1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Wer mixt den Zaubertrank?

Erstellt:

gispor_1912_WET_201222_4c
Au Backe: Wetzlars neuer Trainer Hrvoje Horvat mit bangem Blick. Sein Team unterliegt den Rhein-Neckar Löwen mit 23:29. Foto: Ben © Ben

Wetzlar. Nur wer die Vergangenheit verarbeitet, kann die Zukunft bewältigen. Verarbeitet aber hatte Sebastian Hinze diese sportliche Vergangenheit offensichtlich noch nicht. Und so räumte der Handball-Trainer, als er am Sonntagnachmittag im Presseraum der Buderus-Arena saß, freimütig ein: »Ich war mir nie sicher, ob dieses Spiel nicht noch kippt.«

Dabei hatte der Trainer seine Rhein-Neckar Löwen kurz zuvor zu einem eigentlich recht souveränen 29:23 (16:10)-Erfolg bei der HSG Wetzlar geführt. Ein Spiel, das nur bei vielen Wenn und Aber, Hätte und Würde, ganz vielleicht anders ausgegangen - her mit dem nächsten Konjunktiv! - wäre. Doch Hinze litt bis zuletzt an dieser Vergangenheit. Eine Vergangenheit, in der er als Trainer des Bergischen HC ein ums andere Mal in Wetzlar unterlag, teils vorgeführt wurde, teils sogar taktische Lehrstunden erhielt.

Eine Vergangenheit, die seine Furcht beim sonntäglichen Gastspiel mit seinem neuen Verein erklärte. Eine Vergangenheit, deren Mitgestalter kurioserweise in diesem Moment neben ihm saß.

Denn Olle Forsell Schefvert war der Mann, der bis vor dieser Saison ein wichtiger Bestandteil des mittelhessischen Erfolgsteams war. Wie wichtig der Schwede als Auslöser der zweiten Welle, als Stabilisator der Abwehr und als Fuchs in der Offensive war, verkannten einst viele. Die, die es verkannten, dürften es spätestens am Sonntag erkannt haben. Schefvert gehörte in Abwehr und Angriff zu den Anführern der siegreichen Löwen.

Doch auch der Zopfträger bekannte, dass ihm sein erster Auftritt in der Buderus-Arena als gegnerischer Spieler ein Gefühl unbewältiger Vergangenheit bescherte. »Es war«, sagte der Familienvater mit leiser Stimme, »ein ganz, ganz komisches Gefühl, hier auf der anderen Seite zu stehen.«

Doch die teils bangen, teils nostalgischen, rückwärtsgewandten Blicke hielten die Mannheimer nicht davon ab, ihren Erfolgsweg in die Tabellenspitze der Handball-Bundesliga weiter zu gehen. Zu gehen? Nein zu eilen. Als die Löwen fast mühelos einen 5:7-Rückstand (11:50) binnen ener knappen Viertelstunde in eine 14:7-Führung (25:20) umwandelten, beschlichen wohl in der ausverkauften Halle nur grün-weiße Daueroptimisten und den einst sportlich traumatisierten Sebastian Hintze noch irgendwelche Zweifel am Gästesieg.

Zu stabil die Abwehr, zu gut die Torwartleistung von Nachwuchshoffnung Joel Birlehm, zu überragend die Regiearbeit von Juri Knorr, als dass selbst grün-weiß träumende Fans noch nennenswerte Cent-Beträge auf die HSG gesetzt hätten. Und just in dieser Phase wurden die Schwächen der abstiegsbedrohten Domstädter überaus deutlich. Hätte sich Trainer Hrvoje Horvat bei seinem Debüt auf der Bank ein Lehrvideo für die nächsten Übungsstunden gewünscht, es hätte nicht treffender ausfallen können. Als die furiose Anfangsphase der Gastgeber verpuffte, traten die Übel zutage: Mangelnde Effektivität im Abschluss, weil die Würfe oftmals so genau kamen wie die Schüsse aus einem zerbeulten Kirmes-Luftgewehr. Nervenflattern bei völlig freien Möglichkeiten. Eine eigentlich starke Abwehr, die aber durch den Chancenwucher vorne schnell ihr Selbstvertrauen und dann eben die Stabilität verliert. Und an diesem Tag zumindest zwei junge Torhüter, die aber weiter in den unteren Stockwerken des Talentschuppens hängen bleiben, während ihr ebenso junger Kollege auf der Gegenseite schon einige Treppenabsätze weiter oben angelangt ist.

Doch zu schwarz zu sehen, hilft nicht. Zu schwarz mochte es auch der kroatische Hoffnungsträger auf der Bank keinesfalls sehen: »Insgesamt«, so Horvat, »bin ich mit der Leistung meiner Mannschaft zufrieden. Man muss auch einfach anerkennen, dass die Löwen hervorragend gespielt haben.« Hervorragend zumindest, bis der offensive Alleinunterhalter Knorr nach einem Siebenmeter-Fehlwurf an den Kopf Till Klimpkes die Rote Karte sah. Danach fand die HSG besser ins Spiel. Besser, aber nicht gut genug. Denn die zwei-, vielleicht dreimal, als die Mannheimer bei einem nur noch Vier-Tore-Rückstand wieder in Sichtweite gerieten, als ein Hoffnungsschimmer so blass wie eine abgebrannte Adventskerze aufleuchtete, bliesen die Grün-Weißen diese mit Fehlpässen und Fehlwürfen prompt wieder aus. »Im Angriff haben wir das Spiel verloren«,bilanzierte dann auch Horvat, der nun den Zaubertrank für frisches Selbstvertrauen mixen muss.

Für das Selbstvertrauen, das die Wetzlarer zumindest am Donnerstag bei der keineswegs leichten Pokalaufgabe in Großwallstadt aufpolieren können. Für das Selbstvertrauen, das es in der Rückrunde der verunsicherten Mannschaft wieder ermöglicht, Trainer wie Sebastian Hintze bald wieder mit dem mulmigen Gefühl einer schweren Vergangenheit nach Wetzlar fahren zu lassen.

Auch interessant