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Ab Tag 1 im Krisenmanagement

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Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher hat das Amt von Dietlind Grabe-Bolz übernommen. © Anna Voelzke

Gießener Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher blickt auf seine ersten 100 Tage auf dem Chefsessel im Rathaus zurück. Von Beginn an ist Krisenmanagement gefragt.

Gießen. Corona, Impfgegner, Krieg in der Ukraine: Frank-Tilo Becher hat das Amt des Oberbürgermeisters mitten in der Krise übernommen. Im Interview mit dem Anzeiger blickt der Sozialdemokrat zurück auf seine ersten 100 Tage im Amt. »Die Situation, in die uns der brutale Krieg in der Ukraine gestürzt hat, macht mich fassungslos. Ich erlebe mich gleichzeitig ohnmächtig, wie hier Völkerrecht und Humanität mit Füßen getreten werden, und sehe mich gefordert, in Gießen alles zu tun, um den Flüchtlingen und Opfern dieses Krieges so gut wie möglich zu helfen«, so der Nachfolger von Dietlind Grabe-Bolz.

Bürgerbeteiligungssatzung, Krieg in der Ukraine: Wie schlafen Sie als Oberbürgermeister derzeit?

An der Qualität meines Schlafes kann ich meine Anspannung tatsächlich ganz gut ablesen und die ist in diesen Zeiten hoch. Die Situation, in die uns der brutale Krieg in der Ukraine gestürzt hat, macht mich fassungslos. Ich erlebe mich gleichzeitig ohnmächtig, wie hier Völkerrecht und Humanität mit Füßen getreten werden, und sehe mich gefordert, in Gießen alles zu tun, um den Flüchtlingen und Opfern dieses Krieges so gut wie möglich zu helfen. In Stadt und Landkreis wird quasi Tag und Nacht daran gearbeitet, wie wir den ankommenden Menschen schnell sichere und fürsorgliche Orte anbieten können. Ich bin dankbar für die große Hilfsbereitschaft in unserer Stadt und glaube, dass wir einen langen Atem brauchen werden.

Von Null auf Krise: Haben Sie sich ihre ersten 100 Tage so vorgestellt?

Nein, ich wollte mich zum Start mit viel Zeit und Sorgfalt auf die Erkundung des Rathauses und auf Gespräche mit vielen gesellschaftlichen Gruppen konzentrieren. Das hat auch seinen Platz gefunden und geht auch weiter. Aber das Corona-Krisenmanagement im und vor dem Rathaus, verbunden mit der Sorge um die Aufrechterhaltung wichtiger Infrastruktur, hat mir viel Aufmerksamkeit abverlangt. Aber auch im Krisenmanagement lernt man sich kennen, und ich konnte eine engagierte Verwaltung entdecken, mit der man Probleme lösen kann.

Wie krisenhaft ist die Entwicklung rund um die Bürgerbeteiligungssatzung?

Die Bürgerbeteiligungssatzung zähle ich nicht zu dem, was mir den Schlaf raubt. Ein neues Amt hat ja immer etwas von einem fahrenden Zug, auf den man aufsteigt. Unser Zug fährt weiter auf eine starke und gestärkte Bürger*innen-Beteiligung zu. Dafür gilt es, um im Bild zu bleiben, nun einige Weichen zu stellen.

Hatten Sie seit Amtsantritt bereits Gelegenheit, eigene Ideen umzusetzen?

Zu meiner 100-Tage Bilanz gehören viele Aktivitäten, die sich nicht fürs Schaufenster eignen. Mir ist es für die Arbeitsfähigkeit wichtig, eine gute Besprechungskultur zu haben und internen Abläufen Aufmerksamkeit zu geben. Ähnliches gilt für die Zusammenarbeit mit den Gremien - so zum Beispiel im Magistrat, aber auch im Umgang mit den Ortsbeiräten. Mit den Vorsitzenden habe ich schnell das Gespräch gesucht, um über Problemanzeigen und mögliche Lösungen miteinander zu beraten.

Setzen Sie Akzente in der Innenstadt?

Dass mir die Belebung der Innenstadt und die Unterstützung des Kulturlebens für diesen Sommer wichtig sein wird, hatte ich angekündigt, und ich freue mich, dass wir bald mit einer mobilen Bühne ein tolles Angebot präsentieren können.

