Tate wird zum tragischen Helden

Chemnitz/Gießen. Leere Halle, leere Hände, leere Gesichter, leeres Konto: Aus der wegen der in Sachsen besonders hohen Coronazahlen zuschauerfreien Messestadt Chemnitz sind die Gießen 46ers in der Nacht zu Sonntag mit jeder Menge Frust nach Hause zurückgekehrt.

Dort, wo die Männer von der Lahn im April noch einen starken 95:71-Erfolg eingefahren hatten, mussten sie sich am Samstagabend nicht nur mit 75:82 (32:47), sondern vor allem mit der bitteren Erkenntnis, mehr hätten erreichen können, geschlagen geben. Denn ohne ihren serbischen Center Ivan Karacic, ohne Nelson Weidemann (beide verletzt) und ohne ihren kurzfristig nach Italien abgewanderten Kopf Gerald Robinson waren die Niners am zehnten Spieltag der Basketball-Bundesliga zu packen, hätten die Gäste nicht weite Teile der ersten Hälfte schlicht verschlafen.

»Wir wollten aus unserer letzten Niederlage gegen Ulm lernen, wie wir ein Spiel anfangen müssen. Offensichtlich haben wir das nicht gut gemeistert«, fasste 46ers-Coach Pete Strobl jene Viertelstunde zwischen der neunten und der 24. Minute relativ zurückhaltend zusammen, als der letztjährige Neuling aus einem 18:17 eine 54:34-Führung machte und damit die Partie kurz nach dem Start ins dritte Viertel schon so gut wie entschieden hatte.

Chemnitz 99ers - Gießen 46ers 82:75

Bei Gießen passte in dieser Phase, in der kaum Aggressivität herrschte und das eigene Foulkonto demnach auch wenig belastet war, wenig. Kendale McCullum verzettelte sich in wilden Eins-gegen-eins-Situationen. Maxi Begue bediente den Gegner statt den eigenen Mitspieler. Brayon Blake fiel durch fahrige Abschlüsse auf. John Bryant vergab auch die sichersten Korbleger. Und Neuerwerbung TJ Williams, der den mitgereisten, zuletzt aber gegen Ulm grottenschlechten Kyan Anderson als überzähligen US-Import zum Zuschauen verurteilt hatte, ließ die 24-Sekunden-Uhr ablaufen, ohne in einen Abschluss zu kommen. »In der ersten Hälfte hatten wir eine gute Trefferquote und waren bereit, das Spiel zu spielen, wie wir es uns vorgenommen hatten«, fand der argentinische Niners-Trainer Rodrigo Pastore lobende Worte über die Seinen.

Erst nach einer eindringlichen Pausenansprache von Pete Strobl und einigen taktischen Umstellungen kamen die Gäste deutlich beweglicher, ideenreichen und körperbetonter aufs Parkett zurück. TJ Williams blies mit dem ersten Dreier nach elf(!) Versuchen beim 37:54 zur Aufholjagd, die nach zwei weiteren Treffern von Brayon Blake jenseits der 6,25-Meter-Linie, einem Dreipunkte-Spiel von Jalen Tate, mehreren Steals des urplötzlich wie aufgedreht wirkenden Kendale McCullum und einigen harten Rebounds von Phil Fayne in einem 15:0-Lauf endete. »Wir haben uns richtig gut ins Spiel zurückgekämpft«, freute sich Pete Strobl, während Niners Topscorer Darion Atkins haderte: »Zwischenzeitlich haben wir völlig den Fokus verloren.«

Aber nur zwischenzeitlich. Denn als Jalen Tate erst den Ball vertendelte und sich dann auch noch zu einem unnötigen Foul hinreißen ließ, stellte Chemnitz vor dem letzten Viertel auf 63:57, obwohl Gießen eigentlich drauf und dran war, das Momentum zu nutzen und die Partie endgültig zu drehen.

Zu viele Fehler

Im Schlussabschnitt verhinderte die Unerfahrenheit einiger 46ers-Akteure einen durchaus möglichen Erfolg. Durch Brayon Blake und einem 8:0-Lauf noch 65:63 (33.) in Führung liegend, war es vor allem Jalen Tate, der zum tragischen Helden mit einigen Missgeschicken wurde. Erst leistete sich die 23-jährige Nachverpflichtung aus Toledo/Ohio einen Schrittfehler, dann fing er den Ball nicht, ehe er an der Freiwurflinie zweimal patzte. Als sich dann auch noch der ein durchaus vielversprechendes Debüt feiernde TJ Williams im Eifer des Gefechts erst einen Fehlpass leistete und dann einen Tempogegenstoß verlegte, war in der Messe Chemnitz die Messe gelesen. 68:65, 74:67, 77:69, 82:73 und schließlich mit 82:75 lagen die Niners in Front, was Darion Atkins treffend zusammenfasste: »Am Ende zählt nur der Sieg. Wie er zustande gekommen ist, interessiert bald niemanden mehr.«

Chemnitz 99ers: Gregori (n.e.), Ziegenhagen (12), Richter (5), Wimberg (10), Mike (11), Massenat (7), Jocelyn, Susinskas (8), Altkins (16), Lockett (13).

Gießen 46ers: McCullum (9), Omot (7), Nawrocki, Blake (16), Kraushaar (n.e.), Begue (2), Uhlemann (n.e.), Tate (12), Koch, Fayne (10), Williams (17), Bryant (2).

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