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Wer von Zahlen träumt

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Sichtlich stolz nach dem Auswärtscoup: HSG-Trainer Benjamin Matschke reckt den Daumen hoch. © Eibner

Gießen. 5, 1, 6, 0: Von diesen Zahlen dürfte Lubomir Vranjes geträumt haben. Von diesen Zahlen kann der Trainer der Rhein-Neckar Löwen aber nur schlecht geträumt haben. Denn die wechselnden 5:1- und 6:0-Abwehrsysteme der HSG Wetzlar trieben Vranjes am Sonntagnachmittag schier in den Wahnsinn.

In seinen Auszeiten wirkte der international erfahrene Coach, der als Retter der Mannheimer kurzfristig verpflichtet wurde, so überfordert wie ein Tankwart, der seinen Kunden die stündlich wechselnden Spritpreise erklären soll. Was Vrjanes in der Schlussphase der Bundesliga-Partie seinen Stars auch erzählte, verpuffte nur Sekunden später komplett wirkungslos, weil Gästecoach Ben Matschke stets die bessere taktische Antwort parat hatte. Und so stellen die 5:1-6:0-Kombinationen mit dem daraus resultierenden hochverdienten 30:27-Erfolg zwar nicht unbedingt die »Sechs Richtigen« in der Bundesliga-Lotterie für die Mittelhessen dar, aber als »Fünf Richtige mit Zusatzzahl« darf man den Jackpot-Gewinn in der Mannheimer Halle durchaus bewerten im Kampf um einen Europapokal-Platz.

Kampf um Europapokal? Ja, tatsächlich! Denn vom Verteidigen des fünften Platzes dürfen die Grün-Weißen nach diesem Auswärtscoup zumindest träumen.

Vor allem wenn die HSG-Fans nach dem Spiel den Worten des als einen der wenigen krallenzeigenden Löwen lauschten. »Wetzlar«, sagte da Spielmacher Andy Schmid, »war die bessere Mannschaft. Ja nicht nur heute, sondern die gesamte Saison.« Das wiederum ist natürlich auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Lob, wenn der Tabellenfünfte beim Rangzwölften gewinnt.

Das zollte den Leistungen der Gäste jedoch dann höchsten Respekt, wenn man berücksichtigt, dass sich die Löwen, die in der Vorrunde so bisslos wie Kaulquappen agierten, dank des neuen Startrainers noch Großes vorgenommen haben. Doch wer Großes plant, muss die Kleinigkeiten bedenken. Kleinigkeiten wie eine Urlaubsreise zum Beispiel.

Dass Vranjes nämlich vor diesem Heimspiel seine sichtbare Bräune in fernen Gefilden gepflegt hat und dieser Sonnentripp mit dem Management abgestimmt war, sorgte doch allerorten für gepflegtes Stirnrunzeln bis hin zu hämischem Grinsen. »Dazu«, beschied dann auch eher einsilbig Andy Schmid, »müssen Sie andere fragen.« Andere aber ließen sich dazu nicht fragen. Zwar schob der am Ende der Saison scheidende Schweizer noch pflichtschuldig hinterher, dass die »viel zu vielen technischen Fehler auf dem Parkett ja nicht der Trainer gemacht hat«. Aber verhindern konnte Vrjanes das Festival der schlechten Abspiele eben auch nicht. Oder um es anders zu sagen: Vom Liegestuhl am Traumstrand aus gestaltet sich eine Bundesliga-Vorbereitung eher kompliziert. Doch genug der Häme mit den Löwen. Genug der Expeditionen ins gar seltsame Mannheimer Tierreich. Im Mittelpunkt standen schließlich die am Ende wild tanzenden Wetzlarer. Allen voran ihr Trainer. Als Ben Matschke in der immer noch engen Schlussphase seine letzte Auszeit nahm, gelang ihm zugleich auch sein letztes Meisterstück an diesem Sonntag. Exakt beschrieb er seinen Spielern, dass die Löwen nun HSG-Spielmacher Magnus Fredriksen in Manndeckung nehmen würden und wie sie gegen dieses taktische Mittel zu arbeiten hätten. Prompt kam die Manndeckung. Prompt folgte die erfolgreiche Reaktion der Gäste. So geht gutes Coaching.

Wie gutes Torwartspiel wiederum geht, demonstrierte 60 Minuten lang Till Klimpke. Der Dutenhofener gewann das Duell mit seinem ebenfalls noch jungen Nationalmannschaftskollegen Joel Birlehm so überlegen wie der FC Bayern wohl einen Freundschaftskick beim ASV Gießen. Auch das stellte die Weichen auf Auswärtssieg. Aber auch die gesamte Defensive war diesmal ein erfolgreicher Weichensteller.

Der vorgezogene Emil Mellegard nervte im 5:1-System die Löwen derart, dass diese vor Verwirrung nicht mal zum Fauchen kamen. Felix Danner mauerte dahinter nicht nur das Zentrum zu, sondern setzte sogar auch im Angriff am Kreis feine Akzente. Und auch seine Nebenleute erledigten ihr Jobs so gut, dass alleine der Ex-Wetzlarer Jannik Kohlbacher mal eine Lücke am Kreis fand und auch dadurch Lubomir Vranjes einen ebenso schlechten wie zahlenträchtigen Traum beschert haben dürften.

Damit der Traum der HSG von einer Europareise jedoch weitergeht, sollte es nun am Donnerstag, im nächsten Auswärtsspiel beim TBV Stuttgart kein böses Erwachen geben.

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