1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Vom Stadion in die Kabine

Erstellt: Aktualisiert:

gispor120222-haroldmcmil_4c
Nicht nur die Denver Broncos haben nach ihrem Sieg über Jacksonville allen Grund zur Freude. Auch Harold McMillan strahlt in seiner Kabine bis über beide Ohren. © McMillan

Gießen. Von Gießen nach München - so lässt sich der Werdegang von Harold McMillan in Sachen American Football kurz zusammenfassen. War der gebürtige Anneröder in seiner mittelhessischen Heimat in erster Linie als Stadionsprecher der Gießen Golden Dragons aufgetreten, hat er das Stadionmikrofon mit Beginn der NFL-Saison Anfang September gegen eines von DAZN getauscht.

Statt Dragons gegen Montabaur kommentiert der 40-Jährige nun Spielee der Detroit Lions, der Pittsburgh Steelers oder der Atlanta Falcons. Im Interview spricht Harold McMillan über seine ersten Gehversuche in Ismaning, die NFL-Spiele in Deutschland und natürlich über den Super Bowl, der in der Nacht von Sonntag auf Montag in Los Angeles über die Bühne gehen wird.

Herr McMillan, erzählen Sie doch mal: Wie sind Sie zu DAZN gekommen?

Der Kontakt kam über Joachim Ullrich zustande, der für die Dragons die Livestreams kommentiert und hin und wieder auch als Experte bei DAZN tätig ist. Nach dem Casting war ich zunächst noch als Play-by-Play-Kommentator für die Einzelspiele geplant, bin dann aber in die neugestartete Konferenz gerutscht.

Wer entscheidet, wer in der Konferenz welches Spiel kommentiert? Und warum?

Von der Produzentin erfahre ich immer dienstags oder mittwochs, welches Spiel ich sonntags kommentiere. Die etablierten Kommentatoren haben eher ein Mitspracherecht. Wenn beispielsweise ein Günter Zapf seine Dallas Cowboys betreuen möchte, bekommt er die Texaner auch meist. Ich als Rookie habe aber wenig zu sagen. Das ist aber auch okay so. Mich freut es, überhaupt dabei sein zu dürfen.

Wie bereiten Sie sich im Vorfeld auf Ihre Spiele vor?

Mit sehr viel Recherche. Ich recherchiere mich beinahe zu Tode. Zunächst schaue ich mir von den Teams die Verletztenliste an. Oder wer auf der Covid-19-Liste steht. Dann natürlich die vielen, vielen Statistiken: Wie gut ist das Laufspiel der Teams, wie stark ist die Verteidigung, wie der Angriff. Welche Taktiken werden bevorzugt, wie stark sind die Einzelspieler, wie Offense und Defense. Ich schaue mir die Schlüsselpositionen an - auch im Ligavergleich. Und so weiter, und so weiter. Zum Schluss presse ich diese Infos auf jeweils eine DIN-A4-Seite pro Team zusammen. Meistens komme ich aber nicht dazu, alles wiederzugeben, weil ich einfach gar nicht so viel Sendezeit habe.

Was ist mit Vor- und Nachbesprechungen?

Es gibt während der Sendung Anweisungen, zu welchem Spiel als nächstes geschaltet wird. Richtige Nachbesprechungen gibt es nur informell zwischen Tür und Angel auf den Fluren oder per E-Mail. Da wird dann gesagt, was man beim nächsten Mal besser machen kann, beispielsweise damit die Überleitungen zur nächsten Partie nicht immer dieselben sind.

Gibt es Regelungen, was gesagt werden darf und was nicht?

Nein, wir haben freie Hand. So haben wir noch unerfahrenen Kommentatoren die Möglichkeit, einen eigenen Stil zu entwickeln. Ich bin auch der Meinung, dass ich im Kommentieren insbesondere im späteren Verlauf der Regular Season sicherer geworden bin.

Wie läuft so ein Sendetag ab? Welche Mechanismen gibt es?

