1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

»Tor ist in der Bundesliga genauso breit wie bei der WM«

Erstellt:

Von: Thomas Suer

NikoSemlitsch_191122_4c_1
Niko Semlitsch WM-Experte © Red

Wir können es doch noch. Nach langer Zeit kann man mal wieder sagen, dass es ein gutes Länderspiel von der deutschen Mannschaft war. Ein ganz anderer Auftritt als gegen Japan, mannschaftlich geschlossen und mit einer ganz anderen Körpersprache. Und das gegen Spanien, die mir auch in diesem Spiel wieder imponiert haben. Die gefallen mir sehr, sehr gut, weil sie so enorm ballsicher und variabel sind.

Dass wir da so dagegengehalten haben, macht Mut und zeigt, dass wir es auch können. Es hat mir aber auch gezeigt, vor allem wenn man das Spiel von Japan gegen Costa Rica sieht, dass wir nicht wegen der guten Leistung der Japaner das erste Spiel verloren haben, sondern wegen unserer Nachlässigkeit und Überheblichkeit. Das war am Sonntag ganz anders, auch weil Hansi Flick langsam seine Aufstellung findet. Aber: Mit Havertz und Müller hatten wir trotzdem zweimal zunächst keine richtige Neun auf dem Platz, das sollte er gegen Costa Rica korrigieren. Denn man hat gesehen, was für einen Unterschied ein echter Mittelstürmer macht. Der erzielt das Tor, weil er es will und weil er es kann. Niclas Füllkrug ist sicher kein Weltklasse-Mittelstürmer, aber das Tor ist in der Bundesliga genauso groß wie bei der Weltmeisterschaft und wenn er die Chance hat, weiß er, was er tun muss.

Ganz viele sagen, der muss von der Bank kommen. Das sehe ich anders: Wenn er fit ist, dann muss er spielen. Weil wir eben sonst keinen echten Neuner haben. Ob im Mittelfeld Goretzka oder Gündogan spielen, ist nicht entscheidend, aber vorne brauchst du einen, der auch mal aus keiner Chance trifft. Deshalb würde ich gegen Costa Rica Füllkrug spielen lassen, Müller und einen Mittelfeldspieler mal schonen und noch Götze reinstellen. Gegen so tief stehende Gegner brauchst du die kreativen Köpfe, die das Spiel öffnen können und einen Stürmer, der von Sane und Gnabry bedient wird. Zwei Dinge muss ich aber noch kritisch anmerken: Musiala ist ein Riesentalent und wird seinen Weg gehen, aber im Vergleich zu Pedri und Gavi fehlt ihm noch einiges. Die beiden sind auch erst 18 Jahre alt, aber vom Kopf her schon weiter. Musiala hat immer noch typische Jugendfehler drin, macht großartige Sachen, dann aber unterlaufen ihm Patzer, die man nicht erwartet. So muss er bei dem einen Abschluss querlegen, anstatt selbst zu schießen. Das hat Sandro Wagner richtig gesagt: Das muss auch ein Zwölfjähriger schon wissen. Musiala wird mir zu hoch gelobt. Und das Gegentor? Drei Beteiligte, drei kleine Fehler, die zum Tor führen. Kehrer muss den Pass verhindern, Süle (noch entscheidender) den Abschluss blocken und Neuer kann den Ball im kurzen Eck auch mal halten. Er ist nach wie vor in den meisten Szenen herausragend, hat aber schon zwei Tore im kurzen Eck kassiert. Dabei gibt es nicht umsonst den Spruch: Wenn der Torwart da ist, darf der Ball da nicht rein. Trotzdem war es insgesamt die richtige Antwort, auch wenn Sane kurz vor Schluss besser abgeschlossen hätte als zu passen, dann gewinnen wir das Ding. Am wichtigsten war aber, dass wir nach dem 0:1 die Ärmel hochgekrempelt haben, da hatte ich Bedenken, aber da hatten sie genug Feuer. Jetzt gilt es gegen Costa Rica mit einer kreativen Elf zum Erfolg zu kommen. Dass das nicht ganz einfach wird, zeigen auch die anderen eigentlich schwächeren Mannschaften. Saudi-Arabien, Marokko oder Iran. Wenn die lange die Null halten, sind sie gefährlich. Sie sind taktisch wesentlich weiter als früher, das heißt dichtmachen und dann kontern können sie alle, wenn sie aber aufmachen müssen, bekommen sie Probleme. Und so ist die Gruppenphase der WM insgesamt viel spannender als ich vorher dachte. Und Deutschland ist auch wieder im Rennen. Der Warnschuss von Japan war nicht tödlich. Wir leben noch.

Niko Semlitsch muss man den fußballaffinen Lesern nicht vorstellen. Der 76-jährige Ex-Bundesligaprofi war über Jahrzehnte als Trainer bis in die 2. Liga aktiv und kennt den Fußball aus allen Blickwinkeln aus dem Eff-Eff. Und weil er kein Blatt vor den Mund nimmt und weder den Fußball noch sich zu ernst, ist der Steinbacher erneut unser WM-Experte. Bei dem es übrigens seit Sonntag »der 76-Jährige« heißen muss. Da hatte Semlitsch nämlich Geburtstag. Von daher hat die deutsche Mannschaft mit dem ansehnlichen 1:1 ein kleines Geschenk gemacht. Aufgezeichnet von Rüdiger Dittrich

Auch interessant