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Von vielen Kindern und Projekten

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Blau-Weiß Gießen ist auch mit 65 Jahren noch nicht reif für die Rente: Helmut Appel und Mira Dahmen-Stang. © Dittrich

Gießen . Dass Rentner oft am wenigsten Zeit haben und in einen Un(R)uhestand verfallen, ist ein gerne gepflegtes Bonmot, das gewiss ein Körnchen Wahrheit enthält. Dazu passt, dass auch die Spielvereinigung Blau-Weiß Gießen in »diesem Jahr in Rente geht«, wie der 2. Vorsitzende Helmut Appel anlässlich des 65. Geburtstages des Vereins von der Ringallee anmerkt.

Aber auch bei den Blau-Weißen kann keine Rede von Ruhe-, oder besser Stillstand sein.

Im Gegenteil: Es bewegt sich einiges beim 300 Mitglieder starken Stadtteilverein, wie Urgestein Appel gemeinsam mit Jugendleiterin Mira Dahmen-Stang im Gespräch erläutert. Der vielfach für seine Integrationsarbeit ausgezeichnete Klub überrascht dabei mit einer positiven Nachricht in Zeiten, da alle doch immer nur negativ sein wollen. Blau-Weiß Gießen, so könnte man salopp formulieren, hat den Corona-Test bestanden. »Wir haben durch Corona wahnsinnig viele Anfragen von Kindern, die bei uns Fußball spielen wollen«, erläutert Dahmen-Stang. Tatsächlich hat, so auch die Erfahrung bei anderen die Jugendarbeit forcierenden Vereinen, die Corona-Pause insbesondere bei den jüngsten Jahrgängen für einen Boom gesorgt. Und nicht für das Wegbrechen ganzer Jahrgänge, wie oft befürchtet wurde. Für die neue Saison werde man doppelt so viele Mannschaften von G- bis C-Junioren melden können, weiß Dahmen-Stang. Von F- bis D-Jugend könnten sogar je zwei Mannschaften gestellt werden, sagt die 2015 als Mitgründerin des Frauenteams zu Blau-Weiß gekommene Jugendleiterin. Und singt dann das Klagelied der meisten Vereine, auch ein Anlass für das Gespräch: »Wir suchen aber dringend, dringend Trainer«. Dem Zulauf an Nachwuchskickern hat Corona vielerorts Schwung verliehen, aber die Übungsleiter, vier, fünf lizensierte sind es bei Blau-Weiß, wachsen nicht genauso rasch nach. »Gerade in der D-Jugend ist oft der Punkt, dass Kinder aufhören, die schon lange spielen, um mal etwas Neues zu probieren. Das war diesmal zwar zum Teil auch so, aber wir haben auch 30 neue Spieler dazubekommen. Das ist viel, da brauchen wir Unterstützung.«

Bei dem Gießener Verein, maßgeblich mitgeprägt und gesteuert vom 1. Vorsitzenden Alexander Jendorff, kommt hinzu, dass Integration nicht nur ein (Mode-)Wort, sondern immer schon gelebte Realität ist. »Ich habe neulich mal eine Umfrage in der D-Jugend gemacht. 20 Kinder waren da«, macht Dahmen-Stang es anschaulich: »20 Kinder mit 18 unterschiedlichen Nationalitäten.« Das macht Jugendarbeit einerseits reizvoll, andererseits stellt es aber auch besondere Anforderungen. »Jugendtraining ist ganz viel pädagogische Arbeit, da kommt manchmal der rein fußballspezifische Aspekt zuletzt«, weiß Dahmen-Stang, die bei den Vereinen immer auch einen Erziehungsaufttrag im Rahmen des Möglichen sieht. »Dem man, gerade, wenn man alleine 15 Kinder betreut, natürlich nur bedingt nachkommen kann.« Die ausgebildete Heilerziehungspflegerin weiß, wovon sie spricht. Und die Blau-Weißen wissen auch seit Jahren bereits, was sie tun. Nämlich nicht ausruhen auf und in den Strukturen, sondern weiter in besondere Projekte und Workshops investieren. Einen Innovationspreis der Volksbank hat Blau-Weiß erhalten, weil es Schnuppertraining in Kitas der Nordstadt anbietet, zudem sind die Blau-Weißen bei einem Uefa-Projekt als einer von fünf hessischen Vereinen am Start. Das nennt sich »Playmakers«, läuft in Kooperation der Uefa mit - man höre und staune - Walt Disney und wendet sich an fünf- bis achtJährige Mädchen. Um diese »mit Geschichten und einer anderen Herangehensweise zum Fußball zu bringen.« In der ersten Sommerferienwoche, vom 23. bis 27. Juli, bietet Blau-Weiß dazu ein Feriencamp im Rahmen des Ferienkarussells der Stadt an. Eine Mädchenmannschaft aufzubauen ist somit eines der mittelfristigen Ziele von Mira Dahmen-Stang und ihren Mítstreiterinnen und Mitstreitern.

