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Teufels Werk und Elissons Beitrag

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Lemgo-Wetzlar. Wer von den Mittelhessen an Flüche, Verwünschungen und Hexerei glaubt, ist richtig in Lemgo. Genauer gesagt: richtig in der Arena des TBV. Und zwar immer dann, wenn die HSG Wetzlar bei ihrem ungeliebten Rivalen in der Handball-Bundesliga antritt. 22-mal haben es die Grün-Weißen bei den Westfalen probiert. 22-mal ist außer zwei Unentschieden nichts passiert.

Und diesmal? Beim 23. Versuch? Da führt Wetzlar mit zwei Treffern, da führt Wetzlar mal mit vier Treffern und da führen die Domstädter sogar mit sechs Treffern. Und doch jubelt am Ende Lemgo. Jubelt nach einem 29:27-Sieg, der alle Grün-Weißen aufs Neue an Flüche und Hexerei glauben lässt.

Dabei scheinen die Gäste nach einem verwunschenen Start schnell in die Erfolgsspur zu kommen. Dank einer kleinen verbalen Hexerei in der Auszeit. Diese erste Auszeit nimmt Ben Matschke nach dreieinhalb Spielminuten. Eine Auszeit nach gerade mal dreieinhalb Spielminuten? Ja! Und damit liegt der grün-weiße Handballlehrer richtig. Denn seine Mannen beginnen die Partie so schlafmützig wie ein Vierjähriger nach fünf Sandmännchen-Folgen in Serie. Nicht so sehr die 2:0-Führung Lemgos zu diesem Zeitpunkt erzürnen Matschke, sondern die sichtbare Lethargie der Grün-Weißen. »Auf geht’s«, pampt der Trainer schließlich seine Spieler an, nachdem er ihnen die Leviten gelesen hat.

TBV Lemgo - HSG Wetzlar 27:29

Und danach heißt es tatsächlich: Auf geht’s! Auf geht’s nun verstärkt im Angriff der Gäste, die endlich konsequent ihre Abschlüsse nutzen. Vor allem der für Stefan Cavor eingesetzte Linkshänder Ivan Srsen findet immer wieder Lücken in der TBV-Abwehr und trifft zunächst zweimal.

Beim 4:4 durch den sicher verwandelten Siebenmeter von Maximilian Holst (8:20) ist der Gleichstand erreicht. Drei Treffer von Kreisläufer Adam Nyfjäll nach teils herrlichen Anspielen des zunächst grandiosen Regisseurs Magnus Fredriksen bescheren Wetzlar beim 7:6 die erste Führung (14:00).

Weissgerber glänzt

Danach verlieren die Gastgeber komplett den Faden. Erst pariert Till Klimpke gleich mehrere freie Würfe, dann agiert Lemgo minutenlang so planlos wie eine Hunderschaft Bahnreisender, wenn der ICE mit geänderter Wagenreihenfolge einfährt.

Der quicklebendige Außen Lars Weissgerber startet eine blitzsaubere Serie von Treffern hin zur 15:10-Führung (23:30). »Die erste Halbzeit von uns«, sagt später der fast schon unglaublich treffsichere Weissgerber, »war überragend. Aber wir haben leider nur mit drei Toren geführt.« Denn nach dem 15:10 der Gäste zeigt Bjarki Mar Elisson, warum Vezprem in der kommenden Saison tief in die Kasse greift, um den Isländer zu verpflichten. Sein Hattrick binnen zweieinhalb Minuten sorgt fürs 13:16 zur Pause. Wer glaubt, dass die Domstädter nach dem Wiederanpfiff eher kleinmütig werden, sieht sich schnell getäuscht. Ganz schnell getäuscht sogar.

Ein Doppelpack von Srsen, ein paar klasse Anspiele Fredriksens, hier eine überragende Parade Klimpkes, da ein eiskalter Vollstrecker am Kreis namens Nyfjäll: Die HSG führt nach 40 Spielminuten mit 22:16. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn diesmal nicht dieser lästige Lemgo-Fluch gebrochen wird. Es geht zwar nicht mit dem Teufel zu, aber es mit einem Irrwisch namens Elisson zu, dass die Mittelhessen doch noch das Fürchten lernen. Teufels Werk und Elissons Beitrag.

Ein Dreierpack des Außenspielers verkürzt die komfortable Gästeführung auf 22:19 (42:30). »Wir«, erklärt der Isländer später,« brauchten ein paar gute Aktionen, um die Halle mitzunehmen.« Und diese Halle mit ihren gut 2000 Fans nimmt der schmächtige Mann quasi alleine auf seine Schultern. Sein elfter Treffer beschert Lemgo den Ausgleich beim 23:23 (49:30). »Auf Männer, glaubt weiter dran«, pusht Matschke seine Mannen beim 23:25-Rückstand nach 52 Minuten. Doch seine Worte verhallen diesmal so ungehört wie ein Engelschor im Kanibalenreich.

Beim 27:28 nach Weissgerbers herrlichem Dreher (59:00) hoffen die Gäste zwar nochmals ein paar Sekunden lang, doch Tim Suton setzt mit dem 29:27 den Schlusspunkt unter die letzten Grün-Weißen Gebete und formuliert den Lemgo-Fluch auch 2022 aufs Neue.

TBV Lemgo Lippe: Johannesson (1.-60.), Zechher (n.e.); Elisson 12/1, Suton 6, Zerbe 4, Guardiola Villaplana 2, Schagen 2, Carlsbogard 1, Reitemann 1, Simak 1, Guardiola Gedoen

HSG Wetzlar: Klimpke (1.-45.), Suljakovic (45.-60.); Weissgerber 8, Nyfjäll 6, Srsen 5, Forsell Schefvert 2, Rubin 2, Danner 1, Fredriksen 1, Holst 1/1, Mellegard 1, Mirkulovski

Schiedsrichter: Sascha Schmidt (Bochum)/Frederic Linker (Bochum) - Zuschauer: 2037 - Strafminuten: 2 / 2

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