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40 Anfragen für ein Zimmer

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Weil an den Hochschulen wieder Präsenz angesagt ist, suchen viele Studierende nun wieder Zimmer oder Wohnung in Gießen. Symbolfoto: Felix Kästle/dpa © Red

In Gießen ist der Wohnungsmarkt für Studierende derzeit so angespannt wie noch nie - weil nicht nur die »Erstis« suchen«.

Gießen . Seit Januar ist Clemens Berger auf der Suche nach einem neuen WG-Zimmer oder einer kleinen Wohnung - allerdings ohne Erfolg. Der 24-Jährige studiert Lehramt an der Justus-Liebig-Universität (JLU) und möchte gerne raus aus seiner aktuellen Wohngemeinschaft. Doch egal ob er online sucht oder klassisch am schwarzen Brett: Das Angebot ist dürftig und die Nachfrage offenbar groß. »Seit Mitte Februar ist es noch schlimmer geworden«, erzählt der junge Mann im Gespräch mit dem Anzeiger. Wenige Inserate, hohe Preise und kaum Antworten auf seine Anfragen. »Die Situation ist vermutlich auch deshalb so zugespitzt, weil gerade alle suchen«, vermutet er. Von Wohngemeinschaften, die gerade ein freies Zimmer hatten, habe er gehört, dass diese regelrecht mit Anfragen überflutet werden.

Rückkehr zur Präsenzlehre - und nach Gießen

Das kann auch Jenny Jörges bestätigen. Die 24-Jährige studiert Romanistik an der JLU und war kürzlich auf der Suche nach einem neuen WG-Mitbewohner. Obwohl die Anzeige zunächst ohne Foto des Zimmers online ging, hätten sie und ihre Mitbewohner binnen kürzester Zeit rund 40 Anfragen erhalten. Denn nicht nur die »Erstis« strömen auf den Wohnungsmarkt, sondern auch höhere Semester. Während der Corona-Pandemie war manch ein Studierender gar nicht erst nach Gießen gezogen oder hatte Wohnung oder WG-Zimmer angesichts der digitalen Lehre gekündigt und war wieder bei den Eltern eingezogen.

Durchschnittlich 337 Euro mussten Studierende 2021 in Gießen für ein WG-Zimmer berappen - das sind zwölf Euro mehr, als der BAföG-Höchstsatz für die Wohnkostenpauschale vorsieht. Das geht aus dem »Hochschulstädte-Scoring« des Moses Mendelssohn Instituts hervor. Gemeinsam mit dem Immobilienportal »WG-Gesucht.de« hat das Institut die Zimmer-Angebote in 97 deutschen Hochschulstädten ausgewertet. Bei einer erneuten Untersuchung Anfang des Jahres war der Wert für Gießen noch einmal höher: 345 Euro waren durchschnittlich für ein WG-Zimmer fällig. Zum Vergleich: Vor fünf Jahren waren es lediglich 320 Euro.

Bei dem Scoring wird auch ein »Anspannungs-Index« für den studentischen Wohnungsmarkt ermittelt, der maximal 100 Punkte betragen kann. In Gießen lag er 2021 bei 48 und damit fast acht Punkte über dem Durchschnitt. So angespannt wie jetzt war der studentische Wohnungsmarkt in Gießen demnach seit Beginn des Scorings 2013 noch nie.

Und auch im Bereich der Wohnheimplätze sieht es in Gießen schlechter aus, als im Durchschnitt: Lediglich rund sieben Prozent der Studierenden wohnen laut der Studie in einem Wohnheim und damit tendenziell günstiger als auf dem freien Wohnungsmarkt. Der Schnitt aller 97 untersuchten Hochschulstädte liegt bei knapp 9,5 Prozent.

Mit dem »preisdämpfenden Corona-Effekt« sei es nun vorbei, heißt es in einer Pressemitteilung der Autoren der Studie. Gleichzeitig werden durch steigende Energiepreise noch höhere Wohnkosten für Studierende befürchtet: »Nicht allein die Kaltmiete, sondern vor allem die Nebenkosten werden dann zur finanziellen Herausforderung für viele Studierende.« Die derzeitige Preissteigerung für WG-Zimmer sei eine Art »Frühindikator«. Für das Sommersemester und vor allem mit dem Start des Wintersemesters im Herbst rechnen die Autoren mit deutlich steigenden Wohnkosten.

2653 Plätze in den Wohnheimen

In den Wohnheimen des Studentenwerks Gießen sei die Situation vor dem gerade gestarteten Sommersemester »pandemiebedingt und aufgrund der nicht vollumfänglichen Öffnung der Hochschulen in den vergangenen Semestern tendenziell entspannter« gewesen, teilt die Pressestelle auf Anfrage mit.

Studierende, die auf einen Platz in einem der Wohnheime hoffen, gibt es allerdings dennoch reichlich: Fast 1000 Bewerbungen lagen kurz vor Beginn der Vorlesungszeit vor. Seit Beginn der Corona-Pandemie vor rund zwei Jahren hatte sich hier eher wenig verändert. Nachdem sowohl JLU als auch die Technische Hochschule Mittelhessen für das Sommersemester die Rückkehr zur Präsenzlehre angekündigt hatten, sei aber »ein leichter Anstieg der Nachfrage an Wohnheimplätzen im Vergleich zu den beiden Vorjahren zu erkennen« gewesen.

Insgesamt sind in Gießen 2653 Wohnheimplätze an zehn Standorten vorhanden. Die Preise rangieren zwischen 207 Euro für ein zehn-Quadratmeter-Zimmer am Eichendorffring bis hin zu 752 Euro für eine Familienwohnung im Unterhof. Die durchschnittliche Wartezeit für einen Wohnheimplatz beträgt in Gießen je nach Wohnform zwischen drei und neun Monate. Das geht aus einer Antwort der Landesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor.

Die aktuelle Lage der Studierenden in Gießen sei »mehr als ernüchternd«, findet Sebastian Weismann vom Referat für Wohnen und Soziales des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) der JLU. Wohnheime sollten »klassischerweise eine günstige Alternative zum sonstigen Wohnraum bieten. Ob man in der Metropole Frankfurt oder im beschaulichen Gießen lebt, lässt sich anhand der Wohnkosten der Studierenden allerdings nicht erkennen«. Durch den Mangel an bezahlbaren Alternativen würde für privat agierende Vermieter der Hebel zur Niedrighaltung der Kosten wegfallen.

Dass es nach dem Wiederbeginn der Präsenzlehre eine erhöhte Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt geben würde, sei erwartbar gewesen, findet Weismann. Doch »so lange nicht aus dem Nichts mindestens 3000 für Studierende angelegte Appartements entstehen, bleibt ›bauen, bauen, bauen‹ keine Lösung, sondern eine Ausrede der Investoren, um noch mehr Geld von denen abzuknüpfen, die so schon nicht genügend zum Leben haben«. Die Landesregierung müsse »aufhören, sich die traurige Situation nur mit anzusehen« und stattdessen die Stadt Gießen und die Studierenden finanziell unterstützen.

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