Swing als Nemesis

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HAMBURG/GIESSEN - Mitte des letzten Viertels setzt Gießens Bjarne Kraushaar zum Dribbling an, der Ball tippt zweimal auf dem Parkett auf und landet beim dritten Mal auf dem Schuh des 21-Jährigen, der verdutzt der orangenen Kugel hinterherschaut. Es ist nur eine kleine Szene, aber sie zeigt, wie gebraucht der Abend der Gießen 46ers im Spiel der Basketball-Bundesliga bei den Hamburg Towers gewesen ist.

Zu diesem Zeitpunkt war der Drops dieser Partie schon längst gelutscht. Mit 79:100 kassieren die Lahnstädter beim nach wie vor ungeschlagenen Nordlicht eine deutliche Pleite, deren Ursprung eindeutig in der ersten Hälfte liegt.

Hamburg Towers -
Gießen 46ers 79:100

"Wir haben den Start verschlafen, zu wenig Intensität an den Tag gelegt, zu viele leichte Körbe kassiert und zu viele Turnovers produziert und sind dann die gesamte Spielzeit dem Rückstand hinterhergelaufen", führt Kraushaar selbst die lange Mängelliste auf.

Bereits mit dem Halbzeitpfiff liegt das Team von Cheftrainer Ingo Freyer klar mit 32:54 hinten. Das lag vor allem an einem Hamburger, der an diesem Tag alle anderen überstrahlte und den die Gießener nie in den Griff bekamen: Shooting Guard Jordan Swing, der mit unfassbaren acht verwandelten Dreiern richtig heiß lief und am Ende mit 28 Zählern bester Schütze der Partie war.

Dabei begann es für die 46ers besser als vor zwei Tagen in Braunschweig. Die ersten Punkte zum 2:2 erzielte Scottie James Junior bereits nach 55 Sekunden. Nur 20 Sekunden später allerdings begann die Swing-Show mit Distanzwurf Nummer eins. Der 29-Jährige traf im ersten Viertel nach Belieben und aus jeder Position jenseits der 6,75 Meter-Linie, machte 15 der 26 Towers-Punkte in den ersten zehn Minuten. "Das darf uns nicht passieren. Spätestens nach dem zweiten oder dritten Wurf müssen wir ihn stoppen. So aber hat er munter weiter getroffen", brachte es Kraushaar auf den Punkt.

Gießen war auf den Shooter aber keineswegs unvorbereitet, versuchte mit einer Manndeckung Swing aus dem Spiel zu nehmen - erfolglos, weil es der Freyer-Truppe an Aggressivität in der Defensive fehlte. Die Hamburger ihrerseits durchschauten die Gießener Taktik und spielten die 46ers-Defensive mit Pick-and-roll aus. Wenn nicht Hamburgs Spielmacher T. J. Shorts zum Ende des ersten Viertels mit seinen vielen missglückten Alleingängen den Gießern die Möglichkeiten geboten hätte, den Rückstand zu verkürzen, wäre die Partie schon nach zehn Minuten gelaufen gewesen. So aber waren es die Gießener Eigengewächse Alen Pjanic und Kraushaar sowie "Big Man" Johannes Richter, die mit einem 7:0-Lauf den Rückstand auf 18:26 verkürzten. Doch die Hypothek war für die Gießener bereits enorm.

Zu Beginn des zweiten Viertels schraubte Hamburg weiter an der sehr guten Dreierquote (am Ende trafen sie 13 von 28 Versuchen). Dieses Mal versenkte Justus Hollatz. Auf der Gegenseite hätte Gießens Routinier Brandon Thomas die große Aufholjagd einläuten können, stattdessen verhungerte sein Dreier-Versuch in der Luft. Bezeichnend für die Gäste, denen an diesem Abend einfach kaum etwas gelingen wollte.

Einzig das häufigere Ziehen von Freiwürfen, das Chefcoach Freyer im Vorfeld gefordert hatte, erreichten seine Spieler. Doch Beweglichkeit und Ballzirkulation in der gegnerischen Hälfte suchte man häufig vergebens, Jonathan Stark konnte als Spielmacher keine Akzente setzen, auch Isaac Hamilton, wie Stark in der Starting-Five, blieb weit unter seinen Möglichkeiten, machte erst im letzten Viertel seine ersten und einzigen zwei Punkte. Einzig Liam O'Reilly, Scottie James Junior und Brandon Thomas erreichten phasenweise Normalform. In der Offensive war den Gießenern anzumerken, dass ihnen in der Saison-Vorbereitung aufgrund der Quarantäne zwei Wochen fehlen, um erfolgreiche Systeme einstudieren zu können. Dadurch fiel es den Towers leicht, die Passwege zuzustellen und die Gießener zu schwierigen Würfen zu zwingen. Die Hamburger zogen Mitte des zweiten Viertels auf über 20 Punkte davon. Davon erholten sich die 46ers bis zum Spielende nicht mehr.

In der zweiten Hälfte, in der Gießen endlich mal Jordan Swing den Zahn zog, plätscherte die Partie vor sich hin. Gießen agierte zwar offensiv deutlich agiler, ließ dafür aber defensiv noch mehr zu. Hamburg hielt den Vorsprung konstant bei rund 20 Punkten.

Zu allem Überfluss knackten die Hamburger an diesem Abend erstmals in dieser Saison die Marke von 100 Punkten - mit einem Dunking 40 Sekunden vor Ende. Es passte zu diesem gebrauchten Abend der Gießen 46ers.

Hamburg Towers: Shorts (13/0 Dreier), Swing (28/8), Di Leo (4/1), Rich (9/0), Kotsar (16/0), Hollatz (7/1), Allen (4/0), Ogunsipe (5/0), Cuthbertson (14/3), Taylor (0).

Gießen 46ers: Stark (5/0), Hamilton (2/0), O'Reilly (11/2), Kraushaar (8/1), Pjanic (5/0), Richter (10/0), Bowman (7/0), Zylka (8/1), James Junior (11/1), Thomas (12/1).

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