1. Startseite
  2. Sport
  3. Lokalsport

Zu klein fürs Nationalteam

Erstellt: Aktualisiert:

gispor_2402_rupp_230222_4c_3
Bernd Rupp im Café in Wiesbaden. © afi

Wiesbaden . Nein, mit Fußball hat er nicht mehr viel am Hut. Natürlich: Den Anstoß am 8. Juli, wenn die Weisweiler-Elf in Burgsolms zu Gast ist, den will er an der Seite seines ehemaligen Mitstreiters Herbert Laumen gerne ausführen. Aber sonst? Ab und zu sonntags mal ein Besuch bei ihm um die Ecke, bei den Kreisoberliga-Kickern des 1. FC Naurod. Und selbstverständlich abends, »sollte es überhaupt in den Programmen, die nichts extra kosten, mal was geben«, ein Europapokal- oder Länderspiel zu Hause im Wohnzimmer an der Seite seiner Frau Sigrid.

Und Drittligist SV Wehen Wiesbaden? »Da war ich noch nie!« Der letzte Besuch in einem jener Stadien, in denen er zehn Jahre einen Ruf wie Donnerhall genoss? »Ich glaube, 2015 war ich mal am Bökelberg. Niederlage gegen den FC Augsburg, ein schlechtes Spiel.«

Seit fast drei Jahrzehnten lebt Bernd Rupp in Wiesbaden. Die hessische Landeshauptstadt ist zu seinem Zuhause geworden. Weil er dort fußballerisch auf sich aufmerksam gemacht hat, weil er dort zehn Jahre später seine Karriere ausklingen ließ, weil er dort einen beruflichen Einstieg ermöglicht bekam. Seine Wurzeln indes verschweigt er nie: »Wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme, dann sage ich immer, ich bin ein Burgsolmser.«

Heute wird der ehemalige Klassestürmer, der für Borussia Mönchengladbach, Werder Bremen und den 1. FC Köln in 274 Einsätzen 119 Treffer erzielte, 80 Jahre alt. »Hoffentlich ist der Tag bald vorbei«, seufzt Bernd Rupp. Rummel um seine Person mag er keinen. Am liebsten ist er in seinem Haus. Mit Ehefrau Sigrid, mit Tochter Alexandra (53), die normalerweise in Saarbrücken lebt, die sich aber zur Zeit im Homeoffice befindet »und deshalb mein Arbeitszimmer in Beschlag genommen hat.« Bald will er sich wieder in einem Fitnessstudio anmelden. »Denn ich muss mich bewegen, hat mein Arzt gesagt.« Ein paar gesundheitliche Probleme haben ihn gezwungen, kürzer zu treten. Das geliebte Tennisspielen musste er aufgeben, aufs Fahrrad kommt er kaum noch, »an die Gewichte aber will ich wieder ran.«

Die Karriere von Bernd Rupp beginnt 1964. Als sein FC Burgsolms aus der 1. Amateurliga absteigen muss und er zum SV Wiesbaden wechselt, erregt er im Halbfinale um die Deutsche Amateurmeisterschaft erstmals bundesweite Aufmerksamkeit. In Rüsselsheim schießt er zum 6:2-Sieg gegen den BFC Viktoria Berlin 1899 vier Treffer. Gladbachs neuer Trainer Hennes Weisweiler ist Augenzeuge und weist seinen mitgereisten Geschäftsführer Georg Hoffmann an: »Schorsch, den will ich haben!«

Wenige Wochen später ziert Bernd Rupp das Mannschaftsfoto der »Fohlen« zum Start in die Saison 1964/65 der West-Staffel der Regionalliga. Aufgereiht im blütenweißen Hemd mit schwarzem Kragen am V-Ausschnitt posiert der Blondschopf an der Seite von Günter Netzer, Jupp Heynckes und Herbert Laumen. »Von dieser Mannschaft wird ganz Fußball-Deutschland noch sprechen«, schreibt die »Rheinische Post«.

