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1000 Sandsäcke und eine Drohne

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Hochwasser, wie hier am Wehr in Höhe der Stadtwerke, hat zerstörerische Wirkung. Archivfoto: Jung © Klaus-Dieter Jung

Fließpfadkarten, Sirenen, Kanäle, Drohnen und Sandsäcke: die Stadt, die beteiligten Ämter, die Mittelhessischen Wasserbetriebe und die Feuerwehr informierte über Katastrophenschutz in Gießen.

Gießen. Am Tag des Wassers war Hochwasser das Thema bei einer Online-Veranstaltung der Stadt über Hochwasser- und andere Katastrophenschutzmaßnahmen in Gießen. Vertreterinnen und Vertreter der beteiligten Ämter der Stadtverwaltung sowie die Mittelhessischen Wasserbetriebe (MWB) informierten über die bereits umgesetzten Maßnahmen und solche, die zukünftig umgesetzt werden sollen. Zahlreiche Interessierte hatten sich zugeschaltet.

Zudem gab es eine Vorstellung der Fließpfadkarten des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) sowie eine Information zum Katastrophenschutz seitens der Feuerwehr. »Besonders vor dem Hintergrund der Zunahme von Stark-regen- und Hochwasserereignissen im Zuge des Klimawandels wächst die Bedeutung der Anpassung und Vorsorge, um potenziellen Schaden durch Überschwemmung von den Gießener Bürgerinnen und Bürgern abzuwenden. Die Stadt ist sich ihrer Verantwortung diesbezüglich bewusst und hat in den letzten Jahren ihre Aktivitäten in diesem Bereich stetig ausgeweitet«, unterstrich Stadträtin Gerda Weigel-Greilich, die die Veranstaltung moderierte.

Viel investiert

Mit ihren 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sind die MWB auch für die Abwasserbeseitigung, zu dem auch das Regenwasser gehört, zuständig. »Der Klimawandel beschäftigt die Fachleute schon länger, als es die MWB gibt«. machte der Betriebsleiter des städtischen Eigenbetriebes, Clemens Abel, deutlich.

In der Zwischenzeit sei sehr viel unternommen worden: Das Kanalnetz sei nach den neuesten Erkenntnissen ausgebaut worden, Abel verwies auf 31 vorhandene Rückhaltebecken, das sei »sehr eindrucksvoll«. Sehr viel investiert wurde in die Technik und in die Digitalisierung. »Das sind beides Mittel, um mit Extremereignissen besser umgehen zu können!«. Die MWB seien mit die ersten gewesen, die die Fließkarten - ein neues Projekt des HNLUG - bestellten. Diese geben eine erste Übersicht über die Fließpfade, die bei einem Starkregenereignisentstehen können. Sie gehen ein auf die Topografie, auch Landnutzung und Gebäude sind berücksichtigt. Ziel der SWG sei, dass jeder Grundstückseigentümer Zugang zu seinem Grundstück über Detailinformationen bekomme. . Allerdings erklärte Abel, dass die Fließpfadkarten keine Auskunft über Schadenspotenziale oder deren Höhe geben.

Bei Hochwasser beträgt die Vorwarnzeit der Lahn zwei bis drei Tage, bei der Wieseck nur wenige Stunden. »Bei Starkregen sind wir kaum in der Lage, exakte Vorhersagen zu machen«. Die Fließpfadkarten beschäftigen sich nur mit Starkregen, nicht mit Hochwasser aus Flüssen. Es sind keine Grundwasserkarten.

