Japanologe Fanderl: Darum fehlt Tokio die Olympia-Euphorie

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TÜBINGEN - TÜBINGEN. Japan erscheint in der Frage, ob die Olympischen Spiele nun stattfinden oder nicht, widersprüchlich. Wir haben uns darüber mit dem Tübinger Japanologen Wolfgang Fanderl (51) unterhalten.

Herr Fanderl, glauben Sie, dass die Olympischen Spiele stattfinden?

Das ist tatsächlich schwer abzuschätzen und eher eine Frage an einen Politologen. Aber ich denke, nach allem, was ich gelesen habe, ja. Aber das ist wirklich nur ein Bauchgefühl.

Umfragen behaupten, die japanische Bevölkerung lehne mehrheitlich Olympia ab. Für wie belastbar halten Sie dieses Stimmungsbild?

Das ist sehr belastbar. Es gibt immer wieder unterschiedliche Zahlen. Man hört und liest mal 50 Prozent, 60 Prozent oder 80 Prozent Ablehnung, je nachdem, welches Medium die Zahlen gerade herausgibt. Aber es ist doch eine relativ hohe Ablehnungsrate. Und zwar in der Bevölkerung, im Querschnitt. Also nicht nur Intellektuelle, sondern wirklich querbeet.

Japanern wird nachgesagt, sie könnten nicht Nein sagen. Wie sind denn unter dieser Prämisse die Umfragenergebnisse zu interpretieren?

Das ist ein Irrglaube, dass Japaner nicht sagen, was sie denken. In den späten 80er Jahren erschien beispielsweise ein Buch mit dem Titel "No" to Ieru Nihon (Das Japan, das "Nein" sagen kann) von Ishihara Shintarô. Das war stark in der Diskussion, weil sehr viel Kritik an Amerika geübt wurde. Aber ja, Japaner können auch "Nein" sagen und offen Kritik üben.

Zehntausend Helfer sollen zwischenzeitlich mitgeteilt haben, nun doch nicht zur Verfügung stehen zu wollen. Was ist denn davon zu halten?

Das ist ähnlich wie bei der Bevölkerung. Man muss dazu sagen, dass sich auch ein Großteil der Ärzte gegen die Spiele ausgesprochen hat. Überhaupt sind es viele Intellektuelle, die sich ablehnend äußern. Die Absage vieler Volunteers ist nur noch die Reaktion auf die veränderte Haltung zu den Spielen. Man muss sich dabei auch bedenken, unter welchen Voraussetzungen sie ursprünglich angetreten sind. Sie traten an, um Japan im Glanze zu zeigen. Das geht unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr.

Warum sagt der Premier Yoshihide Suga die Spiele nicht ab?

Da hängt eine große Maschinerie dahinter. Das sind mehr als 60 große Firmen in Japan, die als Sponsoren schon gehörig in das Projekt investiert haben. Und da geht es logischerweise um Wirtschaft und Geld. Wir wissen von Toyota, dass die im Rahmen von Olympia die neueste Technologie vorstellen wollte. Da gibt es noch kein Dementi, obwohl sie von einer großen Tageszeitung zu einer Stellungnahme aufgefordert wurden. Da merkt man, wie stark Unternehmen noch davon ausgehen, dass die Spiele veranstaltet werden. Das ist weniger Politik, da geht es mehr um Lobby und Geld.

Besonders die Sportlerinnen und Sportler des Gastgeberlandes versuchen, bei den Spielen zu glänzen. Konnten sich die japanischen Athletinnen und Athleten trotz der Pandemie optimal vorbereiten?

Ja, natürlich im eingeschränkten Maße. Japan war vergangenes Jahr massiv von der Pandemie betroffen. Allerdings früher als Deutschland. Viel früher als bei uns wurde der Lockdown verhängt. Die Schulen wurden relativ zügig dichtgemacht. Im Juni/Juli starteten sie wieder mit Trainingseinheiten. Aber man muss sagen, der Leistungssport ist weltweit in seiner Blase besonders aufgestellt. Da macht Japan keine Ausnahme.

Die japanische Bevölkerung war vor Corona begeistert von den Spielen. Kulturprogramme waren aufgelegt worden, man versuchte Olympia greifbar in den letzten Winkel des Landes zu tragen. Die Pandemie hat diese Charme-Offensive unmöglich gemacht - was hat Japan nun von den Spielen?

Wenig. Das ist einer der Gründe für die hohe Ablehnungsrate. Die Erwartung liegt immer noch bei den Firmen, dass ihre Olympia-Investition zumindest kein Komplettverlust für sie wird. Die Bevölkerung erwartet sich nichts, die Politik wahrscheinlich auch nur sehr begrenzt.

Angenommen, die Spiele finden statt. Werden die Stadien voll sein, obwohl keine Besucher aus dem Ausland zugelassen sind?

Das ist offen. Da gibt es noch keine finalen Entscheidungen. Man will die eigene Bevölkerung eventuell reinlassen, aber das hängt alles von den Inzidenzzahlen ab. Man hat in Hinblick auf Corona auch Angst vor den Mutationen. Bislang hat Japan das gut im Griff, auch wegen der Insellage.

Das Interview führte
Claus Rosenberg.

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