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48 Mark Monatslohn zu Lehrbeginn

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Der Schriftzug der Werkzeugmaschinenfabrik Heyligenstaedt ist heutzutage wieder an der Außenfassade zu sehen. © Jung

Gießen . Beim »Tag des offenen Denkmals« im Herbst entstanden zufällig erste Kontakte mit Wilfried Rauscher, der nur wenige hundert Meter von seinem damaligen Lehrbetrieb Heyligenstaedt entfernt wohnt. Als er jetzt auf dem großen ehemaligen Firmengelände, wo er das Rüstzeug für seinen späteren Beruf erhielt, unterwegs war, lief ein Teil seines Lebens vor seinen Augen ab.

Und das wollte er nicht für sich behalten. In seiner Umgebung, wo die Lehrjahre keine Herrenjahre waren, die er aber nicht vermissen möchte, traf sich der Rentner mit ehemaligen Studienkollegen in schöner Atmosphäre im Restaurant Heyligenstaedt zu einem von ihm organisierten Semestertreffen.

1938 kam Wilfried in der Stadt an der Lahn zur Welt. 1944 erfolgte die Einschulung in die Schillerschule. Der Senior erinnert sich gerade in diesen Tagen noch an den 6. Dezember 1944. Die Bilder vom brennenden Gießen, das von Bomben getroffen wurde und er mit seiner Mutter Gießen durchquerte, um nach Wieseck zu flüchten, hat er noch vor Augen, ist betroffen von den Erlebnissen als kleiner Junge. 1945 ging es für den Gießener Bub in der Grundschule in Wieseck weiter: »Schiefertafel und Griffel zählten zum Standard, auch das Auswendiglernen von Gedichten und Schönschreiben prägten das Schulleben.«

1949 wurde eine Schulform als sogenannter Aufbauzug als Vorläufer der Realschule ins Leben gerufen. Der Gießener besuchte sie vier Jahre. Mit seiner Schulzeit verbindet er die noch vorhandenen Lebensmittelkarten und die Schulspeisung. Die Schülerinnen und Schüler zogen los, um Bucheckern im Wald zu sammeln, daraus wurde Öl gepresst. Klassenweise begaben sich die Jungen und Mädchen auf die Felder, um Kartoffelkäfer aufzulesen. Von der Schulbank am Vormittag ging es nachmittags nach draußen zum Spielen auf die Straße.

»Edelmann, Bettelmann, Bauer, Soldat« oder »wie viel Schritte darf ich gehen?«, fröhliche Kinderspiele an der frischen Luft sorgten für Ausgleich vom Schulmief. Zum Kicken nutzten sie einen aus Lappen geformten Ball auf dem Feuerwehrhof. Im Sommer ging es zum Baden in der gestauten Wieseck an der Steinernen Brücke oder in die Lahn. Im Winter animierte die bis zum Schwanenteich zugefrorene Wieseck zum Schlittschuhlaufen. Zu den Zeltlagern in den Ferien transportierten die amerikanischen Soldaten die Schülerinnen und Schüler mit ihren großen Lastwagen, das war schon eine Gaudi für die Kinder.

100 Bewerber für 30 Plätze

1953 war Schluss mit der Schule für Wilfried Rauscher: Er nahm an der Auswahlprüfung von mehr als 100 Bewerbern teil, bei der Firma Heyligenstaedt standen aber nur 30 Plätze bereit. 1400 Menschen arbeiteten damals auf dem großen Gelände am Aulweg. Auch bei der Bezahlung für die dreieinhalbjährige Lehre galt der Spruch von den Lehrjahren. 48 Mark bekam der technisch Interessierte im Monat im ersten Ausbildungsjahr, 48 Stunden Arbeitszeit in der Woche waren Pflicht. Was sich heute kaum noch jemand vorstellen kann: Auch samstags musste er seinen Arbeitsanzug anziehen und von acht bis 13 Uhr bohren, fräsen, feilen, um sich damit das Rüstzeug für den Beruf als Werkzeugmacher anzueignen.

Der Lehrling sparte eisern auf ein Fahrrad, 1955 freute er sich auf seinen eigenen fahrbaren Untersatz, für den er insgesamt 255 Mark hinlegen musste. Er stotterte ihn aber in Raten von 25 Mark ab.

Rauscher strebte beruflich nach mehr. Nach einem Vorsemester besuchte er von Herbst 1956 bis 1960 die Staatliche Ingenieurschule Gießen (vormals Polytechnikum, jetzt THM) ein sechssemestriges Studium Fachbereich Maschinenbau.

Nicht in großzügigen hellen Unterrichtsräumen sondern in primitiven Baracken saßen zunächst die Studierenden, später im Neuen Schloss. Zur Anwendung kamen Rechenschieber und Logarithmen-Tabellen bei Berechnungen, die Zeichnungen erfolgten in Tusche auf Karton. Das Durchpausen war deshalb nicht möglich. »Nach jedem Semester musste man sich qualifizieren, um versetzt zu werden«, erzählt Rauscher.

Der Start ins Berufsleben sei damals einfacher gewesen, weil die meisten Studierenden vor dem Examen schon ihren Arbeitsvertrag in der Tasche hatten. In der Freizeit wurde getanzt, dem ging zunächst der Besuch der Tanzschule voran. Das Treffen im UC in der Plockstraße begleitete Dixijazz, zu den beliebten Treffs zählten der Alpine Club, die Milchbar, der Dachsbau, das Faß, sowie Cafe Möll. Später ging es zum Tanz »bei Fischer« mit Combos. Tanzen konnte man auf der Wellersburg und die Faschingsbälle im Otto-Eger-Heim oder Martinshof sind noch in Rauschers Gedanken. Auf dem Schiffenberg gab es Tanz in den Mai und der Besuch der Wiesecker Kirmes war ein Muss. In guter Erinnerung ist Rauscher die zwischen Ruinen gelegene Gaststätte »Zum Lämmchen« geblieben, wo sich die ersten Grillhähnchen drehten. »Allem vorausgesetzt, dass das Taschengeld ausreichend vorhanden war«.

Dies alles und noch mehr zählte zum Gesprächsstoff beim Semestertreffen zum 60. Jubiläum des Abschlusses an der Ingenieurschule. Der Ingenieur traf acht Ehemalige, von denen drei bei Heyligenstaedt ihre Ausbildung absolvierten. Der mit 90 Jahren Älteste reiste aus Wolfsburg an und genoss die Zusammenkunft.

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Wilfried Rauscher erinnert sich an seine Lehrzeit und die Jugend in Gießen. © Jung

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