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Was Klimpke hält, verwirft Angriff

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Der Siebenmeter von Ivan Martinovic passt für MT Melsungen. Doch ansonsten pariert Wetzlars Torhüter Till Klimpke zahlreiche Würfe des Favoriten, kann aber die 29:31-Derbyniederlage nicht verhindern. Foto: Imago © Imago

Melsungen-Wetzlar. »Männer«, sagt Ben Matschke beschwörend, »wir gewinnen das.« 51 Minuten sind gespielt im packenden, ja nervenaufreibenden Hessenderby der Handball-Bundesliga, als der Wetzlarer Trainer in seiner letzten Auszeit seine Spieler auf die Schlussphase bei der MT Melsungen einstimmt. 18:18 steht es. Der Auswärtssieg ist für die bis dahin in der Abwehr bärenstarke HSG Wetzlar zum Greifen nahe.

Der Traum vom großen Coup lebt in dieser Minute. Doch der Traum zerplatzt. Ausgerechnet nach dieser Auszeit. Ausgerechnet in den Schlussminuten. Drei Tore kassieren die Mittelhessen in Folge. Am Ende tanzen die Melsunger ausgelassen über das Parkett und feiern ihren 21:19 (11:10)-Erfolg in einem Duell mit Erinnerungswert. In einem Duell vor allem der Torhüter und Abwehrreihen.

Nach 19 Minuten schallen »Wetzlar, Wetzlar«-Rufe durch die Messehalle in Kassel. Nur eine Minute später wird der Chor der grün-weißen Anhängerschaft konkreter: »Klimpke, Klimpke«, skandieren die Fans. Und womit? Mit Recht! Mit Recht und Handballverstand! Denn der überragende Schlussmann hält seine Wetzlarer im Spiel. Mit Fuß, Knie, Oberschenkel, Hand und notfalls großem Zeh entnervt Till Klimpke in der ersten Halbzeit des Hessenderbys das Melsunger Starensemble.

MT Melsungen - HSG Wetzlar 21:19

Ohne seine Parade würden die Domstädter weitaus deutlicher als 10:11 zur Pause zurückliegen. Oder um es ganz anders zu sagen: Trotz Tausendsassa Klimpke verpasst es die HSG, sich eine Führung zu erarbeiten. Denn auch auf der Gegenseite entpuppt sich Nebojsa Simic als ein wahrer Schrecken der Angreifer. »Ohne ihn«, lobt später MT-Routinier Kai Häfner, »hätten wir heute keine Chance gehabt.«

Von Beginn an entwickelt sich ein Derby das vom Kampf, von harter Arbeit, ja von echter Handball-Maloche lebt. Die Melsunger 6:0-Formation ist für die Gäste so schwer zu überwinden wie das 5:1-Defensivkonstrukt der Wetzlarer. Tore? Mangelware! Der Spielfluss ist ungefähr so rasant wie eine Fahrt am Montagmorgen von Wetzlar nach Frankfurt.

Es wird gedrängelt, es wird aufgefahren, es wird geschimpft, aber schneller geht es trotzdem nicht. HSG-Regisseur Magnus Fredriksen scheitert ein ums andere Mal mit seinen Passversuchen ebenso wie Lenny Rubin. »Unsere Zuspiele sind wie antelefoniert«, schimpft Trainer BenMatschke in seiner Auszeit nach 13 Minuten.

Auf der ebenfalls wenig einfallsreichen Gegenseite belebt der eingewechselte Superstar Andre Gomez die MT-Offensive. Als der Portugiese nach 17 Minuten mit einem tollen Wackler zum 6:4 trifft, scheint sich der Favorit absetzen zu könen. Doch der Schein trügt. Denn danach läuft Klimpke endgültig zur Hochform auf. Und so ist beim 7:7 durch Vladan Lipovinas Klassewurf (21:00)) alles wieder so offen wie beim 11:10 zur Pause. »Ein brutal intensives Spiel«, wird später Häfner stöhnen.

Aus dieser Pause kommt der Außenseiter mit besseren Ideen und größeren Elan. Und das trotz des kurzfristigen Ausfalls des verletzten Kapitäns Adam Nyfjäll und des erkrankten Spielmachers Jonas Schelker. Mit nur einem Kreisläufer und einem Regisseur zieht der grün-weiße Notkader bis zur 42. Minute dank des quirligen Jovica Nikolic auf 15:13 weg. Die Hoffnung lebt. Die HSG-Fans jubeln. Die MT aber schlägt zurück. Oder um genau zu sein: Kai Häfner hält die Nordhessen am handballerischen Leben. Der Nationalspieler gleicht die letzte Wetzlarer Führung nach Hendrik Wagners Treffer beim 18:18 wieder aus (49:00). Und er erzielt mit dem 20:18 vier Minuten vor dem Schlusspfiff auch deshalb die Vorentscheidung, weil Vladan Lipovina im nächsten Angriff seinen Wurf so weit daneben zielt wie Clint Eastwood höchstens in einem seiner ganz späten Western. Nach dem 21:18 durch Dimitri Ignatow (57:00) ist die Messe in der wenig weihevollen Kasseler Messehalle gelesen.

Ben Matschke lehnt da schon gefrustet an der Bande. Vielleicht denkt da der HSG-Trainer an die zwei verworfenen Siebenmeter von Lars Weissgerber zurück. An die Fehlversuche von Rubin, Wagner und Lipovina. Vielleicht denkt der ehrgeizige Trainer auch einfach nur: »Was für ein Mist!«

Kurz darauf ist beim 21:19 Schluss. Melsungen tanzt. Und Wetzlar trauert. Trauert vor allem vielen vergebenen Chancen nach. »18 Tore sind zu wenig«, schüttelt dann auch der überragende Klimpke den Kopf. Aber auch er weiß um den großen Kampf des grün-weißen Notkaders: »Vielleicht hat uns am Ende einfach die Kraft gefehlt.«

MT Melsungen: Simic (1.-60.); K. Häfner 5, A. Gomes 3, Ignatow 3, Martinovic 3/3, Casado 2, E. Jonsson 2, Arnarsson 1, Kalarasch 1, D. Mandic 1

HSG Wetzlar: Klimpke (1.-52.), Suljakovic (52.-60.);Mellegard 4, Rubin 4, E. Schmidt 3, Lipovina 2, Nikolic 2, Novak 2/1, Wagner 2, Fredriksen, Weissgerber, Becher

Schiedsrichter: Ramesh Thiyagarajah (Gummersbach)/Suresh Thiyagarajah (Gumm ersbach) - Zuschauer: 3319 -Strafminuten: 6 (Kalarasch 3)/ 10 (Schmidt 2, Rubin, Novak, Mellegard) - Disqualifikation: Kalarasch (55./3. Zeitstrafe)

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