Die Zeitung sollte recht behalten. Bernd Rupp macht 23 Treffer, vier weitere legt er in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga nach. Er spürt das Vertrauen seines Förderers Hennes Weisweiler, der immer sagt: »Bernd, dribble. Wenn du dreimal hängen bleibst, kommst du halt beim vierten mal durch und machst das Tor.« Rupp rückblickend: »Weisweiler habe ich alles zu verdanken, er hat mir meine Karriere erst ermöglichst.«

Auch im Oberhaus bleibt der Blondschopf treffsicher. Er macht 62 Pflichtspieltore in 109 Spielen in Mönchengladbach, auch bei Werder Bremen und beim 1. FC Köln ist er gefährlich. Und als Weisweiler das DFB-Pokalhalbfinale zwischen der Geißbock-Elf und München besucht, in dem die Kölner die Bayern auch dank zweier Rupp-Treffer mit 5:1 nach Hause schicken, ist sich der Coach sicher: »Den Rupp, den will ich wieder haben.«

Bei seiner Rückkehr im Sommer 1972 gehört Bernd Rupp einem elitären Kreis an. Er ist einer von nur sechs Spielern, die zu diesem Zeitpunkt in der zur Saison 1963/64 gegründeten Bundesliga 100 oder mehr Tore geschossen haben. Wie Gerd Müller, Uwe Seeler, Lothar Emmerich, Herbert Laumen und Hannes Löhr. In jeder seiner sieben Erstliga-Spielzeiten trifft der Burgsolmser bis dato zweistellig.

Mit der Borussia feiert Bernd Rupp auch seinen größten Erfolg, seinen einzigen Titel: Am 23. Juni 1973 gewinnt Gladbach das DFB-Pokalfinale gegen den 1. FC Köln, mit dem Rupp zuvor zweimal das Endspiel verloren hat. 1970 gegen Kickers Offenbach (1:2) und 1971 gegen Bayern München (1:2 nach Verlängerung). »Doch diesmal stand ich endlich auf der richtigen Seite«, lacht Bernd Rupp knapp 49 Jahre später.

Ein Angebot der »Fohlen« lehnt der inzwischen 32-Jährige ab. Er kehrt zum SV Wiesbaden zurück, wo er parallel zum Fußball einen Job als Generalvertreter einer Versicherung angeboten bekommt. Noch heute geht er zwei- oder dreimal pro Woche vormittags für zwei Stunden ins Büro, um einige alte Stammkunden zu betreuen. Eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann hat der gelernte Fernmeldetechniker nie gemacht, »ich habe mich da so reingearbeitet.«

Was auch für sein einziges Länderspiel gilt. Es ist der 12. Oktober 1966, es ist der erste Auftritt des Teams von Bundestrainer Helmut Schön nach der WM in England, es ist das Abschiedsspiel für den türkischen Torwart Turgay Seren, als Bernd Rupp vor 24000 Zuschauern in Ankara den 2:0-Endstand besorgt, danach aber nie mehr berufen wird. »Wir hatten in diesen Jahren wahrscheinlich zu viele gute Stürmer in Deutschland«, ist der ab heute 80-Jährige keineswegs nachtragend, nicht noch mehr Partien im Trikot mit dem Adler auf der Brust absolviert zu haben.

Wenngleich Helmut Schön einst gesagt haben soll: »Mit Gerd Müller habe ich schon einen Kleinen vorne drin.« Da könne er nicht einen zweiten, der nur 1,68 Meter misst, gebrauchen. »Wenn Schöns Assistent Dettmar Cramer Bundestrainer gewesen wäre, hätte ich auf Dauer vielleicht bessere Chancen gehabt«, vermutet Bernd Rupp. Wohl wissend: Der in der Szene nur »Napoleon« genannten Fußballlehrer maß nur 1,61 Meter ...

Auch interessant