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Vom Geisterhaus zum Hexenkessel

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Mehr Erleichterung als Jubel: Die HSG-Spieler bedanken sich bei Lenny Rubin (links) der Wetzlar das Remis rettet. Foto: Ben © Ben

Wetzlar. Vor der Buderus-Arena grüßt der Mann mit dem freundlichen Gesicht und dem grün-weißen Trikot. Doch es zeigen sich ein paar Sorgenfalten, als er sagt: »Wenn wir heute verlieren, wird es auch beim Aufsteiger in Hamm ganz schwer.« Und dann fügt Marc Sack noch einen ganz wichtigen, einen vielleicht sogar mitentscheidenden Satz für den weiteren Verlauf dieses Samstagabends an:

»Ich werde zu allen Fans gehen«, so der Obertrommler der HSG Wetzlar, »und sie darum bitten, heute besonders leidenschaftlich anzufeuern.«

HSG Wetzlar - FA Göppingen 25:25

Ein Bittgang mit hörbaren Folgen. Ein Plädoyer an die Anhänger, die die fast schon gruselig leere Buderus-Arena im Verlauf des Bundesliga-Heimspiels gegen FA Göppingen schließlich in eine Geisterbahn für die Gäste verwandeln wird. Eine Geisterbahn mit einer seltsamer Fahrt über 60 Minuten, die Auf und Abs, Fehler zuhauf bei beiden Teams, aber auch bei den Schiedsrichtern präsentiert. Einer lauten und schrillen Fahrt, die die HSG zwei Punkte hätte kosten müssen, aber eben auch zwei Punkte hätte bescheren können. Einer vogelwilden Fahrt, an deren Ende die grün-weiße Mannschaft nach dem 25:25 (13:11)-Remis vor ihren Anhängern steht. Sehr sehr lange dort steht und nicht aufhören mag, zu applaudieren. Denn die Fans, die Trommler, aber auch die Zuschauer auf den Sitzplätzen halfen eben ganz entscheidend mit, dass diese personell gravierend geschwächte Manschaft einen Punkt ergatterte.

Oder doch einen Punkt verschenkte? Das zumindest sieht Ben Matschke nach dem Abpfiff so. Der HSG-Trainer schüttelt den Kopf über das erneut nervöse Agieren seiner Mannen in den Schlussminuten. Er ärgert sich zurecht darüber, dass eine Zwei- und sogar Drei-Toreführung in den letzten Minuten verdattelt wurde. »Auch wenn es ein gerechtes Unentschieden war, bin ich nicht zufrieden. Wie schon gegen Gummersbach haben wir in der Crunchtime wieder viele Fehler gemacht«, analysiert Matschke, »wenn man die Möglichkeit hat, zwei Punkte zu holen, dann muss man das auch machen.« Doch zur Crunchtime kommen wir später.

Denn vor dem Spiel wird den Zuschauern verkündet, dass der Rückraum-Rechte Hendrik Wagner wegen einer Erkrankung ausfällt. Das erscheint zunächst nicht unbedingt wie ein handballerischer Weltuntergang. Das sollte aber im Verlauf des Spiels noch eine ungeheuere Bedeutung gewinnen.

Die ersten 20 Minuten in der halbleeren Arena mit ihren gerade mal 2348 verkauften Tickets, wobei bei weitem nicht alle Dauerkarteninhaber an diesem Abend erschienen sind, spiegeln die Lage beider fehlgestarteten Teams wider. Technische Fehler und böse Fehlwürfe lassen die erste allgemeine Verunsicherung sichtbar zunehmen. Gewaltwürfe statt feiner Kreisanspiele, Brechstange statt Florett - das ist kein handballerischer Leckerbissen. Das ist Handkäse ohne Musik. Folgerichtig teilen sich fast ausschließlich die Wetzlarer Rückraum-Hünen Lenny Rubin und Vladan Lipovina die Treffer ihres Teams bis zum 9:9 nach 24 Spielminuten auf. Doch dann folgt die Szene, die das Spiel verändert. Die Szene, die alle Gemüter erhitzt. Die Szene, in der Vladan Lipovina bei einer Abwehraktion hart zupackt. Dafür zücken die bis dahin ziemlich kleinlich pfeifenden Schiedsrichter nach kurzer Beratung die rote Karte. Eine umstrittene Entscheidung. Eine Entscheidung, die die Arena toben lässt.

Die Zuschauer verwandeln die Arena nun vom Geisterhaus zum Hexenkessel. Ab jetzt gilt nur noch ein Motto: Anfeuern, bis die Stimmen versagen. Klatschen, bis die Sehnenscheiden schmerzen. Doch bereits drei Minuten nach dem Platzverweis der nächste Schock: Der letzte verbliebene Rückraum-Linkshänder, Jovica Nikolic, knickt um, muss lange behandelt werden und kehrt später nur noch zu Kurzeinsätzen zurück. Erst hat die HSG kein Glück und dann kommt das Pech hinzu.

Doch die Domstädter hadern nicht lange. Unter dem Jubel des Publikums bescheren Magnus Fredriksens feiner Wurf und Radojica Cepics Treffer die 13:11-Pausenführung.

Mit drei Rechtshändern im Rückraum, mit einer geduldigen Spielführung des deutlich verbesserten Fredriksen und einem unermüdlich kämpfenden Rubin, einem starken Till Klimpke im Tor und dank des Geistesblitzes des Trainers, Domen Novak auf Rechtsaußen als belebendes Element zu bringen, erarbeitet, nein erkämpft sich die HSG nach Lars Weissgerbers Siebenmetertreffer nach 48 Minuten eine 22:19-Führung.

Hochklassig ist die Partie weiterhin nicht. Von hochklassig ist vor allem Frisch-Auf so weit entfernt wie das Oktoberfest am Dutenhofener See von einer Bachkantate im Wetzlarer Dom. »Nach einem guten Start gab es in unserem Spiel zu viele Auf und Abs«, wird sich später FA-Coach Hartmut Mayerhoffer ärgern.

Der Sieg der Grün-Weißen ist am Ende greifbar nahe. Doch der Sieg gleitet den erneut nervösen Gastgebern aus den Fingern. Und als Marcel Schiller per Siebenmeter mit seinem zehnten Treffer Göppingen 24 Sekunden vor dem Abpfiff mit 25:24 in Front bringt, scheint die fünfte Niederlage im fünften Saisonspiel perfekt.

Doch als sich der Frust schon im großen Rund ausbreiten will, löst der nimmermüde Rubin mit einem Hammerwurf in den Winkel eine Sekunde vor der Schlusssirene noch einen kleinen Jubelorkan aus. Rubin, der diesmal letzte Mohikaner im grün-weißen Rückraum, wird gefeiert. Aber dass die Halle zum Hexenkessel mutiert, das hatte schon zuvor der Häuptling der HSG-Fans eingeleitet.

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Stinkesauer: Vladan Lipovina sitzt nach der roten Karte in einer Hallenecke. Foto: Ben © Ben

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