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"Die Priorität hat sich verändert"

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Von: Tim Georg

GIESSEN. Mitte März stellte der Lockdown das gesamte gesellschaftliche Leben auf den Kopf und veränderte auch die Sportwelt radikal. Binnen weniger Tage wurden alle Hallen und Plätze gesperrt, der Spielbetrieb in ausnahmslos jeder Sportart erst ausgesetzt, später mit wenigen Ausnahmen ganz abgebrochen. Die Vereine mussten neue Wege finden, um mit ihren Fans und Sponsoren in Kontakt zu bleiben.

Das Wort Solidarität war in aller Munde, "Social Distancing" das Gebot der Stunde.

Wie aber sieht es rund drei Monate später aus? Mittlerweile hat das öffentliche Leben wieder an Fahrt aufgenommen, zahlreiche Beschränkungen wurden gelockert oder ganz aufgehoben. Welches Fazit ziehen die heimischen Topclubs aus dem bisherigen Pandemieverlauf ganz ohne Sport, welche Hilfsaktionen kamen gut an, und wie sieht der aktuelle Alltag aus? Die Verantwortlichen ziehen Bilanz.

RSV Lahn-Dill, Andreas Joneck (Geschäftsführer): "Die Priorität hat sich verändert. Zu Beginn der Krise ging es darum, diese neue Situation überhaupt zu meistern, nun darum, die sportliche Zukunft zu gestalten. Am Anfang der Pandemie sind unsere Spieler und Vereinsverantwortlichen für Fans einkaufen gegangen. Mit der Zeit sind aber immer mehr Unternehmen auf diese Idee gekommen, weshalb die Anfragen an uns immer weniger wurden. Unsere Aktion #bettertogether, bei der wir in den ersten Wochen der Krise auf die Situation unserer Partner, beispielsweise der Restaurants aufmerksam gemacht haben, ist bombastisch angekommen. Und auch auf unseren virtuellen Saisonabschluss haben wir viel positive Resonanz bekommen. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass wir von unseren 160 Partnern bis heute enorme Solidarität erfahren haben, wenngleich einige Sponsoren auch an ihre wirtschaftlichen Grenzen gekommen sind und uns nicht mehr unterstützen können. Es geht für uns immer noch darum, kreativ zu sein, wegzukommen von eingefahrenen Mustern und weiter Präsenz zu zeigen, obwohl öffentliche Auftritte nicht möglich sind. Man darf nicht vergessen, dass diese Lage nach wie vor existenzbedrohend für uns ist. Über die gegründete Interessensgemeinschaft "Teamsport Hessen" sind wir gerade in Verhandlungen mit der Landesregierung über Kredite und Bürgschaften, um den Einnahmeverlust ausgleichen zu können. Gleichzeitig führen wir Gespräche mit dem Wetzlarer Oberbürgermeister, dem Landratsamt, dem Gesundheitsamt und dem Krisenstab, um ein Konzept für die Wiederaufnahme des Trainings- und Spielbetriebs in der Sporthalle der August-Bebel-Schule zu erarbeiten. Stand jetzt können wir Mitte August wieder ins Teamtraining einsteigen."

HSG Wetzlar, Björn Seipp (Geschäftsführer): "Da wir seit Beginn der Corona-Pandemie die Kurzarbeit auf Null gesetzt haben, um die Krise unternehmerisch hoffentlich zu überstehen, haben wir über die HSG Wetzlar keine koordinierten Hilfsaktionen gefahren, da die Spieler nicht arbeiten durften. Einige Akteure wie beispielsweise Maximilian Holst, Alexander Feld, Ian Weber oder Lenny Rubin haben sich jedoch aus eigenem Antrieb an der Lieferung von Lebensmitteln oder bestelltem Essen in Gießen und Wetzlar engagiert sowie Spenden gesammelt. Diese Aktionen haben wir dann auch über unsere sozialen Kanäle ausgespielt, um unterstützend bei der Verbreitung von Angeboten und Botschaften einzuwirken. Als HSG-Vertreter habe ich federführend die Initiative "Teamsport Hessen" ins Leben gerufen und mich als Sprecher stark dafür engagiert, dass die Clubs sich stetig austauschen und zudem Hilfe über die Politik, den Landessportbund und die Verbände erfahren. Sobald Mitte Juli alle unsere Spieler zurück in Wetzlar sind und - in noch abgespeckter Form - das Training wieder aufnehmen, werden wir zusammen eruieren, wie und wo wir uns gemeinsam weiterführend engagieren können. Denn auch jetzt ist noch an vielen Stellen Hilfe notwendig."

