1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

»Weil wir als Mannschaft zusammenstehen«

Erstellt: Aktualisiert:

gispor_1202_sarr201_1202_4c
Marian Sarr präsentiert das Trikot des FC Gießen. Mit der Elf von Danyiel Cimen will er den Klassenerhalt realisieren. Der Ex-Dortmunder kann sich danach aber auch noch einen Wechsel ins Ausland vorstellen. © FCG/Rauber

Gießen. Wer einmal einen Stempel aufgedrückt bekommen hat, der wird ihn selten los. Vor allem im hochgejazzten Fußballgeschäft auf Top-Level ist das so. Marian Sarr kann ein Lied davon singen. Ein überragendes Talent, aus dem nicht das geworden ist, was alle von ihm erwartet haben: In dieser Schublade steckt der inzwischen der 27-Jährige, der seit September für den FC Gießen in der Regionalliga Südwest aufläuft.

Damit lassen sich Schlagzeilen machen, Sarrs Laufbahn war mehrfach großes Thema auf bekannten Internetseiten wie »Sport1« und »Spox«. Kein Wunder, diese Storys garantieren eben Klicks. Sarrs Geschichte ist zunächst die des kometenhaften Aufstiegs eines 18-Jährigen. Im Dezember 2013 kam der Jugendnationalspieler aus dem Nichts zu einem Platz in der Anfangsformation in einem für die Achtelfinal-Qualifikation entscheidenden Champions-League-Spiel von Borussia Dortmund bei Olympique Marseille. Das angestammte Innenverteidiger-Duo Neven Subotic und Mats Hummels war verletzt ausgefallen. Der BVB gewann seinerzeit mit dem Debütanten (2:1) und zog in die Runde der letzten 16 ein, Sarr gab danach auch seine Bundesliga-Premiere und bestritt bis zur Winterpause zwei Partien im Oberhaus. Trainer Jürgen Klopp bezeichnete den gebürtigen Essener gar als »Jahrhunderttalent«. Doch den Durchbruch schaffte Sarr in Dortmund nie. Bis 2016 streifte er noch das Trikot der 2. Mannschaft über, es folgten zwei Jahre in der Zweitvertretung des VfL Wolfsburg, ehe er sowohl mit dem VfR Aalen als auch mit Carl-Zeiss Jena aus der 3. Liga abstieg. Anfang 2021 schloss er sich dem West-Regionalligisten Bonner SC an, seit fünf Monaten ist er in Mittelhessen.

»Was heißt genervt?«, antwortet der Abwehrspieler auf die Frage, ob es ihn störe, immer wieder auf seinen Karriereverlauf und den Knick in jungen Jahren angesprochen zu werden: »Ich erzähle trotzdem gerne darüber. Denn auf der anderen Seite kann mir das niemand wegnehmen. Es können nicht viele von sich behaupten, vor ihrem ersten Bundesligaspiel in der Champions-League in einem wichtigen Match in der Startelf gestanden zu haben. Das ist außergewöhnlich gewesen.« Sarr reflektiert selbstkritisch, warum er sich damals nicht etablierte: »Es waren sicher verschiedene Gründe, zum einen Verletzungspech. Aber gewiss hat in dem Alter auch die richtige Einstellung zum Beruf gefehlt. Das Talent öffnet dir die Tür, durchgehen musst du selbst. Ich habe mich selbst verhindert und stand mir selbst im Weg.« Jahre später, mit jetzt 27, sieht er gleichwohl die 4. Liga nicht als Limit für sich. »Ich habe nach wie vor Ansprüche an mich und will nochmal in den Profifußball reinkommen.« Im Gespräch äußert sich sich der Innenverteidiger neben seinen Plänen auch zu seinem Transfer zum FC Gießen, die aktuelle Saison, die am Samstag gegen den Bahlinger SC beginnende Restrunde und seinen Spielstil.

Marian Sarr...

... über den Wechsel zum FCG und Gespräche mit Trainer Daniyel Cimen (der von sich selbst einräumt, dass er mehr aus seinem Talent hätte machen können als 16 Bundesligaeinsätze für die Frankfurter Eintracht) zu Parallelen in den Spielerkarrieren der beiden:

Ich war in Belgien und den Niederlanden, da hat es aus unterschiedlichen Gründen nicht gepasst. Bei Gießen und Daniyel hatte ich schnell das Gefühl, dass das zusammenpasst. Da war von vornherein klar, dass mir da jemand gegenübersitzt, der meine Geschichte nachvollziehen kann. Ich habe mich ein Stück weit in ihm wiedergefunden und er sich in mir. Daniyel kann sich in meine Situation hineinversetzen. Wir waren sehr schnell auf einer Wellenlänge, es hat einfach von Anfang an ziemlich gut gepasst.

... darüber, wie es ihm in Mittelhessen gefällt...

