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Einer der prominentesten Schlaraffen: Das Grab des Kunstmalers Heinrich Will (1943 von den Nazis hingerichtet), dessen Namen auch eine Straße in Gießen trägt.

28 Schlaraffengräbern Besuch abgestattet

Gießen (red). Alljährlich an einem der letzten Sonntage im November sind sie auf dem neuen Friedhof zu ihrem Gräbergang, die Gießener Schlaraffen des »Reyches Zu den Gyssen«. Ihr über drei Kilometer langer Weg führt zu insgesamt 28 Gräbern von ehemaligen Schlaraffen. Auf jedem Grab wird ein kleiner Fichtenzweig mit einer blau-gelben Schleife niedergelegt.

Vor 162 Jahren in Prag gegründet

Kunst, Humor und Freundschaft sind die Säulen der 1859 in Prag gegründeten Schlaraffia. Humor und Freundschaft stehen an diesem trüben Sonntagvormittag im Vordergrund. Für den außenstehenden Betrachter ist unübersehbar, dass da eine vergnügte Herrenrunde unterwegs ist, werden doch an jedem Grab humorvolle Anekdoten aus dem Leben des Dahingegangenen erzählt. Die Freundschaft der Schlaraffen geht über den Tod hinaus.

Einer der früheren Schlaraffen hatte sich zu Lebzeiten schon einen Schnaps auf seinem Grab beim Gräbergang gewünscht. Ein Wunsch, der ihm jedes Jahr aufs Neue erfüllt wird. Über zwei Stunden dauert der Rundgang. Zum Grab des Gießener Metzgermeisters Heinrich Kunz (Ritter Ratz vom Heidenturm) geht es ebenso wie zur letzten Ruhestätte von Prof. Erwin Schliephake (Ritter Vesal der urwüchsige Approbationsrat), ehemals Direktor des Balserischen Stift, um nur zwei Namen zu nennen.

Im ältesten Grab ruht der 1955 verstorbene Gießener Fabrikant Joseph Kreuter (Ritter Stambulus der Weltenbummler), das jüngste Grab vom Dezember 2020 ist die letzte Ruhestätte des ehemaligen Verlegers und Geschäftsführers der Brühlschen Universitätsdruckerei Peter Hamann (Ritter Print die Perlnuß).

Fast ebenso viele Schlaraffengräber gibt es noch im Gießener Umland. Stellvertretend sei hier die Gedenkstätte des 1943 von den Nazis hingerichteten Kunstmalers Heinrich Will (Ritter von der Schwalm) auf dem Treiser Friedhof genannt. Auch dort wurde ein Zweig mit blau-gelber Schleife niedergelegt und an sein tragisches Schicksal erinnert.

Straßen benannt

In Gießen gibt es die Heinrich-Will-Straße und den Joseph-Kreuter-Weg. Zwei Gießener Schlaraffen, denen die Stadt einen Straßennamen gewidmet hat. Die Schlaraffen treffen sich von Oktober bis April jeweils freitags zu ihren Zusammenkünften, »Sippungen« genannt.

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