Tim Kuhl wird Fußball-Torhüter in Miami

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BLEICHENBACH - Die Koffer packen, in einen Flieger steigen, ans andere Ende der Welt reisen und dort ein neues Lebenskapitel schreiben: Tim Kuhl macht das, wovon viele träumen - aber nicht den Mut oder die Zeit haben, sich diesen Traum zu erfüllen. Am 31. Juli hebt sein Flieger in Richtung USA ab. In West Palm Beach wird der 23-jährige Bleichenbacher dann mindestens anderthalb Jahre studieren und im Fußball-Tor einer College-Mannschaft stehen.

Zuletzt spielte er beim Hessenligisten 1. FC Erlensee.

"Ich hatte schon einmal direkt nach dem Abitur überlegt, meinen Bachelor in den USA zu machen. Damals war der Schritt aber noch zu groß, weil ich die Heimat hätte vier Jahre verlassen müssen", erzählt Kuhl. Stattdessen studierte er in Frankfurt Wirtschaftswissenschaften mit Bachelor-Abschluss. "Im Anschluss absolvierte ich verschiedene Praktika in der Wirtschaftsprüfung und möchte jetzt meinen Master in Accounting machen." Denn Kuhl weiß: "Jetzt, mit 23, ist es wohl meine letzte Gelegenheit, Auslandserfahrung zu sammeln. Irgendwann spielt das Alter gegen einen."

Kuhl trat deshalb Anfang des Jahres mit einer Agentur in Kontakt und bastelte an seinen Plänen. Seit April hat er ein Stipendium in der Tasche und darf ab August West Palm Beach seine Wahlheimat nennen. "Das gehört zu Miami - und somit zu den besseren Fleckchen", lacht der 1,93 Meter große Modellathlet. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Wohnungssuche. "In der Tat ist noch nichts fix. Wir haben aber fünf, sechs Unterkünfte in Aussicht."

"Wir" heißt, dass Kuhl mit drei weiteren Studenten unter einem Dach leben wird. Einer kommt aus Deutschland, einer aus Spanien und einer aus Österreich. "Ein bunter Haufen. Und der Deutsche lebt schon ein Jahr in den USA, er wird uns mit wertvollen Tipps versorgen", freut sich der Hessenliga-Torwart auf das Abenteuer im Ausland.

Sportlich sind Tapetenwechsel ohnehin kein Problem für Kuhl. "Das war schon im Jugendbereich eine Odyssee", verrät er. Der Bleichenbacher begann mit fünf, sechs Jahren als Feldspieler bei den Sportfreunden Oberau, wo sein Vater Peter aktuell als Spielausschusschef tätig ist. Nach einem Jahr folgte der Wechsel vom Feld ins Tor. Und danach die Vereinswechsel zu Eintracht Frankfurt, dem JFC Frankfurt und Kickers Offenbach. "Mit 15, 16 machte ich mir dann Gedanken über meine Zukunft. Zu diesem Zeitpunkt war ich in Offenbach nicht die unumstrittene Nummer eins. Hinzu kam eine Knieverletzung. Irgendwie glaubte ich nicht mehr an die große Profikarriere, wechselte zum 1. FC Erlensee in die Jugend-Hessenliga und konzentrierte mich mehr auf die Schule", berichtet Kuhl.

Im Seniorenbereich heuerte der Keeper beim SC Viktoria Nidda an, spielte an der Gänsweid Gruppen- und Verbandsliga. "Dort wäre ich gerne länger geblieben, wenn der Verein seine Mannschaft nicht aus der Verbandsliga zurückgezogen hätte." So wechselte er schließlich nach Erlensee - und verlässt diesen Club nun als Hessenliga-Stammtorhüter. "Ich wünsche Erlensee nur das Beste. Dort bin ich in einem tollen Umfeld und unter einem starken Trainer Tobias Heilmann enorm gereift", sagt er zum Abschied.

Ab August spielt Kuhl für die College-Mannschaft der Palm Beach Atlantic University in der Divison 2. Direkt nach seiner Ankunft beginnt die Vorbereitung auf die neue Saison. Abläufe und Infrastruktur (acht Trainingsplätze, eigenes Fitness-Studio, eigene Schulungsräume) seien dort sehr professionell. Es werde täglich von 14 bis 16 Uhr trainiert. Zusätzlich sei eine Taktiksitzung geplant. Richtig rund geht es auch während der kurzen Saison zwischen September und Dezember. "Da haben wir drei Spiele pro Woche und fliegen auch mal zwischendurch zu einer Partie nach Texas."

Das Niveau sei mit der deutschen Hessenliga vergleichbar. "Einige haben wohl auch Regionalliga-Format. Zudem sind die Matches intensiver, weil man in diesen Ligen nur bis zu einem Alter von 25 spielen darf und in den USA die Akteure immer wieder ein- und ausgewechselt werden dürfen. Da kannst du 90 Minuten Angriffspressing spielen."

In Kuhls Mannschaft stehen aktuell vier Torhüter. "Ein Spanier, ein Engländer, ein Franzose und ich. Natürlich möchte ich so oft wie möglich spielen", betont der ehrgeizige Schlussmann. Bei den Feldspielern seien die Südamerikaner in Überzahl. "Dementsprechend technisch stark wird unsere Mannschaft sein. Allerdings soll es laut Erzählungen etwas an der Taktik hapern."

Nach der kurzen Saison, die im Dezember mit den Playoffs endet, steht eine kleine Weihnachtspause an, in der Kuhl wohl in die Heimat fliegen wird.

Im Januar geht es dann mit täglichen Trainingseinheiten, Testspielen und kleineren Turnieren weiter. "Die große Sommerpause ist von Mai bis Ende Juli", so Kuhl. In dieser Zeit kann der Torhüter sich voll auf sein Studium konzentrieren. Während der Fußball-Phase geht er nach den Trainingseinheiten dreimal wöchentlich an die Uni - von 18 bis 22 Uhr.

Wenn alles klappt, hat Kuhl im Winter 2022 seinen Master in der Tasche. "Dann will ich fest ins Berufsleben einsteigen. Zuletzt habe ich Erfahrungen in der Wirtschaftsprüfungsbranche gesammelt. Das wäre auf jeden Fall eine Option. Natürlich besteht auch die Möglichkeit, bei entsprechender Leistung in den USA Fußballprofi zu werden. Ich lasse alles auf mich zukommen", erklärt der 23-Jährige abschließend.

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