Von Hallen und Wundern

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In der Doppelturnhalle der Liebigschule stehen Masten, die das Dach stützen. Der in die Jahre gekommene Bau kann sich im Wortsinne nur noch mit Unterstützung auf den Beinen halten. An den Wänden finden sich Sinnsprüche von 2005, das ist erst 16 Jahre her, taugt noch nicht zum Status Höhleninschrift, aber irgendwie ist auch das schon ein Zeugnis der Vergangenheit.

nDie Sporthallen sind leer, es riecht nach eingeschlafenen Füßen. Keine Bewegung, nirgends. Der Boden erholt sich langsam von strammen Sportlern, die mit schwarzen Sohlen über ihn quietschten - von Athleten, die scheinbar Sprungfedern unter den Füßen hatten, die mit angewinkelten Armen an den Körben hingen. Schulsport und Vereinssport gaben sich die Klinke in die Hand. Bis ans Spielfeld standen die Zuschauer und fieberten mit. Ganz früher, als Bürokratie und Verordnungen noch nicht jeden Keim erstickten, weil dies und das und jenes versicherungstechnisch und so weiter zunächst abgeklärt werden muss.nDass die Doppelturnhalle steinalt ist, sieht man daran, dass die Osthalle auch schon steinalt ist. Jene Sporthalle Ost, die die Lio-Halle ablöste, entspricht schon lange nicht mehr den Ansprüchen der Basketball-Bundesliga. Gießen, so könnte man es sarkastisch formulieren, hat Glück, dass seit nun schon einem Jahr kein Sport möglich ist. Weil die Hallen marode sind oder saniert werden sollen oder abgerissen und neu gebaut. Und man wird sehen, wann das was wird. Das passt alles zur Gemengelage, dass man in Gießen 50 Jahre leben kann und 35 Jahre davon diskutiert wird, ob es Bedarf für eine neue Halle gibt, dass es Bedarf für eine neue Halle geben könnte, wohin eine neue Halle gebaut werden sollte, ob sie dann lieber doch nicht gebaut werden mag, wie die neue Halle aussehen soll, wer rein darf und wer nicht? Am Ende lebt man 80 Jahre in dieser Stadt und geht noch in die gleiche Halle, in der man schon Schulsport hatte. Und dann sieht man eine Inschrift an der Wand: Sportstadt Gießen. Und denkt: Das ist ja Höhlenmalerei, echt vorsintflutlich.nUnd irgendwie fühlt sich in diesen Tagen alles so an, als sei es auch nicht mehr so wichtig. Weil die Gießen 46ers beispielsweise ohne ihr Publikum im Rücken und mit einer partout nicht wettbewerbsfähigen Mannschaft demnächst sowieso kleinere Brötchen backen müssen. Es sei denn, es geschieht ein Wunder. Die gibt's ja immer wieder. Aber wo?nVielleicht da drüben auf dem Fußballplatz. Da trainieren Kinder, da laufen sie hinter dem Ball her. Selbst in diesen Zeiten. Es ist ein Wunder, dass die Politik verstanden hat, dass das machbar ist. Echt ein Wunder.

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