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Martin Gries, neu an der FK-Seitenlinie, der hier (noch) im Regen steht.

Ungewöhnliche Maßnahme bei »der Klub«

Pirmasens. Der FK Pirmasens, am Samstag um 14 Uhr Gastgeber des FC Gießen in einem ganz wichtigen Duell im Kampf um den Klassenerhalt, steht für Konstanz in der Fußball-Regionalliga Südwest.

Doch jetzt griff die Vereinsspitze erstmals seit über zehn Jahren zu einer für sie ungewöhnlichen Maßnahme: der Trainer wurde entlassen. Patrick Fischer musste nach der 0:4-Niederlage beim Bahlinger SC gehen. Dafür waren aber offenbar nicht nur die Niederlage und das Abrutschen auf einen Abstiegsplatz verantwortlich. Der 40-Jährige ließ Frust ab in der Pressekonferenz nach dem Spiel. Er beklagte fehlendes Geld, weshalb auch eine dringend benötigte Verstärkung nicht verpflichtet werden könne und zog sogar einen 14-tägigen Presseboykott in Erwägung.

Im Vereinsumfeld sorgten die Äußerungen für Wirbel. Wo sonst die Ruhe und die Konzentration auf die wichtigen Spiele die Mannschaft im Abstiegskampf stark machte, herrschte plötzlich Aufregung.

»Durch einen einstimmigen Beschluss von Präsidium und Aufsichtsrat des FK Pirmasens, wird Patrick Fischer von seinem Amt als Regionalliga-Trainer mit sofortiger Wirkung freigestellt. Gründe hierfür waren Differenzen zwischen Mannschaft und der sportlichen Führung«, teilte der Verein knapp eine Woche nach dem 0:4 beim Bahlinger SC und keine 24 Stunden vor dem Heimspiel gegen die TSG Balingen mit.

»In Gesprächen zwischen Vertretern der Vereinsführung und des Mannschaftsrates wurde keine Basis für eine weitere Zusammenarbeit der beteiligten Personen gesehen«, hieß es in der Mitteilung weiter. Und auch der für die Kaderplanung verantwortliche Sportdirektor Steven Dooley (Bruder von Tom Dooley, zweimaliger WM-Teilnehmer mit dem USA-Team) musste gehen.

Martin Gries, Trainer der U 23, ist die Übergangslösung bis zur Winterpause. Spieler berichten von sehr guten eineinhalb Trainingswochen unter dem neuen Mann. Ob aus Gries eine Dauerlösung wird, entscheidet sich in der Winterpause. Es wäre eine gute FKP-Tradition, denn seine beiden Vorgänger sind auch aus der U 23 aufgerückt. Entscheidend für die Verhandlungen dürfte auch das eminent wichtige Spiel am Samstag gegen den FC Gießen sein. Holt der in dieser Saison extrem heimschwache FKP nicht die drei Punkte wird die Lage sehr ernst und eine Zukunft in der Oberliga immer wahrscheinlicher.

Seit dem Aufstieg als Oberligameister im Sommer 2014 spielt Pirmasens Jahr für Jahr gegen den Abstieg aus der vierthöchsten deutschen Spielklasse. Das ist kein Zufall und schon gar kein Zeichen von sportlicher Schwäche oder Fehlern in der Kaderzusammensetzung - ganz im Gegenteil. Die Pirmasenser halten sich in einer Liga, die beim Blick auf die Rahmenbedingungen eigentlich zu hoch für sie ist. Die finanziellen Möglichkeiten mit einem Etat von rund 45000 Euro für die 1. Mannschaft in der Regionalliga und die U 23 in der Verbandsliga sind dermaßen bescheiden, dass die millionenschwere Profikonkurrenz unerreichbar davoneilen müsste und es auch tut - Kickers Offenbach, SV Elversberg, SSV Ulm und der TSV Steinbach zeigen den Unterschied auf.

Höchstens mit der Hälfte der Liga, eher nur einem Drittel sind die Pirmasenser zwar nicht finanziell, aber sportlich in etwa auf Augenhöhe. Deswegen wird am Ende einer Saison bei »der Klub«, wie der Verein in Pirmasens unter Missachtung der Grammatikregeln genannt wird, eine gefühlte Meisterschaft gefeiert, wenn der FKP nach dem letzten Spieltag über dem Strich steht. Nur einmal ging das schief, als die Pfälzer in der Unglücks-Saison 2016/17 als Sechstletzter (!) den bitteren Abstieg in die Oberliga antreten mussten. Bitter auch deshalb, weil der damals finanziell klamme KSV Hessen Kassel seine schon Monate zuvor angekündigte Insolvenz so lange hinausgezögert hatte, dass er mit einer Hypothek von minus neun Punkten in die nächste Saison starten durfte und nicht automatisch auf einen Abstiegsplatz rutschte.

Aber, und das spricht für die Pirmasenser Stehaufmännchen-Qualitäten, die Mannschaft blieb zusammen, auch Trainer Peter Tretter durfte weitermachen und die direkte Rückkehr in die Regionalliga gelang. Der zweite Aufstieg unter Tretter. Nach sieben Jahren, in denen er zudem drei Mal sein Team in der Regionalliga hielt und einmal den Verbandspokal gewann, war der 54-Jährige ausgelaugt und gönnte sich eine Pause vom Trainerstress. Der Nachfolger rückte, wie zuvor Tretter auch, aus der eigenen Nachwuchsabteilung auf. Patrick Fischer übernahm. Nach der Abbruch-Saison 2019/20 gelang ihm vergangene Saison der Klassenerhalt. Einen zweiten Klassenerhalt unter Trainer Fischer wird es nun aber nicht geben.

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