Wie geht es weiter mit dem Kulturgewerbehof?

Meine Zuständigkeit für Brandschutz, Kultur und Wirtschaft findet im Projekt der Alten Feuerwache großartig zueinander, wo wir in diesem Jahr an der Konzeptentwicklung des Kulturgewerbehofs weiterarbeiten und die Planung für den Standort der Freiwilligen Feuerwehr vorantreiben. Dieser Prozess ist eröffnet.

Gibt es Neuigkeiten für den Sport?

Ich freue mich sehr, dass es uns noch gelungen ist, uns in den Reigen der Gaststädte für die Special Olympics im Juni 2023 einzureihen. Wir werden für vier Tage Gastgeber für eine große internationale Sportdelegation auf ihrem Weg nach Berlin sein. Ich verspreche mir davon viel Inspiration für unsere Stadt zum Thema Sport und Inklusion.

Der Ton im politischen Gießen ist bisweilen ziemlich rau. Normale Härte oder hinderliche Begleitmusik?

Beides - manchmal verstehe ich die Aufregung nicht, wenn im politischen Diskurs erkennbar auch Emotionen im Spiel sind. Das zeigt ja, dass wichtige Themen verhandelt werden und es gibt solchen Debatten ja auch Aufmerksamkeit. Hinderlich wird es, wenn dabei die Grundzüge demokratischer Debattenkultur über Bord gehen: zuhören können, eigene Positionen erklären und andere verstehen wollen. Dass der oder die andere auch ein Stück weit Recht haben könnte, ist nicht die schlechteste Einstellung - wenigstens im Hinterkopf.

Welches Thema möchten Sie in diesem Jahr unbedingt anpacken?

Ich werde der Digitalisierung deutliche Aufmerksamkeit geben. Dafür ist es wichtig, unsere Aktivitäten systematisch zu bündeln und strukturiert weiterzuentwickeln. Das betrifft die digitale Infrastruktur in der Stadt, die Digitalisierung in der Verwaltung, Modelle für digitale Plattformen oder auch Fragen zur Cybersicherheit.

Wie steht es um die »Lahnwelle«?

Mit der Machbarkeitsstudie zur Lahnwelle, die jetzt in die Beratung gegeben wird, haben wir eine hervorragende Arbeitsgrundlage für ein spannendes Projekt.

Ist eine Lösung für das Hallenproblem der Gießen 46ers greifbar?

Weiterhin steht die Aufgabe im Raum, für den Basketballstandort eine gute Hallenlösung zu finden. Daran wird gearbeitet und es verbindet sich mit Daumendrücken für den Klassenerhalt.

Wie steht es um den beschlossenen Runden Tisch gegen Antisemitismus?

Der beschlossene Runde Tisch gegen Antisemitismus ist in Vorbereitung und soll in diesem Jahr auch seine Arbeit aufnehmen.

Wie bringen Sie Wirtschaftsförderung und Klimaneutralität in Einklang?

Im Kontext der Wirtschaftsförderung wird es mir eine wichtige Aufgabe sein, den Wirtschafts- und Hochschulstandort inhaltlich so zu profilieren, dass Forschung, Firmenansiedlung und Gründungen uns auf dem Weg zur klimaneutralen, gesunden und nachhaltigen Stadt unterstützen.

Haben die aktuellen Krisen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Natürlich werde ich Beiträge dazu leisten, dass unsere Stadt auf der einen Seite krisenresilient ist, noch stärker dabei wird und aus dem Umgang mit Krisen schnell für die Zukunft lernt. Denn das lehrt uns die derzeitige Lage - ob unter der Überschrift Krieg, Migration, Klimawandel oder Corona. Da müssen wir alle zusammenarbeiten.

Wie hat man Sie in der Verwaltung aufgenommen?

Ich gehe jeden Morgen sehr gerne ins Rathaus. Das hat viel mit einer tollen Mitarbeiterschaft zu tun, mit vertrauensvoller Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen und mit vielen freundlich geöffneten Türen bei meinen Antrittsbesuchen. Mir ist das so bedeutsam, weil sich nicht zuletzt an der Kultur und Kommunikation in einer Verwaltung entscheidet, wie gut sie arbeiten kann und wie lernfähig sie ist. Daraus ziehe auch ich Energie - und davon werden wir für die anstehenden Aufgaben viel brauchen.

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