"Kiwi" beweist in Wißmar Kompetenz und Wortwitz

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WETTENBERG-WISSMAR - "Ich bin wirklich froh, dass Wetterapps und in dem Fall Regenradars noch kostenlos sind", beginnt Thorsten Müller Rietdorf, Vorsitzender des TC Wettenberg, die offizielle Begrüßung "seines" prominenten Gastes. Und bringt damit zum Ausdruck, wie erleichtert er darüber ist, dass eben jene Smartphone-Applikationen bereits andeuten, was dann am Donnerstagnachmittag im richtigen Zeitfenster auch Wahrheit wird:

Der bei Facebook gewonnene Besuch des ehemaligen Weltklasse-Tennisspielers Nicolas Kiefer auf der Anlage in der Nähe des Wißmarer Sees kann stattfinden. Und zwar bei "am Ende traumhaften Wetter" (Müller-Rietdorf), das dazu beiträgt, dass die rund vierstündige Veranstaltung einen festen Platz in den Geschichtsbüchern des 1977 gegründeten Vereins finden wird. Oder wie es der Vorsitzende bei seinen den offiziellen Teil abschließenden Worten formulieren wird: "Vielen Dank, Kiwi, für diesen tollen Tag. Wir werden noch Jahre daran zurückdenken!"

Das liegt aber nicht nur an der vielen Arbeit, den Müller-Rietdorf und die TCW-Mitglieder im Vorfeld und auch währenddessen leisten (mussten), damit dieser Tag auch im Sinne von "reibungslos" toll wird. Sondern auch und vor allem am Auftreten des Silbermedaillengewinners im olympischen Doppelwettbewerb an der Seite von Rainer Schüttler, der auch bei den Grand Slams viele starke Auftritte ablieferte und auf der ATP-Tour sechs Einzel-Titel gewann. Denn "Coach Kiwi", von 1995 bis 2010 als Profi in der ganzen Welt unterwegs, gibt sich im zwar großen, aber doch noch dörflichen Wißmar ausgesprochen nahbar.

Ob er nun im Smalltalk mit dem Clubchef oder den Zuschauern, die sich an ihn herantrauten, locker plaudert. Oder von den Höhepunkten seiner Karriere ("Ich bin stolz, gegen die drei Großen Djokovic, Federer, Nadal und die Generation davor mit Sampras, Kafelnikov gespielt zu haben. Das war schon eine coole Zeit") erzählt. Oder seinen Zuhörern Fitnesstipps gibt ("Für mich war es immer wichtig, nach einer Niederlage nicht sagen zu müssen, dass es körperlich nicht gereicht hat. Also achtet auch auf die Körperpflege") und dem Nachwuchs mit auf den Weg gibt: "Schule ist wichtig. Meine Priorität war damals, erst Abi zu machen. Erst danach ging's los ... und gleich ins Wimbledon-Halbfinale. Was natürlich nicht heißt, dass das bei euch auch genauso sein wird."

Immer wieder lässt der 44 Jahre alte Vater einer Tochter seinen trockenen Humor durchblitzen und sorgt - gerade auch im Zusammenspiel mit der launigen Moderation vom Thorsten Müller-Rietdorf - beim über den Tag verteilt sicher 150 Leute starken Publikum für zahlreiche Lacher. Aber es kommen auch ernste Themen zur Sprache, zum Beispiel sein vielschichtiges soziales Engagement - etwa für die "Aktion Kindertraum", die kranken und bedürftigen jungen Mitmenschen bei der Erfüllung von Wünschen hilft. Oder die Schattenseiten des Tennisprofis-Daseins ("Die Reiserei ist echt stressig. Für die Zuschauer hört sich das ja gut an, New York, London, Melbourne. Aber so viel sieht man dann von den tollen Städten ja auch nicht"). Und im Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung im deutschen Tennis spart Kiefer nicht. "Wo bleibt eigentlich der rein deutsche Nachwuchs?", fragt er sich vor dem Hintergrund, dass die Vornewegmarschierer Zverev und Kerber zum einen russischen und polnischen Background haben und wie viele der anderen Spielerinnen und Spieler auf der Tour und auch dahinter "alleine und nicht über den Deutschen Tennisbund hochgekommen sind.

