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Von Null auf Hundert

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Dynamische Aktion im Spiel gegen TuSEM Essen: Hüttenbergs Nummer neun Niklas Theiß ist nicht nur hier im Vorwärtsgang. © Röczey

Hüttenberg, Als das öffentliche Leben in Deutschland Anfang November 2020 angesichts steigender Corona-Infektionszahlen und mit dem von der Bundesregierung ausgegebenen »Lockdown light« nach unten gefahren wurde, ging es für Niklas Theiß mit einem Mal in die entgegengesetzte Richtung - rasant nach oben.

Vor dem Auswärtsspiel seines TV Hüttenberg in der 2. Handball-Bundesliga beim ThSV Eisenach am Abend des 31. Oktober 2020 ist Theiß ein A-Jugend-Spieler der Blau-Weiß-Roten, der zwar regelmäßig bei »der Ersten« mittrainieren und auch das ein oder andere Mal auf der Bank der Profimannschaft sitzen darf, aber mehr eben noch nicht.

Nach dem Auftritt am Fuße der Wartburg ändert sich der Status des erst 17-jährigen Schülers - und das ziemlich schnell. Weil der damalige TVH-Trainer Frederick Griesbach aufgrund eines Corona-Verdachtsfalls im familiären Umfeld freiwillig zuhause bleiben musste, schenkt Co-Trainer Johannes Wohlrab dem Nachwuchsmann das Vertrauen, als er merkt, dass Merlin Fuß im rechten Rückraum nicht seinen besten Tag erwischt hat. Und Theiß liefert. Frech und unbekümmert agiert der Linkshänder auf halbrechts, schraubt sich ein ums andere Mal über den Block der Gegenspieler und erzielt in seinem ersten richtigen Zweitliga-Spiel satte fünf Tore, womit er nach Linksaußen Christian Rompf (sechs Treffer) gleich zweitbester Schütze seines Teams ist.

»Als Jo zu mir gesagt hat, dass ich jetzt reinkommen soll, war ich natürlich ziemlich nervös. Aber nach den ersten Sekunden auf dem Spielfeld blendest du das alles aus und versuchst einfach, deinen besten Handball zu spielen«, sagt Theiß 15 Monate später im Januar 2022. Seit dem Eisenach-Spiel gehört der mittlerweile 18-Jährige fest zum Kader des TVH und ist längst seiner ursprünglichen Rolle als talentierter Ergänzungsspieler entwachsen. In der aktuellen Spielzeit bringt »Niki« es auf 54 Tore, womit er hinter Dominik Mappes, Ian Weber und Hendrik Schreiber viertbester TVH-Schütze ist. Wie groß das Vertrauen seitens des Vereins in den schlaksigen Linkshänder ist, wird auch daran deutlich, dass die Hüttenberger nach dem Weggang von Fuß und Dieudonné Mubenzem (beide zum HSC Coburg) in diesem Sommer keinen Halbrechten mehr nachverpflichteten, sodass Theiß der einzige gelernte Spieler auf seiner Position ist. »Da habe ich mir vor der Saison schon manchmal meine Gedanken gemacht und mich gefragt, wie das funktionieren wird. Aber weil Ian seine neue Position als Rechtshänder im rechten Rückraum super annimmt, ergänzen wir uns richtig gut«, so Theiß, der bereits im zarten Alter von 15 Jahren als B-Jugendlicher - damals noch unter der Ägide von Ex-Trainer Emir Kurtagic (heute TuS N-Lübbecke) bei den TVH-Profis mittrainieren durfte.

Erstaunlich und zugleich beeindruckend ist in der Rückschau, dass der Hüttenberger, der in Sichtweite der Halle im Haus seiner Eltern wohnt, praktisch keine Eingewöhnungszeit gebraucht hat, um den Sprung in den Seniorenbereich zu schaffen. »Obwohl die Physis noch mein Manko ist. Ich muss in den nächsten Jahren definitiv noch ein bisschen Muskelmasse draufpacken«, weiß der trainingsfleißige Youngster, dass zum erfolgreichen Handballspielen auch die Schinderei im Kraftraum gehört.