»Stadtentwässerung ist unser Kerngeschäft. Das gilt natürlich auch für extreme Wettersituationen«, erklärte Oliver Friedl von den MWB. Den Werner-Gleim-Deich als Hochwasserschutzmaßnahme bezeichnete er als »Meilenstein für den Hochwasserschutz in Gießen«. Damit könne man den gesamten Bereich der Weststadt für ein hundertjähriges Hochwasser der Lahn schützen. Die alljährlichen Überflutungen gehörten mit dem Damm der Vergangenheit an. Sehr wichtige Elemente im Gießener Hochwasserschutz seien die Hochwasserrückhaltebecken. Am Beispiel des Stauraumkanals am Kugelberg nannte Friedl technische Details: Dort werden Starkregenereignisse aufgefangen, anschließend gesteuert und gedrosselt wieder abgeleitet. Die Rohre haben einen Durchmesser von 2,40 Meter und bieten ein Stauvolumen von etwa 1000 Kubikmeter. Als permanent fortlaufende Maßnahmen nannte der Experte die Anpassung des Gießener Kanalnetzes an den Klimawandel und die Ergänzung des Sinkkastenbestandes, um das Wasser von der Oberfläche in den Kanal zu leiten. Die MWB hätten eine Gewässerdatenbank erstellt, seines Wissens nach sei der Eigenbetrieb der erste, der den kompletten Bestand - ungefähr 500 Kilometer - in einer Datenbank aufgenommen hat. Wichtig ist den MWB die Beratung zum Überflutungsschutz, wie jeder Bürger seinen eigen Hab und Gut gegen Überflutung schützen kann. Auch Investoren steht der Betrieb beratend zur Seite. Es findet eine intensive Zusammenarbeit mit Hochschulen, insbesondere mit der THM Gießen, statt.

Kerstin Stingel vom Stadtplanungsamt erläuterte, mit welchen Maßnahmen das Amt auf Starkregenereignisse reagiert und um sie abzupuffern. Den Bebauungsplan bezeichnete sie als gutes Instrument, zur Vorbereitung zur Planung des Prinzips Schwammstadt. Dies ist ein populärer Begriff, der besagt, dass das anfallende Regenwasser in den Städten zukünftig lokal aufzunehmen ist. Es soll der Verdunstung, nach Möglichkeit auch der Versickerung und nach Möglichkeit auch der Bewässerung von Grünflächen zur Verfügung gestellt werden.

Förderprogramm

Christian Eschenbrenner vom Umweltamt berät Bauherren zu Versickerungsmöglichkeiten. Das Umweltamt hat über 220 Versicherungsanlagen erfasst, die rund 25 Hektar versiegelter Fläche aufnehmen. »Das ist schon relativ viel«, sagte der Mitarbeiter.

Zum Förderprogramm »Grüne Mitte Gießen Innenstadt«, berichtete Marion Lorengelvom städtischen Umweltamt »Die Stadt fördert in diesem Bereich. Fachliche Beratung erledigen Landschaftsarchitekten, die Förderung umfasst die Entsiegelung und Begrünung, Dachbegrünung, Fassadenbegrünung und grüne Stellplätze. Letztes Jahr hat das Programm begonnen, über 30 Anfragen liegen vor und eine Umsetzung mitten in der Stadt ist erfolgt«. 70 Prozent, maximal 10 000 Euro könne die Förderung betragen.

Den Anteil des Gartenamtes am Hochwasserschutz erläuterte Amtsleiter Thomas Röhmel: Schaffen von Retentionsflächen als Ausgleich für den Hochwasserschutzdamm in der Weststadt am Uferweg und Flutrinnen inklusive Lahnschleifen am Uferweg, Laufverlängerung Oberlache, Sickergruben und vieles mehr. In Planung seien Rückverlegung Hochwasserdamm zwischen Wieseck und Freibad. Ernst-Ludwig Kriep vom Stadtforst ging auf den über Hochwasserschutz durch naturgemäße Waldwirtschaft ein. Jährlich würden etwa zehn Kleingewässer/Flutmulden geschaffen.

Martina Klee, Leiterin vom Amt für Brand- und Bevölkerungsschutz resümierte, das Hochwasser 2018 sei keine Katastrophe gewesen weil es sich nur auf das Stadtgebiet begrenzt war. 31 Sirenen im Stadtgebiet alarmieren die Bevölkerung bei Katastrophen, fünf weitere sind geplant oder im Aufbau.

Zudem sind fünf Fahrzeuge stationiert, die mit Sprachansagen warnen können. 200 Einsatzkräfte, von Berufsfeuerwehr und Freiwilliger Feuerwehr, könnten »innerhalb von zehn Minuten zum arbeiten kommen«. Die Feuerwehr verfügt über ein geodatenbasiertes Einsatzinformations- und Unterstützungssystem. Eine Drohne, gemeinsam mit den MWB beschafft, wird zur Erkundung von Hochwasserausdehnung eingesetzt. Gelagert sind 1000 gefüllte Sandsäcke, 20 000 können mit einer Maschine bei den MWB und der Feuerwehr Heuchelheim gefüllt werden.

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