen. Und es hat geklappt, Unglaublich«, sagte der Keeper. »Ich bin froh, dass ich heute hier in der Arena dabei sein durfte, um diese fantastische Leistung meiner Mannschaft direkt mitzuerleben«, verabschiedete sich HSG-Coach Ben Matschke weiter oben mit einem Lächeln von den fragenden Journalisten. Den 1250 Zuschauern ging es nach dem heißen Tanz im »Weihnachts-Heimspiel« gegen den müden, aber trotzdem übermächtig wirkenden THW Kiel sicher nicht anders.

Wetzlar: Till Klimpke (1), Suljakovic (n.e.) - Feld (1), Srsen (n.e.), Nyfjäll (5), Kusan (n.e.), Mirkulovski (n.e.), Danner (1), Weissgerber (n.e.), Holst (3/3), Fredriksen (2), Forsell Schefvert (3), Mellegard (2), Rubin (3), Novak (5), Cavor (3).

Kiel: Niklas Landin, Quenstedt (n.e.) - Ehrig (n.e.), Duvnjak (4), Sagosen (8), Reinkind, Magnus Landin (2), Weinhold (2), Wiencek (5), Ekberg (5/1), Benitez (n.e.), Dahmke (1), Zarabec, Horak, Bilyk, Pekeler.

Schiedsrichter: vom Dorff/ vom Dorff (Kaarst) - Zuschauer: 1250 - Zeitstrafen: Wetzlar drei (Forsell Schefvert zwei, Rubin), Kiel drei (Duvnjak, Sagosen, Magnus Landin) - verworfener Siebenmeter: Ekberg (Kiel) scheitert an Till Klimpke (9.).

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