Weil Theiß derzeit jedoch im Vergleich zu seinen Widersachern eher schmächtig daherkommt, kann er seine vielleicht größte Stärke umso wirkungsvoller ausspielen: Hebt der gebürtige Wetzlarer ab, scheint es, als stehe er kurzzeitig in der Luft, ehe der linke Arm peitschenartig nach vorne schnellt und das Harzleder ins gegnerische Netz donnert. »Ich war in meiner Jugend in der Leichtathletik-Hessenauswahl und im Hochsprung ganz gut«, erklärt der Jugend-Nationalspieler, der im Sport-Leistungskurs an der Goetheschule Wetzlar derzeit die 1,87 Meter und damit fast seine Körpergröße meistert - ohne spezielles Hochsprungtraining wohlgemerkt.

In diesem Frühjahr legt Theiß seine Abiturprüfungen am Wetzlar Oberstufen-Gymnasium ab. Den Hochleistungssport und die Schule unter einen Hut zu bekommen sei stressig, »aber ich kenne es nicht anders. Viel freie Zeit bleibt nicht, aber das ist okay.« Gelernt wird nach den Trainingseinheiten oder auch mal auf den Busfahrten zu Auswärtsspielen. »Obwohl das dann auf der Rückfahrt eher schwierig wird, wenn wir gewonnen haben«, lacht Theiß.

Gewonnen haben sie in der laufenden Spielzeit häufig beim TV Hüttenberg. Die Mannschaft belegt nach einer bärenstarken Hinrunde Platz vier, der Kader ist gespickt mit vielen blutjungen Eigengewächsen. »Als ich zum Beginn dieser Saison gegen Ferndorf zum ersten Mal vor Zuschauern in unser Sportzentrum eingelaufen bin, hatte ich Gänsehaut«, erinnert sich Theiß, dem es derzeit »einfach wahnsinnig viel Spaß macht. Ich habe nie einen Masterplan in Sachen Handball verfolgt und auch nicht gedacht, dass ich es mal in die zweite Liga schaffen würde. Das ging schon alles ziemlich schnell.«

Zu schnell war Theiß für seine Gegenspieler am zweiten Weihnachtsfeiertag. Beim wichtigen 30:30-Remis im Verfolgerduell beim ASV Hamm-Westfalen gelangen ihm acht Treffer, unter anderem der Buzzer-Beater in der letzten Sekunde zum umjubelten Ausgleich. »Als Stefan Kneer mir den Ball zurückgespielt hat, habe ich gesehen, dass es noch drei Sekunden sind. Dann habe ich einfach irgendwie geworfen und das Ding war drin«, schmunzelt Theiß, der anschließend von seinen Mitspielern stürmisch geherzt und gefeiert wurde.

Der Auftritt in der Hammer Westpress-Arena war sein vielleicht bestes Spiel im Trikot des TVH. Wieder so eine Wegmarke in der Laufbahn von Niklas Theiß, die aufhorchen ließ. Genau wie am Abend des 31. Oktober in Eisenach vor knapp 15 Monaten.

Nach knapp zweieinhalbwöchiger Pause ist Handball-Zweitligist TV Hüttenberg am vergangenen Donnerstag in die Vorbereitungsphase für die Rückrunde gestartet. Und wie es sich gehört, wurde im Sportzentrum, neben Übungen zur Verletzungsprophylaxe, zum Auftakt gekickt. Mit fünf Einheiten am Freitag, Samstag und Sonntag lag der Fokus zunächst auf dem athletischen Bereich, so Trainer Johannes Wohlrab, der momentan auf Vit Reichl (EM mit Tschechien) verzichten muss. Kapitän Dominik Mappes war trotz seines Muskelfaserrisses im Adduktorenbereich dabei, absolvierte jedoch, genau wie der von seiner Fußverletzung genesene Tobias Hahn, zunächst nur ein reduziertes Programm. Um pandemiebedingt nicht zu viel riskieren, bestreitet der TVH nur ein Vorbereitungsspiel: Am Freitag geht es gegen die Rhein-Neckar Löwen, ehe am 5. Februar das erste Ligaspiel beim EHV Aue auf dem Programm steht. (niha)

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