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»Wieder in die Pedale treten«

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Frankfurt . Draußen im weiten Rund war die Stimmung prächtig. Als habe die Frankfurter Eintracht das erste Champions-League-Spiel ihrer Geschichte klar gewonnen: Die Fans feierten, die Mannschaft wurde bejubelt. Und hat darüber gestaunt.

Drinnen immerhin war der Frust groß. Denn die Eintracht hatte gegen Sporting Lissabon klar und deutlich mit 0:3 (0:0) verloren. Und steht damit schon nach dem ersten Spieltag der »Königsklasse« massiv unter Druck. Deutlicher: Bei realistischer Betrachtung sind die Chancen auf das Achtelfinale rapide gesunken. Der Trainer versuchte noch am Abend, Zuversicht zu verbreiten. »Ich habe gelesen, dass seit 25 Jahren kein Neuling die Gruppenphase überstanden hat. Wir wollen die Ersten sein«, machte er deutlich, dass sich am Ziel, die nächste Runde auch nach dem Ergebnis-Debakel zum Auftakt zu erreichen, nichts geändert habe. Glasner: »Wir sind mit dem Fahrrad gestürzt. Morgen steigen wir wieder auf und treten in die Pedale.«

Mut hat den Frankfurtern die erste Stunde gemacht, als sie die bessere Mannschaft waren. Doch die wenigen Chancen wurden nicht konsequent genug genutzt. Und je länger das »zu Null« stand, desto besser und sicherer wurden die spielerisch und taktisch hervorragend eingestellten Portugiesen. »Wir haben eine großartige erste Halbzeit gespielt und hätten bei vier Chancen in Führung gehen müssen«, analysierte Glasner, »nach dem 0:1 haben wir taktische Disziplin vermissen lassen und wurden eiskalt ausgekontert.« Das hört sich eigentlich gar nicht so schlecht an, doch letzten Endes lügen sich die Frankfurter damit auch ein wenig in die Tasche. Denn weder haben sie »großartig« gespielt, denn dazu gehören auch Tore, noch war es das erste Mal, dass die abwehrende Abteilung nicht auf der Höhe war. Beim 1:6 gegen die Bayern sind die Frankfurter nach einem Rückstand ganz ähnlich ins Verderben gestürmt. Und beim 4:3 in Bremen hatte es trotz klarer Führung wenig Sicherheit im Defensivverbund gegeben.

Und nun? 0:3 gegen den Achten aus Portugal. »Kopflos« habe man gespielt, urteilte Mittelfeldspieler Djbril Sow, »wir haben inkonsequent verteidigt.« Das kam der Wahrheit am nächsten. Ein 0:1 kann auf höchstem Niveau immer passieren, zumal der von Junior Ebimbe abgefälschte Schuss eher ein Zufallstreffer für Sporting war. Aber das danach die taktischen Vorgaben über den Haufen geworfen wurden und die taktische Disziplin verloren ging, hat grundsätzliche Probleme zutage gefördert.

Dieser Frankfurter Mannschaft fehlt es an individueller Führungsstärke. Und es fehlt ihr auf beiden Außenverteidigerpositionen schlicht an Qualität. Als es durch den Rückstand hektisch wurde, war niemand da, der beruhigend auf die Kollegen einwirken konnte. Martin Hinteregger ist nicht mehr da, Makoto Hasebe sitzt wegen der Systemumstellung auf der Bank, Sebastian Rode ist verletzt und Kevin Trapp steht ab vom Schuss im Tor - da blieb niemand, der die Bremse hätte ziehen können.

Und so rannten die Frankfurter wieder ins Verderben. »Das Ergebnis ist ärgerlich und unglücklich«, sagte Sportchef Markus Krösche, »ich bin sehr enttäuscht, weil heute mehr drin war.« Die unüberlegt stürmische Reaktion auf den Rückstand sei ein »Charakterzug« der Mannschaft, fügte er hinzu. Vielleicht in diesem Fall eine Charakterschwäche. Die in der Champions-League »eiskalt bestraft« würde. Dennoch könne die Eintracht »viele gute Sachen« mitnehmen, glaubt Krösche.

Der Trainer sah das genauso. »Es hört sich blöd an nach einem 0:3«, sagte Glasner, »aber mit Vielem war ich sehr einverstanden.« Aussagen, die intern für die nahe und ferne Zukunft Mut machen sollen. Denn die ist schwer genug für die Eintracht. Dem Heimspiel gegen in Frankfurt immer unbequeme Wolfsburger am Samstag folgt schon am Dienstag das CL-Auswärtsspiel in Marseille. Eine weitere Niederlage würde schon früh den Stecker ziehen. »Natürlich wollen wir dort punkten, aber das wird nicht ganz so einfach«, sagt der Frankfurter Trainer. Die Franzosen stehen nach der 0:2-Niederlage bei Tottenham auch unter Druck.

Und die personellen Voraussetzungen werden nicht besser, obwohl die hohen Belastungen gerade erst begonnen haben. Nach Almamy Touré (Sehnenverletzung) und Sebastian Rode (Muskelverletzung) hat sich auch Christopher Lenz eine muskuläre Verletzung zugezogen. »Ich gehe davon aus, dass er die eine oder andere Woche fehlen wird«, sagt Glasner. Damit wird das größte Frankfurter Problem noch verstärkt. Denn auf beiden Außenverteidigerpositionen ist die Eintracht ungenügend besetzt. Links spielen sowohl Lenz als auch Luca Pellegrini nicht auf gehobenem Niveau, der Abfall gegenüber der letzten Saison mit Filip Kostic ist trotz Systemwechsel noch viel krasser als befürchtet. Rechts müht sich Kristijan Jakic nach Kräften, dabei wird er auch im defensiven Mittelfeld gebraucht. Dort musste Junior Ebimbe schon viel zu früh zu viel Verantwortung übernehmen. Der junge Franzose (21) hat es gut gemacht, auch wenn er manchmal zu ungestüm wirkt. Zur Dauerlösung taugt er nach wenig Spielpraxis aber auch (noch) nicht. Darum wird Jakic dringend als Partner von Sow gebraucht, zumindest solange Rode nicht zur Verfügung steht.

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Das Dilemma für den Trainer: Die defensiven Außenbahnen und das defensive Mittelfeld sind im Gegensatz zur Offensive zu dünn besetzt. »Themen im Kader« nennt Glasner das.

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