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Am Ende an Empor verzweifelt: Auch Ian Webers Würfe können die TVH-Niederlage nicht verhindern.

Zwölf Minuten Blackout

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Hüttenberg. 58 Spielminuten waren am Samstagabend im Hüttenberger Sportzentrum absolviert, als Gästecoach Till Wiechers von einem Ohr zum anderen grinsend an der Auswechselbank des HC Empor Rostock vorbeimarschierte und jeden, der dort Platz genommen hatte, im Gefühl des sicheren Sieges entweder heftig abklatschte oder kräftig umarmte.

TV Hüttenberg - Empor Rostock 27:34

Als dann knapp 120 Sekunden später die Schlusssirene ertönte, leuchtete eine 27:34 (14:11)-Niederlage für den gastgebenden TV Hüttenberg von der Anzeigetafel. Diejenigen unter den 450 Zuschauern, die noch zur Halbzeitpause einen am Ende vor Freude strahlenden Gästetrainer und eine deutliche Hüttenberger Heimniederlage prophezeit hätten, wären vermutlich von ihren Gesprächspartnern für verrückt erklärt worden.

Denn nichts hatte während der ersten 30 Minuten darauf hingedeutet, dass der Heimnimbus des TVH von zuvor sieben Siegen in Serie ausgerechnet an jenem Abend und gegen den Aufsteiger von der Ostsee zerstört werden sollte. Das »Original aus Mittelhessen« hatte im ersten Abschnitt alles im Griff gehabt, phasenweise mit fünf Toren geführt und souveräner und kaltschnäuziger als die Rostocker gewirkt, für die der 11:14-Pausenstand folglich noch etwas glimpflich daherkam.

Eine knappe Stunde später versuchten dann allerdings ein geknickter, jedoch aufgeräumt wirkender TVH-Trainer Johannes Wohlrab und ein nach wie vor strahlender Wiechers während der Pressekonferenz irgendwie zu erklären, was sich in den zweiten 30 Minuten abgespielt hatte - womit beide ihre Schwierigkeiten hatten. »Was da bei uns passiert ist, ist schlicht unglaublich. Ich bin einfach wahnsinnig stolz auf meine Mannschaft und weiß immer noch nicht, wie wir das geschafft haben«, lautete der Analyseversuch des Rostockers, dessen Team den zweiten Durchgang mit 23:13 für sich entschieden hatte. Wohlrabs Erklärungsansatz war indes fundierter als der seines Kollegen: »In der zweiten Halbzeit hat einfach nichts mehr geklappt. In der Abwehr hatten wir null Zugriff, haben keine Bälle mehr bekommen. Wir haben dann vorne 14 Fehlwürfe, das zeigt, dass dann auch die Kraft gefehlt hat. Vielleicht ist einer der Gründe auch tatsächlich die Müdigkeit, mit der meine junge Mannschaft zu diesem Zeitpunkt der Saison umgehen muss.«

Neben den ohnehin verletzten Simon Böhne, Joel Ribeiro und Tobias Hahn musste Wohlrab kurzfristig auch noch auf Philipp Schwarz (Quarantäne) und Moritz Zörb (Kapselverletzung im Zeh) verzichten, was sich sein Team jedoch zunächst überhaupt nicht anmerken ließ.

So überraschten die Hüttenberger zu Beginn gegen die konsequent den siebten Feldspieler einsetzenden Rostocker mit einer defensiven 6:0-Deckung. Das Angriffsspiel der Gäste, zumeist mit gleich drei Spielern am Kreis agierend, geriet so zu einer zähen und statischen Angelegenheit um die Freiwurflinie herum, was der flinke TVH auszunutzen wusste.

Hendrik Schreiber netzte nach einer Viertelstunde zum 9:5 ein und »zog« zusätzlich noch zwei Minuten gegen den Ex-Hüttenberger Marc Pechstein, ehe Tristan Kirschner acht Minuten vor dem Seitenwechsel per Gegenstoß das 13:8 markierte. »Wir spielen eine insgesamt gute erste Halbzeit, haben aber schon in dieser Phase den ein oder anderen freien Wurf zu viel liegen lassen«, wusste Wohlrab hinterher.

Bis zur 38. Minute, als Vit Reichl das 18:14 erzielte, deutete nichts auf eine Änderung der Kräfteverhältnisse hin. Dann allerdings kippte die Partie derart schnell, dass die Hüttenberger nur zwölf Minuten nach Reichls Treffer aufgrund eines 2:11-Laufs plötzlich mit 20:25 zurücklagen. Den Hausherren gelang nun nichts mehr, den Rostockern hingegen alles, wie der feine Heber des rustikalen Jonas Thümmler zum 25:20 unterstrich. Die Blau-Weiß-Roten versuchten noch einmal mit aller Gewalt, sich der drohenden ersten Heimniederlage seit dem 26. Juni (damals noch in der Rittal-Arena Wetzlar, 26:27 gegen Dessau-Roßlau) entgegenzustellen, doch mehr als ein zweimaliger Zwei-Tore-Anschluss durch Ian Weber zum 23:25 (52.) und 24:26 (53.) gelang dem TVH nicht mehr.

Und so kam es, dass am Ende die acht mitgereisten Rostocker Fans mit ihrer Mannschaft eine Laola-Welle steigen ließen, während die Hüttenberger Spieler, enttäuscht ob der zweiten Niederlage binnen einer Woche, in die Röhre schauten.

»Das Gute an einer englischen Woche ist, dass wir schon am Mittwochabend gegen Essen die Möglichkeit haben werden, wieder etwas gutzumachen. Die Köpfe hängen natürlich tief, aber jetzt gilt es eben, den Karren gemeinsam aus dem Dreck zu ziehen«, beschloss Wohlrab sein Pressekonferenz-Fazit auf der Bühne der Hüttenberger Bürgerstuben mit entschlossener Miene. Zwei Plätze weiter rechts strahlte Till Wiechers immer noch - ohne jedoch weiterhin so recht zu wissen, wie seine Mannschaft diese beiden Punkte eigentlich hatte einfahren können.

Hüttenberg: Plaue (bis 49., ab 57.), Rüspeler (49.-57.) - Kneer (1), Kirschner (5), Opitz, Theiß (3), Fujita, Weber (5/2), Rompf (1), Reichl (1), Mappes (5), Klein (2), Jockel, Schreiber (4).

Rostock: Wetzel (bis 16.), Uhl (ab 16.) - Wilhelm, Steidtmann, Ottsen (4), Schütze (3), Mehler, Witte (2), Asmussen (5), Schmidt (2), Zboril, Breitenfeldt (7/2), Kohnagel (2), Thümmler (6), Pechstein, Lößner (4).

Schiedsrichter: Eelco Schmitz/Robin Schmitz (Mönchengladbach) - Zuschauer: 450 - Zeitstrafen: Hüttenberg fünf (Schreiber, Klein, Mappes, Rompf, Kneer), Rostock vier (Pechstein drei/46., Disqualifikation, Thümmler) - Rote Karten: Mehler (24., Rostock) wegen Tätlichkeit, Schmidt (53., Rostock) wegen groben Foulspiels.

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