In der Regel sitzen wir Kommentatoren in kleineren Einzelkabinen, die nur wenige Quadratmeter groß sind. Dort haben wir einen Schreibtisch, ein Pult mit Audiokanälen sowie einen großen und einen kleinen Bildschirm. Auf dem großen läuft das jeweilige Einzelspiel, auf dem kleinen der Zuschauerstream. Wichtig ist, dass ich auf den kleinen Monitor schauen muss, wenn ich live bin. Sonst würde ich nicht das kommentieren, was die Zuschauer sehen.

Hören wir Sie irgendwann mal bei einem Einzelspiel?

Von meiner Seite aus unbedingt. Lust hätte ich jedenfalls. Wobei ich aber vermutlich Panik bekommen würde, nicht gut genug vorbereitet zu sein.

Zum Beispiel in München?

Das wäre ziemlich cool.

Wie schätzen Sie den Schritt der NFL ein, vier Spiele in Deutschland auszutragen?

Es ist eine tolle Sache für die heimischen Fans, die sonst nie die Chance haben, in die USA zu fliegen. Außerdem ist es für den Football allgemein eine große Chance, in Deutschland mehr Prestige und Ansehen zu erhalten. Die Spiele befördern den Football bei uns endgültig raus aus der Gruppe der Randsportarten. Aber: Die Qualität der Spiele in Europa sind meist nicht so gut wie die in den Staaten. Das zeigen die jährlichen London Games. Man merkt den Spielern einen gewissen Jetlag an. Das macht sich bei der Qualität bemerkbar. Ich war beispielsweise vor ein paar Wochen bei einem NFL-Spiel in Atlanta - das war schon mies, aber besser als ein London-Spiel.

Wie geht es in der kommenden Saison weiter? Hört man Sie im Herbst weiterhin am DAZN- Mikrofon?

Das Format einer Konferenz-Schaltung mit deutschem Kommentar soll zumindest fortgeführt werden. Wie es mit mir selbst weitergehen soll, weiß ich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht. Lust hätte ich aber definitiv.

Wo schauen Sie den Super Bowl?

Da ich arbeiten muss, schaue ich das Spiel mit Freunden in kleiner Runde.

Ihre Prognose?

Ich habe die blöde Angewohnheit, jedes Jahr den falschen Ausgang vorauszusagen. Das hat bei mir schon Tradition. Auf dem Papier sind für mich die Los Angeles Rams favorisiert. Sie haben eine starke Pass-Offense wie -Defense, im Angriff mit Odell Beckham jr. und Cooper Kupp zwei starke Receiver sowie mit Matthews Stafford einen pass-sicheren Quarterback. Doch wäre die NFL nicht die NFL, wenn nicht doch etwas Unvorhergesehenes passieren würde. Die Cincinnati Bengals haben im Angriff ihre Stärken bei Screen Pässen, mit denen starke Abwehrreihen überspielt wird. Das könnte für Cincinnati der Clou sein. Außerdem darf das Momentum nicht unterschätzt werden. Bengals-Spielmacher Joe Burrow reitet gerade auf einer Euphoriewelle. Von dort wird er nicht leicht runter zu bekommen sein.

Schauen wir zum Schluss in die Heimat. Was trauen Sie den Gießen Golden Dragons in der kommenden Zweitliga-Saison zu?

Das ist schwer sagen. Corona hat bei den Vereinen sehr viel durcheinander gewirbelt. Und was Corona nicht gemacht hat, hat die EFL (die »European League of Football - eine europaweite Profi-Liga, Anm. d. Red.) gemacht. Gut ist, dass die Dragons mit A. J. Springer ihren Quarterback gehalten haben. Er kann gut werfen und mit dem Ball laufen. Auch in der Verteidigung setzen die Dragons auf Kontinuität. Ich kann mir vorstellen, dass sie nichts mit dem Abstieg zu tun haben werden.

Auch interessant