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Wenigstens ein Traumtor

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Nicht nur beim Ausgleichstreffer mit einem feinen Fuß unterwegs: FCG-Kapitän Nikola Trkulja. © Bär

Gießen . Dann und wann kann es nicht schaden, mal auf die Tribünengäste zu hören. »Ei, däe sei so umständlich, die misse einfach moal scheeße.« Den gerade auf Platt einer Gießener Umlandgemeinde ausgesprochene Hinweis eines der 578 zahlenden Zuschauer im Waldstadion, beherzigte FC Gießen-Kapitän Nikola Trkulja in Minute 18 mit schier unglaublicher Präzision.

Nachdem sich Ben Fisher mit viel Einsatz und halb im Fallen parallel zum Strafraum des VfR Aalen durchgewurstelt hatte, kam der Ball zum Spielführer der Rot-Weißen, der ihn aus gut 20 Metern mit Wucht und doch fein gezirkelt in den Winkel des machtlosen VfR-Torhüters Tim Paterok einschweißte. Großer Jubel im Stadion, großer Jubel auf dem Rasen.

FC Gießen - VfR Aalen 1:1

Dass dieser relativ frühe Treffer nur das 1:1 bedeutete, lag allerdings daran, dass die Gießener in der Vorwoche ihrem Trainer wohl nicht richtig zugehört hatten. Daniyel Cimen hatte im Vorfeld explizit darauf hingewiesen, dass »wir nicht nur bei den Abschlüssen konsequenter sein, sondern auch die Standards gegen uns besser verteidigen müssen.« In Minute sieben der mit dem Gedenken an den Überfall auf die Ukraine begonnenen Regionalliga-Partie hatte Aalens Leon Volz eine VfR-Ecke am Fünfmeterraum mit der Hacke(!) verlängert. Der Ball kam zu Steffen Kienle, der das Gießener Zuordnungschaos mit einem Kopfball über Freddy Löhe hinweg mit dem 1:0 bestrafte. Da war er wieder, der schlecht verteidigte Standard.

Zwei schöne Tore bei schönem Wetter auf einem der Jahreszeit entsprechend schwer zu bespielendem Untergrund waren der Höhepunkt von 90 Minuten, in denen ansonsten viel geackert, gerackert, gerannt und gegrätscht wurde. Dabei passte sich Schiedsrichter Philipp Hofheinz aus Niefern eher dem Untergrund als dem schönen Wetter an, traf zwar keine spektakuläre Fehlentscheidung, vermittelte aber das Gefühl, keine klare Linie zu haben und im Zweifel gegen die Platzherren zu entscheiden.

Das war aber freilich nicht der Grund, dass nach dem 0:0 gegen Bahlingen und dem 1:1 in Balingen es erneut nur zu einem im Abstiegskampf unbefriedigenden 1:1 gegen die kompakt auftretenden Gäste aus Aalen reichte. Nein, die mit Ryonusoke Takehara für den gesperrten Gianluca Lo Scrudato auf der linken Außenbahn und Marian Sarr für Tobias Reithmeir in der Innenverteidigung gestarteten Gießener hatten sich auch diese »gefühlt eher verlorenen zwei Punkte« (Trjkulja) einmal mehr selbst zuzuschreiben.

Denn es war auch an diesem Samstag wie bereits zuvor in dieser Saison: Der FC Gießen ist den Gegnern zumeist mindestens ebenbürtig, aber der letzte Ball gerät oft zu unpräzise. Es wird geschossen, wenn das Abwehrbein längst da ist. Es wird gepasst, wenn geschossen werden kann. Es wird geschossen, wenn ein Nebenmann besser steht.

Dass Trainer Daniyel Cimen das nach der Partie auch so sah, aber nicht ganz so verärgert schien wie gegen die beiden Ba(h)lingens lag am Gegner. Denn der ehemalige Zweitligist besaß trotz der Turbulenzen um Trainer Uwe Wolf vor allem im ersten Durchgang die bessere Spielstruktur, sorgte immer wieder für gefährliche Konter. So hätte in Minute 27 Leon Volz nach einem blitzsauberen Angriff über drei Stationen wohl das 1:2 erzielt, wäre dem FCG nicht ein Platzfehler zu Hilfe gekommen. So schoss Volz gen VIP-Zelt. Das war es auch schon an klaren Chancen, deren Gros in einer nach Wiederanpfiff meist hektischen, zerfahrenen und von vielen Fouls unterbrochenen Partie dann aber der FC Gießen hatte. Für den schwer an den Bändern verletzten Takehara (44.), der nur gestützt das Feld verlassen konnte, war Reithmeir im Spiel, das nun die Vorteile, aber wenig Durchschlagskraft auf Gießener Seite sah.

Hoffnung machte die Einwechslung von dem als Torjäger verpflichteten langzeitverletzten Giuseppe Burgio nach gut einer Stunde. Er hatte dann auch nach Vorarbeit von Donny Bogicevic, dem in Sachen Spielkultur, Auge und Ideen an diesem Tag besten Gießener, zwei Abschlüsse (72./74.), die allerdings harmlos blieben.

Immerhin war eine Schlussviertelstunde eingeläutet, in der der FCG nochmal Druck machte. Aber erneut mangelte es Burgio (80.), Tiliudis (83.) und Reithmeir (85.) an der letzten Präzision oder Konsequenz. »Wir hätten vor dem spielfreien Wochenende gerne den Dreier mitgenommen«, sagte Cimen danach, gab aber auch zu, dass »es heute eher ein fifty-fifty-Spiel war, von daher können wir mit dem Punkt auch leben.» Soll heißen, Nikola Trkulja? »Es ist schade, aber wir müssen halt weiter an den Abschlüssen arbeiten.« Oder einfach mal »scheeße«. Muss ja nicht immer so schön sein wie der herrliche Treffer des Kapitäns.

FC Gießen: Löhe (Note 2,5) - Fisher ((3/62. Gaudermann/3), Bogicevic (2), Öztürk (2,5), Fink, (2,5), Takehara (4/ 46. Reithmeir 3,5), Owusu (4), Sawada (3), Itoi (3,5/62. Burgio 4), Sarr (4), Trkulja (2).

VfR Aalen: Paterok - Arh Cesen (69. Heckmann), Stenese, Elfadli, Abruscia, Kindsvater, Windmüller, Odabas, Müller (69. Botic), Kienle (86. Bux), Volz (78. Knipfer).

Tore: 0:1 Kienle (7.), 1:1 Trkulja (18.). - Schiesdrichter: Hofheinz (Niefern). - Zuschauer: 578. - Gelbe Karten: Öztürk, Trkulja / Abruscia.

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