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Zur Einstimmung auf eine ganz besondere WM

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Gießen. So richtig glauben mag man es ja immer noch nicht, aber in wenigen Tagen, genauer gesagt am 20. November, beginnt in Katar die 22. Fußball-Weltmeisterschaft. Über den Sinn und Unsinn dieser Veranstaltung in der Wüste, in einem Land, das bei bisherigen Weltturnieren bisher noch nie eine Rolle gespielt hat, und inmitten des laufenden Spielbetriebs der wichtigsten internationalen Ligen, ist schon viel geredet und auch geschrieben worden.

Wird es nun die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten, »the biggest show on earth«, wie Fifa-Präsident Gianni Infantino gerne und voller Überzeugung sagt, oder doch das schlimmste Turnier überhaupt, auf das wir uns einzustellen haben, wie es etwa der dänische Journalist Jan Jensen formuliert? Gemeinsam ist solch gegensätzlichen Aussagen zumindest, dass sie getroffen werden, noch bevor in Katar überhaupt ein einziger Ball gespielt wurde. Man bewegt sich also offensichtlich noch weitgehend auf dem Feld der Vernutungen.

Um auch als einfacher Fußballanhänger ein wenig besser beurteilen zu können, was sich in Katar in den kommenden Wochen bis zum Endspiel am 18. Dezember zutragen wird, und in welchem Umfeld sich diese Ereignisse eigentlich abspielen, lohnt es sich, einen Blick in das Buch »Katar - Der Wüstenstaat und die Fußballweltmeisterschaft 2022« zu werfen.

Autor Olaf Jansen, der als freier Journalist u. a. für den WDR, das Onlineangebot der ARD-Sportschau und die Deutsche Welle arbeitet, kennt Katar aus eigener Anschauung. Während des Arab-Cups 2021 war er vor Ort und berichtete darüber in einem Blog, der sich auch in diesem Buch wiederfindet. Eingebettet in viele Informationen zur Geschichte und zur Kultur des Landes, zu den politischen Entscheidungsträgern, ihren Zielen und zum Verhältnis des kleinen Wüstenstaates zu seinen arabischen Nachbarn, beleuchtet Jansen nicht nur den Fußball in Katar, einschließlich des darbenden Frauenfußballs, sondern auch die wesentlichen Streitpunkte der internationalen Diskussion der letzten Jahre, wie etwa den Arbeitsschutz, die Menschenrechte oder die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Dies geschieht vornehmlich in Form von Interviews, zum Beispiel mit einer Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International oder einer aus Berlin stammenden Professorin, die zwischen 2012 und 2017 in Katar die Nationalbibliothek aufgebaut hat.

Breiten Raum nimmt natürlich auch die Frage des Für und Wider eines WM-Boykotts ein, die von den Befürwortern - nachdem sich kein nationaler Fußballverband und kein bedeutender Spieler zu dieser Entscheidung durchgerungen hat - heute vornehmlich an den Zuschauer adressiert wird, der den Fernseher auslassen und während der WM am besten auch keine Zeitung in die Hand nehmen soll. Nun ja.

Die Vorstellung der WM-Stadien (»Spektakulär, gigantisch und rückbaubar«) und eine ganze Reihe praktischer Reisetipps für diejenigen, die die Spiele der WM allen Unkenrufen zum Trotz trotzdem vor Ort verfolgen wollen, runden das Buch ab, über das der Autor eingangs zutreffend schreibt: »Dieses Buch soll keine der angesprochenen Richtungen das Wort reden, sondern vielmehr Wissen und Hintergründe vermitteln. Denn es ist klar: Nur wer viel über eine Sache weiß, kann sich auch erlauben, in Diskussionen darüber einzusteigen.«

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Olaf Jansen: Katar - Der Wüstenstaat und die Fußball-Weltmeisterschaft 2022, Arete-Verlag, 192 Seiten, 16,95 Euro.

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