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Kontrolle vor dem Weihnachtseinkauf: Diana El Hakim überprüft am Eingang von Spielwaren Fuhr Impfzertifikate, Atteste und Ausweise.

Corona-Verordnung

2G in Gießen »funktioniert erstaunlich gut«

Seit Montag haben in vielen Geschäften nur noch Geimpfte und Genesene Zutritt. Nun ist in Gießen die Ausgabe von »Festivalbändchen« im Gespräch.

Gießen. Die Seniorin kramt in ihrer Handtasche. »Ein Handy habe ich nämlich nicht«, sagt sie fast entschuldigend. Der herkömmliche Impfpass muss hier aber irgendwo sein. Schließlich legt sie das gelbe Heftchen auf die Theke. »Man gewöhnt sich ja an alles.« Auf der anderen Seite der Plexiglasscheibe im Spielwarengeschäft Fuhr sitzt Verkäuferin Diana El Hakim. Statt Kunden bei den Weihnachtseinkäufen zu beraten, scannt sie nun digitale Impfzertifikate, kontrolliert Ausweise, Genesungsbescheinigungen und Atteste.

Bändchen-Ausgabe vorgeschlagen

Mit der neuen 2G-Regel im Einzelhandel, die am Montag in Hessen in Kraft getreten ist, dürfen nur noch Geimpfte und Genesene die Läden betreten. Zwar gibt es Ausnahmen, etwa für Supermärkte, Drogerien oder Buchhandlungen, doch beim Rundgang durch die Innenstadt wird deutlich: Wer shoppen gehen möchte, muss sich vielerorts erst einmal überprüfen lassen. Vom Vorsitzenden des BID Seltersweg kommt nun der Vorstoß, eine Art Festivalbändchen auszugeben, um die Kontrollen weniger zeitintensiv gestalten zu können.

Dass Diana El Hakim lächelt, ist trotz Mund-Nasen-Schutz nicht zu übersehen. Ihren halben Arbeitstag verbringt sie am Montag am neu eingerichteten, plexiglasgeschützten, Schalter am einzig geöffneten Eingang von Fuhr in der Sonnenstraße. »Die Kunden sind durchweg zufrieden«, erzählt die Verkäuferin. Ihr ist es wichtig, ein gutes Gefühl mitzugeben und trotz strenger Vorgaben locker auf die Menschen zuzugehen. »Wir müssen als Spielzeuggeschäft schließlich nicht bierernst sein.« Wer sich längere Zeit am Einlass aufhält, kann beobachten, dass ein Großteil der Kundschaft schon draußen die Corona-Warn-App öffnet und unaufgefordert den QR-Code scannen lässt. Die Reaktionen sind von Verständnis geprägt. »Ich halte die Einschränkungen für richtig, das hätte schon viel früher passieren sollen«, betont ein älterer Herr. Achselzuckend schiebt er nach: »Die Kontrollen sind doch besser als wieder komplett zu schließen.« Dies ist selbstredend auch das Stichwort für Fuhr-Geschäftsführer Dirk Lonthoff, der auch die Bastler Zentrale in der Galerie Neustädter Tor leitet. Die Kunden seien gut vorbereitet, schließlich würden sie die 2G-Nachweispflicht etwa aus der Gastronomie bereits kennen. Und für alle anderen sei - wie auch während des Lockdowns - die Abholstation am Parkplatz geöffnet. »Jeder kommt an sein Weihnachtsgeschenk«, verspricht Lonthoff.

Kontrollschalter aufgebaut

In der Plockstraße arbeitet Bianca Mirzaei im Kinderladen »Wattwurm« und im benachbarten Bekleidungsgeschäft »Ebbe & Flut«. Auch sie ist froh, dass »die wichtigen Tage im Vorweihnachtsgeschäft« nicht verloren gehen. Die Kunden seien allerdings mitunter verunsichert. Dies liege auch an den unterschiedlichen Vorgaben für die beiden Läden, die sich aktuell einen Eingang teilen und räumlich miteinander verbunden sind. Anders als im »Ebbe & Flut« gilt im »Wattwurm« aufgrund der Deklarierung als Babyfachgeschäft die 2G-Regel nicht.

Am frühen Nachmittag stehen vor »Karstadt« rund 15 Menschen Schlange. Auch hier gibt es nun Kontrollschalter. Geöffnet haben lediglich die Eingänge im Seltersweg und am Parkdeck. Geschäftsführer Lothar Schmidt spricht von »sehr disziplinierten Kunden«, aber auch von großem Aufwand. »Die bereitgestellten Mitarbeiter können in der Zeit nichts anderes machen.« Trotz aller Vorbereitung sei die Kundenfrequenz nicht so hoch wie sonst zu dieser Jahreszeit. »Kurz vor dem dritten Advent sind eigentlich mehr Menschen unterwegs«, weiß Schmidt. Die Kontrollen hält er dennoch für sinnhaft. »Wir müssen die Politik unterstützen, damit es vorwärts geht mit dem Impfen.«

Gegenüber, im Schuhhaus Darré, findet Geschäftsführer Heinz-Jörg Ebert, der auch Vorsitzender des BID Seltersweg ist, optimistische Worte. Die Umsetzung der 2G-Regelungen sei zwar eine Herausforderung - »aber sie funktioniert erstaunlich gut.« Die Kunden seien »absolut verständnisvoll und unterstützen uns in der auch für uns schwierigen Situation mit einem Lächeln und aufmunternden Worten«. Zum Wochenende hin prognostiziert Ebert allerdings längere Warteschlangen im Seltersweg. Ein »unübertragbares Festivalbändchen« könnte die Wartezeit verkürzen. Die Idee wurde Stadt, Gesundheitsamt und Wirtschaftsförderung schon zur Prüfung vorgelegt. »Wer so ein Bändchen trägt, hat bereits an einer Stelle seine Nachweise checken lassen - weist sich nun mit dem Bändchen als »genesen/geimpft« aus und kann so in allen Geschäften der Innenstadt shoppen gehen.« Die Prüfung dauere »nur noch Sekunden«. Dazu thematisiert Ebert die »enormen finanziellen Belastungen« für die Händler. Allein im Seltersweg sei nur im Dezember durch die Kontrollen fast eine Viertel Million Euro zusätzlicher Personalkosten zu erwarten: 3900 Euro pro Laden. »Das kann Manchem das Genick brechen.«

Sari Heuser, Geschäftsführerin im »Modehaus Bratfisch« im Neuen Weg, hofft, dass dieses Szenario abgewendet werden kann. Schließlich habe man »die schwere Phase« - den monatelangen Lockdown - hinter sich lassen können. Heuser will also optimistisch bleiben. »Schlimmer als letztes Jahr kann es gar nicht werden«, sagt sie. Dennoch wünscht sich die Geschäftsführerin Normalität zurück und »dass nicht so viele Kunden online abwandern«. Das gilt nicht nur für ihren eigenen Laden: »Ich hoffe, dass es für alle Geschäfte in der Stadt bald nur noch aufwärts geht.«

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