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Wenn der Trainerstar blass wird

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Die Geschichte des Spitzenspiels: HSG-Neuzugang Gennadi Komok hat soeben einen Siebenmeter pariert, wird von den Zuschauern und Mitspieler Till Klimpke (rechts) gefeiert. © Röczey

Wetzlar. Bennet Wiegert wirkte erschöpt. Das dunkle Haar klebte an seiner verschwitzten Stirn, die blassen Wangen des schlanken Mannes wirkten eingefallen. Als der Trainer des SC Magdeburg den Presseraum der Buderus-Arena betrat, schien es, als hätte er soeben einen Ultramarathon absolviert.

Und als Wiegert nach der Begrüßung zu Wort kam, sagte er erstmal: »Puh!«, schnaufte hörbar durch und erklärte: »Ich habe gerade mehrfach kräftig durchgeatmet und bin unglaublich erleichtert. Die HSG Wetzlar hat das heute fantastisch gemacht und uns alles abverlangt.« Alles abverlangt, ehe der designierte Meister der Bundesliga erst ganz am Ende der 60 fantastischen Handball-Minuten einen 29:26-Sieg eingetütet hatte, der lange Zeit immer wieder aus eben dieser Tüte doch herausrießeln wollte. Um im Bild zu bleiben: Die extrem ersatzgeschwächten Gastgeber entpuppten sich für den Spitzenreiter als wahre Wundertüte, die der Favorit zu keiner Zeit so richtig entleeren konnte. Immer wieder schauten die Magdeburger fast schon fasziniert zu, was ihnen HSG-Coach Ben Matschke denn noch so alles an für den Gast keineswegs angenehmen Bescherungen in diese spielerische und taktische Wundertüte voll mit wechselnden Deckungs- und Angriffsvarianten gepackt hatte.

Dabei waren die personellen Möglichkeiten der Domstädter nach dem Ausfall des erkrankten Lenny Rubin und des verletzten Lars Weissgerber so gering wie festangestelltes und korrekt bezahltes Personal beim großen Online-Kaufhaus. Doch der für Rubin von Beginn an auch in der Offensive energisch zu Werke gehende Olle Forsell Schefvert, der fast nimmermüde Alleinunterhalter auf dem Regiesessel Magnus Fredriksen, der allerdings weiterhin formkriselnde Stefan Cavor, aber auch Vorruheständler Filip Mirkulovski bereiteten den Gästen massive Probleme. So massiv, dass es den knapp 4200 Zuschauern - sofern sie nicht aus Magdeburg angereist kamen, eine tobende Freude war.

Vor allem machten die Grün-Weißen den Ausfall ihres besten Rückraumschützen Rubin und die Formkrise ihres rechten Rückraum-Asses Cavor mit gewitzt vorgetragenen Angriffen wett. Immer wieder wurden Rechtsaußen Domen Novak und Kreisläufer Adam Nyfjäll klasse freigespielt und verwerteten diese Vorarbeiten so zuverlässig wie das samstägliche Rasenmähergeräusch in einer Wohnsiedlung erschallt.

Spielwitz statt Wurfgewalt: Dank diesem Motto ließ die HSG bei ihrer 15:12-Pausenführung die prächtige Kulisse vom Favoritensturz träumen. »Wir haben in der ersten Halbbzeit viele freie Würfe und dabei auch zwei Siebenmeter vergeben«, wies Wiegert daraufhin, dass es auch in der Offensive des SC haperte. Und wie immer ist dabei des Einen Schwäche zugleich des Anderen Stärke.

Denn HSG-Keeper Till Klimpke parierte mehrfach glänzend. Und der neu verpflichtete ukrainische Nationaltorwart Gennadi Komok entschärfte gleich zwei Siebenmeter. Ein Traumdebüt für einen Mann, der soeben einem brutalen Krieg entronnen ist und sich freut, dass er mit seiner Frau und den zwei Kindern zumindest bis zum Sommer in Mittelhessen leben kann. An dieses Debüt zumindest dürfte sich der Torwart ein Leben lang erinnern. Wer bei seinem allerersten Einsatz mit seiner allerersten Parade mehr als 4000 Menschen in Extase versetzt, macht einen Traum lebendig. Auch wenn dies nur ein kleiner schöner Traum inmitten eines langen kriegerischen Albtraums sein mag.

In der Halbzeit wiederum musste der Gästetrainer Schwerstarbeit verrichten. Geistige Schwerstarbeit. »Das war mental ganz schwierig, da den Schalter zu finden, um die Spieler wieder aufzubauen. Zum Glück haben die Jungs ruhig weitergemacht.« Und ruhig weitermachen, hieß, darauf zu warten, dass den personell ausgedünnten Gastgebern irgendwann die Kräfte ausgehen würden. Ein Warten, dass den haushohen Favoriten jedoch wie eine sportliche Ewigkeit vorgekommen sein muss.

Denn erst in den letzten fünf Spielminuten vermochten sie es vor allem dank Gisli Kristjansson, der immer wieder die Schwachstellen des grün-weißen Bollwerks fand, sich entscheidend bis zum 29:26 abzusetzen. Und so durfte später auch der Ex-Wetzlarer Philipp Weber diebisch grinsen. »Das«, so der Nationalspieler«, war glaube ich das erste Mal, dass ich mit einem meiner Vereine Punkte aus Wetzlar mitgenommen habe.« Neben ihm bekam sein Trainer allmählich wieder etwas Farbe ins Gesicht und fand die passenden Schlussworte: »Ich wünsche der HSG Wetzlar, dass sie sich für ihre herausragende Saison vielleicht sogar mit einer Europacup-Platzierung belohnt.«

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