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Trauer um Urmitzer

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Von: Alexander Fischer

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Eine Ehrung im Jahr 2011: Klaus Urmitzer (links) ist nun verstorben. Archivfoto: 46ers © Red

Gießen. Er war ein Mann, der sein Herz auf der Zunge trug. Der auf dem Spielfeld Großes vollbrachte. Er war der erste Deutsche, dem (bei »nur« 1,93 Meter Körpergröße) ein Dunking gelang, der aber auch abseits des Courts beeindruckte. Weil er über ein schier unerschöpfliches Reservoir an Sprüchen, Anekdoten und Witzen verfügte.

»Je älter wir werden, desto berühmter waren wir früher«, frotzelte er schon mal in der Kabine der Basketballer des MTV 1846 Gießen. Er sei »der erste weiße Deutsche unter zwei Metern mit abgeschlossener Berufsausbildung« ließ er die Journalisten wissen. »Unter der Woche habe ich die Lücken in den Zähnen der Patienten versorgt, am Wochenende habe ich für die Lücken in der gegnerischen Verteidigung gesorgt«, hatte er als Zahnarzt die Lacher auf seiner Seite. Und zu seinem Mitspieler Bernd Röder sagte er mal: »Seitdem ich Michael Jordan live erlebt habe, sehe ich mein Leistungsvermögen von damals durchaus distanziert.«

Am vergangenen Sonntag ist Klaus Urmitzer gestorben. Relativ alleine, relativ mittellos. »Pollo«, wie ihn all seine Freunde riefen, wurde 78 Jahre alt. Er hatte Krebs. In seiner Wahlheimat Stade in Niedersachsen wurde er vergangene Woche operiert, meldete sich noch bei Bernd Röder optimistisch via SMS, überlebte den Eingriff aber nur noch drei Tage. »Anlässlich meines 80. Geburtstages habe ich auf Geschenke verzichtet und Geld für Pollo gesammelt. Das habe ich ihm in Raten überwiesen, muss dies aber nun einstellen«, traf Bernd Röder die Nachricht vom Tod seines langjährigen Mitspielers im Urlaub auf Fuerteventura völlig unvorbereitet.

A-Nationalspieler Urmitzer wechselte vor der Meisterschaftssaison 1964/65 aus Heidelberg kommend zum MTV und war neben Klaus Jungnickel, Ernie Butler, Bernd Röder und Holger Geschwindner einer der Garanten für den Einzug ins Finale. Gegen den amtierenden Deutschen Meister Alemannia Aachen steuerte Center Urmitzer in der brechend vollen Doppelturnhalle der Liebigschule satte 26 Zähler zum sensationellen 85:56-Sieg bei. Auch im legendären Finale gegen den VfL Osnabrück gelangen »Pollo« 18 Zähler. Danach zog es den angehenden Zahnarzt zurück nach Heidelberg. Aber vier Jahre später, mit der Eröffnung der Osthalle, trug auch Urmitzer wieder das Trikot des MTV 1846 Gießen. Ehe ihn ein schlimmer Schicksalsschlag ereilte.

Am 19. Januar 1972 verunglückte er vom Auswärtsspiel aus Heidelberg kommend mit seinem Manta auf der Autobahn bei Blitzeis schwer. Bernd Röder kam eine halbe Stunde nach dem Crash an der Unfallstelle an und sah sofort, was passiert war. Er besprach sich mit der Polizei und ließ sich von der nächsten Notrufsäule aus mit Teamarzt Dr. Claus Hessler verbinden. Dieser war beim Kartenspielen, wurde aber von seiner Frau informiert.

»Als ich im Krankenhaus ankam, war Hessler schon da und hatte auch weitere Spezialisten dabei«, erinnert sich Bernd Röder an jene Nacht, in der sie in der Jahnhalle eigentlich die Südwestdeutsche Meisterschaft feiern wollten. Hans Hess und Günther Lindenstruth saßen ebenfalls im Auto, trugen aber nur Prellungen davon. Urmitzer aber hatte es schwer erwischt, denn er war mit dem Kopf gegen einen Stahlträger geprallt. Eine Woche lag »Pollo« im Koma, einen Monat musste er im Krankenhaus bleiben. Als er das Hospital wieder verlassen durfte, sprach er von »meinem zweiten Geburtstag.«

Dem Leistungssport allerdings musste der Ausnahmecenter, der die Fans zum Toben bringen konnte, adé sagen. Da ihm sein Beruf aber stets wichtig war, konnte sich der 14-fache Nationalspieler, der 1964 sein internationales Debüt in einem Match gegen die DDR gefeiert hatte, nun voll und ganz seiner Aufgabe als Zahnarzt widmen.

Gießen blieb »Pollo« Urmitzer stets eng verbunden, mit seinen Freunden Karl Ampt und Bernd Röder telefonierte er häufig. Bis letzte Woche ...

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