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Von Lebensschule bis VAR

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Ein überaus lebendiger Vortrag: Fifa-Schiedsrichter Manuel Schüttengruber im Bürgerhaus Kleinlinden. Foto: Wißner © Wißner

Der österreichische Fifa-Referee Manuel Schüttengruber gibt im Bürgerhaus Kleinlinden Einblick in die weite Welt des Schiedsrichter-Daseins.

Gießen . Wer am Montagabend beim Lehrabend der Fußballschiedsrichter im Bürgerhaus Kleinlinden war, der wird beim nächsten Spiel, das er im Fernsehen schaut, nicht das HB-Männchen machen und schimpfend und zeternd im Fernsehsessel umherspringen. Denn dafür erklärte der Referent des Abends, der österreichische Fifa-Schiedsrichter Manuel Schüttengruber, doch äußerst anschaulich und aus der ihm bekannten Innensicht, warum mancher Entscheidungsprozess für den Zuschauer sich wie Kaugummi zieht, während die VAR-Maschinerie auf Hochtouren läuft.

»Nehmen wir einen Extremfall«, sagte Schüttengruber im ebenso breiten wie beruhigenden Dialekt des Nachbarlandes: »Es gibt einen Elfmeter, der überprüft werden muss, dem aber eine mögliche Abseitsstellung vorausging, bei der möglicherweise vorher noch ein Foulspiel inkludiert war. Dann wird beim VAR eine Situation nach der anderen abgearbeitet, es werden verschiedene Bilder aus unterschiedlichen Kameraperspektiven herausgesucht und begutachtet, die nacheinander beurteilt werden müssen.« Ein Extrembeispiel, sicher, aber eines, das dem Zuhörer klarmacht, dass der VAR nicht auf dem Klo sitzt, sondern einen hochkomplexen Apparat zu bedienen hat. Mit dem Schiedsrichter am anderen Ende der Nahrungskette.

Schüttengruber, der mit einem saloppen »griaßt eich« den pickepacke voll besetzten Saal gleich für sich eingenommen hatte, ist auf Nachfrage klipp und klar: »Ja, ich bin für den VAR. Nicht zuletzt auch deshalb, weil alle, die gedacht haben, der Fußball wird dadurch technokratischer und an Emotionen und Diskussionsstoff verlieren, unrecht hatten. Jetzt wird halt hoch emotional über den VAR diskutiert und nicht mehr nur über den Schiedsrichter.«

Wobei er anmerkte, dass man nachbessern müsse: So liege das Problem in der Formulierung »klare und offensichtliche Fehlentscheidung«. Schüttengruber: »Was für den einen offensichtlich ist, ist es für den anderen noch lange nicht, wenn wir davon wegkämen und einfach von Fehlentscheidung sprechen, wäre schon viel gewonnen.«

So sieht es ein Mann, der mit 39 Jahren schon deren 26 die Schiedsrichterei betreibt, Stufe um Stufe emporkletterte, seit 15 Jahren in der österreichischen Bundesliga pfeift und seit acht Jahren den Status des Fifa-Schiedsrichters besitzt. Was eben auch beinhaltet, dann und wann international den VAR zu geben.

»Neulich war ich bei einem Ligaspiel in Griechenland, da waren 21 Kameras, ihr könnt’s eich vorstellen, wie schwierig es da für den Operator werden kann, die passenden Bilder zur betreffenden Szene herauszusuchen. Und das alles unter Druck.« Schüttengruber ist ein Schiri vom ganzen Herzen, der den einige Etagen tiefer angesiedelten Kollegen und Kolleginnen eindrücklich vor Augen führte, was es bedeutet »ganz oben« zu pfeifen, ohne das Gefühl zu vermitteln, dass es »unten« völlig anders ist. »Schiedsrichterei ist eine Lebensschule«, benannte Schüttengruber denn auch die zentrale These seines unter dem Titel »Persönlichkeit« firmierenden Vortrags, in dem er mit Begriffen wie Selbsterkenntnis, Selbstakzeptanz oder Selbstveränderung hantierte, die er stets mit Leben zu füllen vermochte. Was den Abend, über zwei Stunden nahm sich der Gast inclusive Fragerunde Zeit, nicht nur theoretisch lehrreich, sondern auch praktisch spannend machte.