TV Hüttenberg, Fabian Friedrich (Geschäftsführer): "Wir sind derzeit an der Auswertung unserer Aktivitäten und Aktionen. Was ich aber schon sagen kann, ist, dass sich durch unsere frühe Einkaufsaktion Mitte März schon ein kleiner medialer Hype um uns entwickelt hat, unser Trainer Frederick Griesbach beispielsweise erstmals in das HR-Heimspiel eingeladen wurde und wir insgesamt deutlich mehr Interviews gegeben haben. Und ein Herr aus Berlin ist dadurch auf uns aufmerksam geworden und hat uns für weitere Einkäufe eine kleine Spende zukommen lassen. Diese Anfragen sind aber mittlerweile abgeebbt. Dennoch ist die Solidarität noch sehr hoch, da bin ich wirklich stolz drauf. 99,27 Prozent unserer Dauerkarteninhaber haben auf eine Rückerstattung verzichtet, das ist ein ganz starkes Signal. Zudem haben wir sehr wenige Rückforderungen von unseren Sponsoren erhalten, wenngleich einige Firmen uns hier noch um ein wenig Zeit bis zur endgültigen Entscheidung gebeten haben. Vor ein paar Tagen haben wir zudem unser virtuelles Abschiedsspiel veranstaltet, bei der unser Leiter Kommunikation, Kim-Martin Heeß, ein altes Bundesligaspiel gegen die MT Melsungen live kommentiert und dabei mit alten Weggefährten von Moritz Lambrecht, Tomáš Sklenák und Mario Fernandes gesprochen hat. Das war sehr emotional. Es geht darum, dass weiter über den Handballsport gesprochen wird. Das ist uns mit dem Abschiedsspiel, denke ich, gut gelungen. Jetzt kurbeln wir die strategische Planung für die kommende Runde, wann und wie sie auch stattfinden wird, an."

Gießen 46ers, Daniel Rohm (Medien und Kommunikation): "Unsere Hilfsaktion #wirfüreuch läuft in dieser Woche aus. Die Leute werden mit den stetigen Lockerungen mutiger, daher ist die Nachfrage an Einkaufstätigkeiten gesunken. Die Kampagne #rotesbrett, bei der Firmen ihre Angebote virtuell anpinnen konnten, läuft dagegen noch weiter, ist mittlerweile von den sozialen Kanälen auf unseren Newsletter übergegangen. Ein Dauerthema bleiben wird unsere Hilfe für die Gießener Tafel, bei der Spieler und Vereinsverantwortliche Essen und Einkäufe ausfahren, in Zukunft werden hier noch weitere Aktionen für unsere anderen Sozialpartner - wie ein Tierheim und das Uniklinikum - dazukommen. Insgesamt war und ist das Feedback auf diese Aktionen sehr positiv, viele Fans und Sponsoren haben auf Erstattungen und Regressansprüche verzichtet."

FC Gießen, Markus Haupt (Geschäftsführer): "Unsere Spieler, das Trainerteam und auch die Geschäftsführung haben auf freiwilliger Basis zehn Wochen lang täglich den Sicherheitsdienst am Eingang des evangelischen Krankenhauses in Gießen übernommen. Dort gab es eine Corona-Sperre. Das heißt, wir haben Patienten zum Empfang begleitet, darauf hingewiesen, dass sie den Mindestabstand einhalten müssen und ihnen geholfen, die Formulare auszufüllen. Dafür haben wir auch eine Spende des Krankenhauses erhalten. Über die Verwendung des Geldes, das möchte ich hier ganz klar betonen, ist noch nicht entschieden worden. Zudem haben wir einen Tag unseren Trikotsponsor Marcel Roscher (Sicherheitsdienst, Anm. d. Red.) bei den Abiturprüfungen in den Hessenhallen unterstützt. Und dann gibt es noch eine Interviewreihe, die Spieler und Vereinsverantwortliche näher vorstellt. Insgesamt ist es uns damit gut gelungen, präsent zu bleiben."

TSV Steinbach Haiger, Arne Wohlfarth (Geschäftsführer Marketing und Kommunikation): "Nach der ersten Phase, in der wir jeden Spieler interviewt und gezeigt haben, wie es ihm in der Quarantäne geht und was er macht, haben wir keine größeren Aktionen mehr gehabt. Mit einer Ausnahme, dass einige Spieler und Teile des Trainerstabs für die Dillenburger Tafel Lebensmittel bei den Supermärkten abgeholt und zur Zentrale gefahren haben. Außerdem waren Matthias Georg und ich beim Maskenverkauf unseres Hauptsponsors stark eingebunden und haben unser Stadion am Haarwasen für die "Night of Light", mit der die Veranstaltungsbranche auf ihre Situation in der Corona-Krise aufmerksam macht, zur Verfügung gestellt. Mittlerweile fokussieren wir uns aber wieder auf die sportliche Zukunft, wollen in der nächsten Woche wieder ins Training einsteigen. Dafür gibt es noch viele Bedingungen abzuklären und anzupassen."

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