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Willkommen im sumpfigen Keller

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Wetzlarer Pechvögel unter sich: Der später verletzte Magnus Frederiksen bedient den später vom Platz verwiesenen Erik Schmidt. Und noch später unterliegt die HSG beim Bergischen HC auch noch mit viel Pech. Foto: Imago © Imago

Wuppertal-Gießen. Die Crunchtime! Die vermaldeite Crunchtime ist das Thema bei der HSG Wetzlar. War, ist und bleibt das Thema beim heimischen Handball-Bundesligisten. Ein paar Sekunden sind im Kellerduell beim Bergischen HC noch zu absolvieren, als Jonas Schelker den Ball bekommt. 23:24 liegen die Grün-Weißen zurück.

Bergischer HC - HSG Wetzlar 24:23

Ein wichtiger Punkt aber ist in Sichtweite. Jetzt heißt es: Nerven bewahren. Und der junge Spielmacher sieht, dass seine wurfgewaltigen Nebenmänner gut gedeckt sind. Schelker geht einen Schritt vor, erkennt die Lücke in der Abwehr, steigt hoch, wartet, bis der Torwart im anderen Eck liegt und feuert einen harten und platzierten Wurf ab. Alles richtig gemacht! Alles richtig wie im Training gemacht! Alles richtig? Nicht ganz. Schelkers Wurf knallt an den Pfosten. Das Spiel ist aus. Das Spiel gewinnt der BHC hauchdünn und überaus glücklich. Und ebenso glücklich tanzen die Bergischen dann auch übers Parkett. Die Crunchtime bleibt weiter das Wetzlarer Thema. Alles richtig und schließlich doch alles falsch gemacht. Was für ein Pech.

Pech, Pannen und Pleiten kleben den Mittelhessen in diesen Wochen aber auch so zäh wie ein aufgeweichter Kaugummi an den Sportschuhen. Und dieses erst kein Glück haben und dann das Pech anziehen, ist die hässliche Formel, die direkt in den Abstiegskampf führt. In diesem sind die Domstädter nun auch angekommen. In diesem sumpfigen Keller, den jeder Sportler so gerne mag wie ein nüchterner Pendler eine Fahrt in der mit besoffenen Fans restlos überfüllten Regionalbahn nach einem Eintracht-Heimspiel von Frankfurt nach Gießen.

Dort kann man kein Glück haben. Dort zieht man das Pech so magisch an, wie HSG-Spielmacher Magnus Fredriksen, der sich nach 52 Minuten im Kellerduell den Fuß vertritt und mit schmerzverzerrtem Gesicht die Platte verlassen muss. Dort in diesen ungeliebten Orten ist man auch so glücklos wie Wetzlars Trainer Ben Matschke, der die verständliche Absage von Kapitän Adam Nyfjäll, der am Wochenende Vater einer Tochter werden sollte, hinnehmen muss. Und zudem den so wichtigen Emil Melleberg ersetzen muss. Dort in diesem Abstiegssumpf geht einfach alles schief. »Uns«, seufzt auch Lenny Rubin, »fehlt auch einfach mal das Quäntchen Glück.« In der ersten Halbzeit allerdings auch ein offensiver Plan. Mit 9:12 liegen die Gäste zur Pause zurück. Neun Tore nur!

Da bleibt Rubin ebenso ein Totalausfall wie auf der anderen Rückraumseite Vladan Lipovina. Da geht auf Außen zu wenig und am Kreis noch viel weniger. Da werden Siebenmeter zur Zitternummer. Da hält einzig der famose Till Klimpke mit einer Spitzenleistung und tollen Paraden die Wetzlarer im Spiel. Ein Spiel, das die Grün-Weißen nach der Pause offensiv einen Tick besser gestalten. Der Tick hat dabei einen Namen. Denn Rubin zieht sich nun selbst aus seinem spielerischen Sumpf und reiht Treffer an Treffer zur feinen Aufholjagd bis zum 15:15 (38:00).

»Wir«, gesteht wiederum auf der Gegenseite BHC-Routinier Linus Arnessen ein, »haben nicht gut gespielt. Das war insgesamt kein gutes Handballspiel.« Nicht gut, aber spannend. Die Gastgeber ziehen dank des agilen Tomas Babak, aber vor allem dank zahlloser technischer Fehler der Mittelhessen, wieder auf 20:16 davon. Dann nimmt Ben Matschke eine kluge Auszeit, stellt auf die 5:1-Abwehr mit Vordermann Lukas Becher um und ruft seinen Männern zu: »All in! Wir gehen All in, Männer. Glaubt daran!«

Und die Rubin und Co. fangen tatsächlich wieder an, vom Erfolg zu träumen, als Jonas Schelker nach 54 Minuten zum 21:21 ausgleicht. Und sie träumen weiter vom Punktgewinn,als Rubin nach 58:40 Minuten zum 23:23 den Ball ins Tor jagt. Doch Babak beschert dem BHC das 24:23 und damit nach Schelkers unglücklichem letzten Wurf auch den überaus glücklichen Sieg. »Das«, sagt später eher leise der unermüdliche BHC-Ballverteiler Arnessson ein ums andere Mal, »war nicht gut, aber die Punkte sind so wichtig.«

Punkte, die die Wetzlarer dringend gebraucht hätten, um die Serie aus Pleiten, Pech und Pannen irgendwie zu durchbrechen.

Bergischer HC: Rudeck, Johannesson (n.e.) - Beyer (4), Persson (2), Nothdurft, Weck (4), Gunnarsson, Ladefoged (1), Babak (4), Gutbrod, Arnesson (5/3), Bergner, Nikolaisen (3), M’Bengue (1).

Wetzlar: Klimpke, Suljakovic (bei einem Siebenmeter) - Lipovina (2), Schmidt (2), Nikolic (1), Becher (3), Weissgerber (3), Schelker (2), Fredriksen (2), Wagner (2), Okpara, Cepic, Rubin (5), Novak (1/1).

Schiedsrichter: Krag/Hurst (Frankfurt/Berlin) - Zuschauer: 1687 - Zeitstrafen: Bergischer HC vier (Ladefoged zwei, Nikolaisen, Beyer), Wetzlar sechs (Becher, Wagner, Nikolic, Schmidt drei/rote karte 56.) - Verworfene Siebenmeter: Weissgerber (Wetzlar) trifft den Pfosten (1.), Rubin (Wetzlar) scheitert an Rudeck (32.), Novak (Wetzlar) trifft die Latte (47.), Lipovina (Wetzlar) scheitert an Rudeck (54.).

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