Bisher gut, wobei ich von Gießen noch nicht so viel gesehen habe. Ich bin nicht so der Typ, der viel rausgeht, zumal das durch Corona ohnehin nochmal schwieriger ist. Wenn spielfrei ist, pendele ich zu meiner Freundin, die in Essen wohnt. Ansonsten bestimmt der Sport meinen Tag. Wenn kein Training ist, gehe ich oft ins Fitnessstudio. Ich möchte einfach für mich noch mehr machen, früher war das anders. Ich merke, dass ich mich besser fühle. Der Fußball wird immer athletischer, andere tun auch viel für sich. Da möchte ich mithalten können.

... über den bisherigen Saisonverlauf:

Wir haben definitiv zu wenig Punkte geholt. Es waren zwar auch zwei, drei Spiele dabei, die nicht gut waren von uns. Allerdings müssen wir uns vor keinem Gegner fußballerisch verstecken. Wir haben oft in den entscheidenden Phasen zu leichte Gegentore kassiert oder aber waren vorne nicht kaltschnäuzig genug. 20 erzielte Tore sind viel zu wenig für die Qualität, die wir vorne haben. Wir haben sieben, acht Punkte zu wenig eingefahren. Ebenso ist es bei den Treffern.

... darüber, dass die SGS Großaspach und der FSV Frankfurt - beide sind Konkurrenten im Abstiegskampf - mächtig aufgerüstet haben, der FC aber nicht:

Ich glaube, dass unser Kader groß genug ist. Zudem sind viele Jungs aus Verletzungen zurückgekehrt. Jabez Makanda erweitert noch die Optionen, die Trainingsqualität ist sehr hoch.

... darüber, was ihn optimistisch stimmt, dass der FCG in der Restrunde seine Angriffsschwäche ablegen kann:

In der Offensive haben wir junge Spieler wie Donny Bogicevic, Dennis Owusu und Ryunosuke Takehara, die sich entwickeln müssen. Da muss sich auch eine gewisse Kaltschnäuzigkeit entwickeln. Das wächst von Training zu Training, von Spiel zu Spiel. Und dann sind da mit Aykut Öztürk und Giuseppe Burgio zwei Schlitzohren, die in der Box unheimliche Qualität haben, wenn sie an den Ball kommen.

. .. darüber, was sein Spiel als Innenverteidiger auszeichnet:

Das ist meiner Meinung nach das Passspiel, die Ruhe am Ball, das Erkennen von Situationen. Ich schaffe es ganz gut, einen Schritt vorauszudenken: wie kann ich den Mitspieler anspielen, dass das Spiel für uns fortgesetzt werden kann. Und nicht erst dann zu überlegen, wenn ich den Ball bekomme. Das ist mein Spiel, das ziehe ich durch, auch wenn andere vielleicht einen anderen Marian sehen wollen. Einen, der öfter mal aus der Haut fährt. Aber ich will mich nicht verstellen.

... darüber, was er noch verbessern kann:

Das ist der Infight. Ich versuche, die Situationen bereits vorher zu lösen, ohne in den Zweikampf zu müssen, weil das dann 50:50-Situationen sind. In den Zweikämpfen ist mit einer gesunden Aggressivität noch mehr drin für mich.

... darüber, warum Gießen den Klassenerhalt schafft:

Weil wir als Mannschaft zusammenstehen und richtig Bock haben, möglichst viele Punkte einzufahren.

... über die Aussichten für das Auftaktspiel gegen Bahlingen:

Im Hinspiel beim 0:2 war ich noch nicht dabei. Ich habe das Spiel aber im Stream gesehen, das war eine unglückliche Niederlage. Bahlingen ist sicherlich ein unangenehmer Gegner, der nach vorne seine Qualitäten hat. Aber sie sind auch verwundbar. Die Räume, die sie uns geben, müssen wir konsequent bespielen.

... darüber, ob er sich eine Zukunft beim FCG über das Saisonende hinaus vorstellen kann:

Zunächst einmal geht es darum, jetzt möglichst gut in die Restrunde zu starten und möglichst viel zu spielen. In Gießen ist die Zeit erstmal nur für das eine Jahr bis zum Sommer angedacht, weil ich mir schon noch den Traum vom Ausland erfüllen möchte, wenn sich da Optionen ergeben. Da bin ich ziemlich offen. Die Niederlande und Belgien, aber auch Frankreich, Spanien und Italien sind reizvoll.

... darüber, wie groß er die Chance für sich einschätzt, es noch einmal in die 3. Liga oder höher zu schaffen...

Ich fühle mich gut, bin fit und habe noch das Ziel, es in den bezahlten Fußball, sprich ab der 3. Liga in Deutschland oder unter Profibedingungen im Ausland, zu schaffen. Ich denke auch, dass die Chancen dafür gut stehen.

... zu Überlegungen für die Zeit nach dem Fußball.. .

Mit jetzt 27 sollte ich mir da schon ein paar Gedanken machen, alles andere wäre ja auch fatal. Ich denke da so Richtung Spielanalyse und Scouting. Da habe ich Kontakte, hole Meinungen ein, um mich zu informieren und mich schon reinzuarbeiten.

Auch interessant