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20 Monate für 38 Straftaten

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Auch die Ehefrau musste sich vor dem Schöffengericht verantworten, kam jedoch glimpflich davon. Foto: Docter © Docter

Ein 73-jähriger Buchhalter, der bei einer Gießener Firma 94 000 Euro auf ein eigenes Konto abgezweigt hatte, wurde wegen schweren Betrugs und Untreue zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Gießen . Das Recht in seine eigenen Hände genommen hat der mittlerweile entlassene Buchhalter eines größeren Gießener Unternehmens. Weil der heute 73-Jährige der Ansicht war, dass ihm noch erhebliche Rückzahlungen zu Darlehen zustanden, die er dem Geschäftsführer gewährt hatte, ließ er über drei Jahre lang bei der Firma eingehende Rechnungsbeträge auf das eigene Konto überweisen. Dies verschleierte der Mann durch andere Transaktionen offenbar so gut, dass das Ganze erst durch die Nachfrage eines Kunden aus Norddeutschland auffiel. Bis dahin hatte der Buchhalter, der als Externer für das Unternehmen tätig war, in 38 Fällen insgesamt knapp 94 000 Euro zur Seite geschafft. Dafür wurde er jetzt vom Schöffengericht am Amtsgericht wegen besonders schweren Betrugs und Untreue im besonders schweren Fall zu einer Strafe von 20 Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wird.

Zusätzlich verdonnerte Richterin Sonja Robe den Rentner zur Zahlung von 2000 Euro für eine gemeinnützige Vereinigung. In beiden Fällen folgte sie dem von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafmaß. Der Anwalt des Angeklagten ließ sofort wissen, keine Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen zu wollen. Zumal sein Mandant »Mist gebaut hat«, wie er einräumte.

Streit um Darlehen

Auch die Ehefrau des 73-Jährigen stand vor Gericht. Denn ihr gehört das Konto, auf das ihr Gatte das Geld umgeleitet hatte. Wie sich im Verlauf der Verhandlung herausstellte, handelt es sich dabei um ein Geschäftskonto, das die Frau nach Ende ihres früheren Unternehmens weiterlaufen ließ. Jedoch hatte sie nach Aussage ihres Ehemanns keine Kenntnis von der tatsächlichen Natur der eingehenden Beträge. Vielmehr habe sie geglaubt, es würde sich um reguläre Darlehensrückzahlungen handeln, erklärte der Ehemann. Und so ließen Staatsanwaltschaft und Richterin bei ihr Milde walten und verurteilten die 70-jährige zur Zahlung von 1200 Euro an eine gemeinnützige Organisation. Auch ihre Pflichtverteidigerin verzichtet darauf, das Urteil anzufechten.

Die Richterin betonte in ihrer Urteilsbegründung, dass jede einzelne der 38 Geldüberweisungen »eine Straftat« darstellt. Dessen sei sich auch der Angeklagte, erst recht als erfahrener Buchhalter, bewusst gewesen. »Sonst hätten Sie es nicht so still und heimlich gemacht«, sagte sie und sprach dabei auch die Verschleierung mithilfe anderer Finanztransaktionen an. Zugleich wunderte sich Robe, wie der Mann trotz dieser über dreijährigen Täuschung und Schädigung des Unternehmens »jeden Tag guten Gewissens zur Arbeit gehen konnte«. Was Richterin und Staatsanwältin allerdings am meisten verwunderte, war, wie doch relativ unprofessionell Darlehensgeber und -nehmer trotz der hohen fünfstelligen Gesamtsumme mit dieser Angelegenheit umgegangen sind. Laut dem Anwalt des 73-Jährigen habe Letzterer dem Geschäftsführer des Unternehmens - beide verband über viele Jahre offensichtlich ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis - in den 2000er Jahren drei Darlehen gewährt. Während der Geschäftsführer, der als Zeuge geladen war, behauptete, alle drei vollständig zurückgezahlt zu haben, widersprach dem der Angeklagte. Beide Seiten hatten sich vor einiger Zeit in dieser Sache bereits bei einem Zivilprozess gegenübergestanden, der zugunsten des Firmenvertreters ausgegangen war.

Auf Nachfrage der Richterin teilte dieser mit, die Rückzahlung der damaligen Darlehensbeträge von der Ehefrau des Angeklagten schriftlich bestätigt bekommen zu haben. Daraufhin wollte Robe diese Unterschriften gerne sehen, der Zeuge hatte jedoch den betreffenden Dokumentenordner nicht zur Verhandlung mitgebracht. Was die Juristin ebenso unverständlich fand wie die Aussage von ihm und dem Angeklagten, dass in den Zahlungen keine Zinsen für die Darlehen enthalten gewesen seien. Überhaupt taten sich mit Fortgang der Verhandlung einige Widersprüche bei den Aussagen des Angeklagten und des Zeugen auf. Die Richterin attestierte beiden ein schlechtes kaufmännisches Verhalten. Derweil hat der Geschäftsführer die Hoffnung nicht aufgegeben, zumindest einen Teilbetrag der 94 000 Euro zurückzubekommen. Das sei ihm »wichtiger als die strafrechtliche Verfolgung« seines früheren Buchhalters, betonte er.

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