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30 Euro und eine Bauchtasche

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Magere Beute führt zu hoher Strafe : Ein 41-Jähriger muss nach schwerem Raub in eine Entziehungsklinik und »den harten Weg« gehen, wie Richter Holtzmann am Landgericht Gießen betonte.

Gießen. Für den 41-jährigen Angeklagten endete der Prozess vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Gießen mit der Unterbringung in einer Entziehungsklinik. Der gebürtige Russe wurde wegen besonders schweren Raubes schuldig gesprochen und muss aufgrund seiner starken Drogenabhängigkeit künftig den, wie es der Vorsitzende Richter Jost Holtzmann betonte, »harten Weg gehen«.

Die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sei aufgrund der Abhängigkeit ein gangbarer Weg, urteilten die Prozessbeteiligten. »Natürlich kreist Ihr Leben um Ihre Sucht. Aber einen kompletten Verfall in die Sucht ist bei Ihnen noch nicht erkennbar. Ihre Altpersönlichkeit ist im Schwinden, aber sie ist noch da«, meinte der Richter über den 41-Jährigen. Die Tat selbst bestritt der Angeklagte pauschal, wie er durch seinen Verteidiger Alexander Hauer mitteilen ließ. Er selbst machte nur Angaben zu seiner Vita.

Nach der Übersiedelung aus Sibirien im Alter von 14 Jahren sei er ein Jahr später erstmals mit Drogen in Kontakt gekommen, das habe aber nach eigenen Angaben noch nicht zu einer Sucht geführt. Erst der Konsum am 16. Geburtstag habe dafür gesorgt, dass der Angeklagte »in die Sucht gerutscht« sei. Immer wieder musste der nun 41-Jährige in Haft, immer wieder war die Suchtproblematik Teil seines Lebens 2009 absolvierte er eine Ausbildung zum Schreiner, die er mit einem Gesellenbrief abschloss. »Ich habe immer handwerklich gearbeitet und die Ausbildung lief gut«, schilderte er. Während eines Methadonprogramms lernte er eine junge Frau kennen, die beim Prozess als Zeugin auftrat. Die 31-Jährige erzählte dem Angeklagten, dass sie einem Bekannten 50 Euro geliehen habe, damit dieser nach Beuern fahren könne, um Geld bei seiner Großmutter zu holen. »50 Euro, um mit dem Taxi nach Beuern zu fahren? Das war aber ein teures Taxi«, hakte Holtzmann skeptisch nach. Das spätere Opfer, so schilderte die Zeugin danach, habe sie bei der Substitutionsambulanz kennengelernt, da er mit dem geliehenen Geld nicht zurückgekommen sei. »Also habe ich den Angeklagten gefragt, ob er mal mit ihm redet. Ich wurde ja auch immer wieder hingehalten, was meine Kohle angeht«, schilderte die 31-Jährige. Kurze Zeit später jedoch stand das Opfer blutüberströmt vor der Tür und schrie die junge Frau an, wo der »scheiß Russe« sei.

Nach Aussage der Zeugin hatte es eine »Rangelei« zwischen dem Angeklagten und dem Opfer gegeben. »Der Angeklagte hat zu mir gesagt, dass derjenige, dem ich das Geld geliehen habe, kein Geld hat. Ich habe aber keinem gesagt, dass die denjenigen abstechen sollen«. Denn die Geschichte, die das Opfer im Verlauf des Prozesses berichtete, wich deutlich ab.

In der Hindemithstraße sei das Opfer dem Angeklagten zufällig begegnet. Der 41-Jährige habe dann den Gleichaltrigen verfolgt und in einer Sackgasse gestellt. Als der Angeklagte verlangte, dass das Opfer »die Kohle rausrücken« soll, lehnte dies das Opfer ab. Daraufhin zog der Angeklagte ein Messer, doch sein Konterpart blieb unbeeindruckt und forderte ihn auf, er solle doch zustechen. Daraufhin steckte der Täter das Messer wieder weg. Bei der späteren Auseinandersetzung schlug der Täter dem Opfer ins Gesicht, dieser verlor einen Zahn und seine Umhängetasche, in welcher sich neben 30 Euro noch der Personalausweis und Tabletten befanden.

Dieses Szenario sah auch die Staatsanwaltschaft als erwiesen an. »Der Angeklagte hat die Tat bestritten, das ist sein gutes Recht. Der Angeklagte ist meiner Meinung nach gleichwohl überführt«, führte Staatsanwalt Jakob Frost aus. Im Drogenmilieu sei es üblich, dass man ungern jemanden anschwärze, so auch in diesem Fall. »Das, was das Opfer uns erzählt hat, ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft eine glaubhafte Erzählung über den Tathergang. Dass der Angeklagte eine Rangelei gegenüber Dritten zugab, das ist ein dehnbarer Begriff«, so Frost. Ein minderschwerer Fall sei schon allein aufgrund der Vorstrafen und der damit verbundenen Hafterfahrung nicht gegeben. Der Staatsanwaltschaft forderte die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sowie eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten.

Verteidiger Hauer hingegen hob die positiven Vorzüge seines Mandanten hervor. Er habe sich zu seiner Drogenvita eingelassen und die Vorwürfe pauschal bestritten. »Die Zeugin hat uns von Hörensagen erzählt. Sie hatte Kontakt mit dem Opfer nach der Tat und eine Vorgeschichte«, sagte Hauer. Es schien, so der Verteidiger, die Leihe gegeben zu haben, aber in dem Milieu sei es eben üblich, niemanden zu verpfeifen. »Das sollte ein Zusammentreffen normaler Natur werden und mein Mandant fungierte als Sprachrohr. Die Aussagen des Opfers erscheinen mir wenig plausibel, er wollte ja gar nicht die Polizei rufen. Er wollte einfach nur seine Papiere zurück«.

Eine höhere Strafe als zwei Jahre und neun Monate hielt der Verteidiger nicht für angemessen, die Unterbringung in einer Entziehungsklinik hätte das Gericht zu entscheiden. Und genau das entschied dann auch die Strafkammer. »Sie haben es erst im Guten probiert, dann sind Sie ihm zufällig begegnet und sind ihm nach. Hinter dem Schlag ins Gesicht war Wumms dahinter. Sie wollten das Geld nicht zurückbringen, sondern brauchten es selbst für Kokain«, so der Vorsitzende. Die Unterbringung in einer Entziehungsklinik sei eine letzte Chance. »Wenn das nicht klappt, dann sehe ich zappenduster, da bin ich ganz ehrlich. Sie können noch etwas aus sich machen, dann tun Sie es auch!«.

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