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Verharmloste Krawalle

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Frankfurt . Makoto Hasebe hatte auf dem Platz all jenen Zweiflern die richtige Antwort gegeben, darunter seinem eigenen Trainer Oliver Glasner, die seine Leistungsfähigkeit am Alter bemessen. Der ehemalige Kapitän der japanischen Nationalmannschaft ist zwar schon 38 Jahre alt, aber für die Frankfurter Eintracht spielt er wie ein Junger. Nicht langsamer als die Jüngeren, nicht weniger zweikampfstark als die Jüngeren, mit viel mehr Auge als die Jüngeren, mit einer großen Autorität ausgestattet und noch mehr Ruhe.

Auch nach dem 1:0-Sieg im Champions-League-Spiel bei Olympique Marseille hatte er die richtigen Worte gefunden. »Ich hoffe für den Fußball, dass wir keine so große Strafe bekommen«, hatte er im Bauch des »Stade Velodrom« nach den gemeingefährlichen Schießübungen durchgeknallter Fans gesagt. Dieser eine Satz macht die ganze Ohnmacht des Fußballs deutlich. Da muss ein Spieler, eine Mannschaft, ein ganzer Verein mit Strafen rechnen, die die sportlichen Erfolge in einem ganz kleinen Licht erscheinen lassen. Keine reine Freude nach dem ersten CL-Sieg der Vereinsgeschichte, sondern Bangen vor Konsequenzen, die der europäische Fußball-Verband Uefa zweifellos ziehen wird. Die Krawalle von Marseille, ausgegangen und geradezu perfide ausgeführt von den französischen Fans, aber auch dankbar angenommen von Teilen der Frankfurter Anhänger, haben die Eintracht internationale Reputation gekostet und werden sie teuer zu stehen kommen.

Dass sich in Frankreich viele Menschen rund um den Fußball bereits damit abgefunden haben, dass in Stadien ein rechtsfreier Raum herrscht, ist erschreckend. L’Equipe, die angesehenste französische Sportzeitung, titelte über den Artikel der Randale: »Alles unter Kontrolle.« Und im Text stand: »Die teils greifbare Spannung mit dem Wurf von Feuerwerk war weniger schlimm als befürchtet.« Dabei waren gezielt Leuchtspurgeschosse abgefeuert worden, die sonst bei Schiffsnotfällen auf hoher See gebraucht werden. Die Polizei twitterte laut »France3« ebenso unfassbar: »17 Festnahmen, sonst keine größeren Zwischenfälle.« Dementsprechend passiv hatten sich die Ordnungshüter im Stadion verhalten, waren im Grunde überhaupt nicht eingeschritten. Die Kontrollen vor der Arena seien nach übereinstimmenden Aussagen Betroffener ebenfalls eher lasch gewesen. In Marseille sind derartige Szenen offenbar der Normalzustand.

Zurück zum Fußball und Makoto Hasebe. Er hat die sportliche Systemfrage, die in Frankfurt schon einige Wochen diskutiert wird, auf seine ganz eigene Art beantwortet. Ein Abwehrsystem mit ihm in der Zentrale ist besser als alles andere, was zuletzt versucht wurde. »Wir haben jetzt zwei Optionen«, sagte er ganz freundlich und diplomatisch auf Nachfrage. Was aber doch ein wenig geschwindelt ist. Denn die Option Viererkette, unter anderem vom Sportvorstand Markus Krösche immer mal wieder ins Spiel gebracht, zuletzt vom Trainer aus welchen Gründen auch immer bevorzugt, ist in der aktuellen Phase keine wirkliche Option. Ganz einfach, weil keine Außenverteidiger zur Verfügung stehen. Mit drei reinen Abwehrkräften und zwei äußeren Schienenspielern, also so wie seit vielen Jahren, lief es in Marseille deutlich besser und strukturierter. »Wir hatten eine klare Spielidee«, sagte Hasebe wieder ganz diplomatisch. Eine gute Idee mit ihm als Abwehrchef.

Am Samstag spielt die Eintracht beim VfB Stuttgart. Natürlich werden die Anforderungen dort wieder anderes sein als in Marseille. Die Schwaben, zuletzt mit einem 2:2 beim FC Bayern, aber in der Tabelle doch unter Druck, werden ihr Heil sicher nicht in der Offensive suchen. Die Eintracht muss also wieder mehr fürs Spiel tun. Mit Daichi Kamada und Mario Götze hat sie Spieler, die immer besser zusammenfinden. Zur großen Rotation wird es nicht kommen, warum auch? Nach dem Stuttgart-Spiel gibt es für jene Profis, die nicht für Nationalmannschaften spielen, eine zweiwöchige Ligapause. Das trifft bei der Eintracht unter anderen auf Tuta, Evan Ndicka, Sebastian Rode und Mario Götze zu. Und natürlich auf Makoto Hasebe. Der alte Hase darf sich also auch erholen. Bis zur Winter-WM in Katar stehen danach bis zum 13. November dreizehn Spiele in sechs englischen Wochen in Folge auf dem Programm. Um Hasebe muss sich Glasner da die wenigsten Sorgen machen.

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