So stand der Familienvater aus Linz vor zwei Jahren nach Drohungen aus der Ultraszene fünf Tage unter Polizeischutz, »inclusive der Kinder, die von der Polizei zur Schule gebracht wurden. An einem solchen Punkt überlegst du, ob es das wert ist und triffst eine Entscheidung. Ich habe mit meiner Frau entschieden, dass ich weitermache.«

Und das trotz der enormen Belastung, die der Referent, der noch eine Fahrschule betreibt und selbst als Mental- und Fitnesstrainer tätig ist, ebenso anschaulich rüberbrachte. So hatte er »in einem sehr intensiven Jahr« alleine 65 Flüge für die UEFA zu absolvieren, und als er auf Nachfrage einen Einblick in »zwei Wochen im Oktober gab«, stellte sich schon die Frage, ob der Tag von Manuel Schüttengruber tatsächlich nur 24 Stunden hat: Bundesligaspiel mit An- und Abreise, Aufarbeitung mit Beobachter, Kontakt mit der UEFA wegen des nächsten Auslandseinsatzes, Abstimmung mit dem Team, Buchung der Flüge, Anreise (»wenn’s dann nach Aserbaidschan geht, wird’s schon anstrengend«), Begehung des Stadions, Kontakt zum Betreuer vor Ort (»wenn Sie Pech haben in kleinen Ländern, versteht er nicht, was Sie sagen und Sie nicht, was er sagt und dann schweigt man zwei Tage«), Abreise, zwischen den Spielen ein festgelegtes Trainings- und Laufpensum, Vorbereitung aufs nächste Spiel. »Ja, und arbeiten muss ich dann ja auch noch.«

Trotzdem ist Schüttengruber kein Befürworter des Profi-Schiedsrichters, denn »was machen Sie danach?«, fragte er rhetorisch zurück: »Oder wenn eine Verletzung auftritt?«

Dabei ist der Begriff des Profi-Schiedsrichters bei Profis wie Schüttengruber selbstverständlich relativ, denn die an ihn gestellten Anforderungen sind höchst professionell: »Regelkenntnis, Verhalten vor und nach dem Spiel, das Auftreten in der Öffentlichkeit, die Kommunikation mit allen Beteiligten, die Sicherheit, die es stets auszustrahlen gilt.« In Zeiten von Social Media sei der prominentere Schiedsrichter 24 Stunden, sieben Tage die Woche, im Fokus. Auch das dürfe man nicht vergessen. Im Fokus stand er als Neuling auch einmal auf internationalem Parkett. Beim Vortrag des italienischen Weltschiedsrichters Pierluigi Collina »habe ich in der letzten Reihe mit meinen deutschen Kollegen ein bisschen gequatscht, da schwoll Collina die Ader und wir haben vor 250 Leuten einen schönen Anschiss bekommen.«

Auch das prägt die Persönlichkeit. Die Stärke von Schüttengrubers Vortrag war dabei nicht, dass er per Powerpoint prägnant über Persönlichkeitsentwicklung und über die besonderen Anforderungen an den Schiedsrichter zu referieren wusste, sondern dass er all das, was er dort vortrug, verinnerlicht hat. Manuel Schüttengruber ist eine besondere Persönlichkeit, zugewandt und klar. Und deshalb gab es vom vollbesetzten Saal auch Riesenapplaus. Und von den Kreisschiedrichterobmännern Andreas Reuter (Gießen) und Marcel Rühl (Wetzlar) auch noch ein Bild als wohlverdientes Geschenk obendrauf.

Nach dem Lehrabend mit Bundesligaschiedsrichter Harm Osmers im November 2017 haben die Schiedsrichtervereinigung Wetzlar und Gießen diesmal gemeinsam einen »dicken Fisch« an Land gezogen. Durch persönlichen Kontakt des Wetzlarer Schiris Moritz Mohr konnte der österreichische Fifa-Referee Manuel Schüttengruber gewonnen werden. Etwa 140 Schiedsrichter im Saal und 40 Online-Zugeschaltete bestätigten die Obmänner Andreas Reuter (Gießen) und Marcel Rühl (Wetzlar) darin, neben den Pflichtversammlungen immer mal ein Highlight einzustreuen. Schüttengruber, der während der WM in Katar »jetzt mal vier Wochen durchschnaufen kann«, war in Frankfurt gelandet, nach Gießen abgeholt und in Wetzlar im Hotel untergebracht worden. Ein gelungener Abend für alle Beteiligten. (rd)

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