Die Infrastruktur jedenfalls gibt es her: Blau-Weiß Gießen, man hätte nicht gedacht, dass der kritisch der Stadt verbundene Helmut Appel das mal sagen würde, »hat schon auch von der Landesgartenschau profitiert.« Ein dezenter Hinweis, dass das alte Sportheim mittlerweile wohl das Zeitliche gesegnet hätte. Der auf den ersten Blick wenig einladende »Neubau« offenbart tatsächlich hinreißende innere Werte. Einen Schankraum mit großer Leinwand gibt es, ein Biergarten ist im Entstehen, vier schöne Kabinen haben sie, dazu einen Besprechungsraum, eine top ausgestattete Küche und sogar -- fast wie ein begehbarer Kleiderschrank - einen Raum, in dem die Trikots aller Mannschaften fein säuberlich lagern. Ein Schmuckkästchen haben die Mitglieder, »alles in Eigenleistung«, wie Appel erläutert, geschaffen. Es dürfte in Gießen, inklusive des Regionalligisten FCG, kein besser durchdachtes und ausgestattetes Sport- und Vereinsheim geben.

Das nun auch von Außen - noch ein Projekt im Jahr des 65-jährigen Bestehens - aufgehübscht werden soll. Denn der aalglatte Betonquader lockt Sprayer und Schmierer an, wie den hungrigen Fan die Stadionwurst. Dementsprechend sieht es aus. Mit der Stadt gemeinsam »wollen wir das in vernünftige Bahnen lenken und mit einem Graffiti-Projekt gezielt schöne Motive zu Sport und Umfeld anbringen lassen.« Wobei Umfeld ein gutes Stichwort ist, denn nach wie vor erscheint es grotesk, dass in Gießens größter Grünanlage ein Rotasche- als Sportplatz dient. Daran sich abzuarbeiten, ist nach all den Kämpfen, die Blau-Weiß auch während der Verbannung durch die Gartenschau ausgetragen hat, müßig. »Aber vielleicht«, so Appel (71), »erlebe ich es ja noch, dass wir hier einen Kunstrasen bekommen.«

Verdient hätte es der Verein, der neuerdings jeden Dienstag und Donnerstag von 17 bis 18 Uhr die Geschäftststelle für »Pasanträge und all die bürokratischen Formalien« geöffnet hat. Das könne man als Trainer oder Trainerin nicht auch noch bewerkstelligen, weiß Mira Dahmen-Stang.

Und verweist noch auf den 25. April, wenn Makkabi Frankfurt als Initiator des Workshops »Zusammen1« an der Ringalle aufkreuzt. Eine Sensibilisierung und Handreichung für Kinder und Trainer, um zu zeigen, wie es im Trainingsalltag ohne Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung funktionieren kann.

Blau-Weiß mag qua Gründungsdatum ins Rentenalter eingetreten sein, von Ruhe- oder Stillstand aber kann bei diesem Verein keine Rede sein.

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