Weg von der Spitze, hin zur Basis - damit zum Hauptanlass des Gastspiels in Mittelhessen: dem Showtraining. Mit viel Freude, immer einen anlassbezogenen kessen Spruch auf den Lippen und Fachkompetenz, schreitet der Wettenberger "Ersatztrainer" zur Tat. Und lässt insgesamt 14 TCW-Mitglieder, sechs U 15-Jungs und - wer hier mitmachen durfte, hatte das Los entschieden - auf zwei Gruppen aufgeteilte vier Damen und Herren sämlicher Altersklassen eine Doppel-Übung absolvieren, die alle Racketschwinger jederzeit in Bewegung halten. Er spielt selbst mit, gibt Tipps und Hinweise - und muss sogar zwischenzeitlich Bälle sammeln. Alles bei bester Laune. Und wie gefällt das den Teilnehmern der Übungseinheit? Während Junior Janne Dudenhöfer, vorher noch gefragt, ob er denn schon nervös sei ("Nö"), das Programm cool durchzieht, gibt Kay Weipert, bei den Wettenberger Herren 30 aktiv und damit in einem Alter, in dem man die Glanzzeiten von "Kiwi" noch miterleben durfte, zu: "Es war schon ein bisschen aufregend. Klasse, wie sauber und locker er die Bälle trifft und aus dem Nichts einfach dahin spielt, wo er sie hinhaben will", ergänzt er: "Ehrlich gesagt war er jetzt viel menschlicher und sympathischer, als ich das aus dem Fernsehen so in Erinnerung hatte."

Die angesprochene Souveränität auf dem Court demonstriert der bei seinem Durchbruch einst als "zweiter Boris Becker" gehandelte Stargast vor allem im anschließenden "Surprise-Doppel" mit Timo Dittmann, dem mit LK 3 ausgestatteten Jugendtrainer des Clubs, mit dem aus Buseck stammenden ehemaligen Profi und heutigen HTV-Vizepräsidenten Lars Pörschke und mit dem laut Müller-Rietdorf "besten Doppelspieler im Club", Andreas Hessler. Nicolas Kiefer läuft zu Höchstform auf, genauso wie sein Partner. Was mit viel Applaus und dem begeisterten Zuschauer-Zuruf "Du hattest bei Olympia damals wohl den falschen Partner" kommentiert wird.

Nicht nur während dieses sportlichen Höhepunkts ist "Kiwi" deutlich anzumerken, dass sein Besuch auch ihm sehr viel Freude bereitet. Als dem heute passionierten Golfspieler der Vereinsvorsitzende Thorsten Müller-Rietdorf zum Abschluss noch ein Geschenk, einen mobilen Putting-Trainer, überreicht, entgegnet er fast peinlich berührt: "Vielen, vielen Dank, aber das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Das größte Geschenk war das Wetter und dass wir hier gemeinsam unseren tollen Sport ausüben durften."

Dann lässt er noch einmal den Blick schweifen über die ins passende Ambiente versetzte Anlage, der sich geduldig bis zum Ende wartend dunkle Regenwolken nähern, und ergänzt: "Ich habe das ja schon ein paar Mal gemacht, aber das ist die bisher beste Veranstaltung gewesen. Ihr seid ein schöner, kleiner Verein, alles ist sehr gepflegt hier, auch Thorsten war von Anfang an mit viel Herzblut dabei. Ich wünsche euch alles Gute für die restliche Saison und kann mich wahrscheinlich nicht von euch allen persönlich verabschieden, sage aber jetzt schon mal: Bis bald!"

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