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ABBA, Goethe und Pythagoras

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Von: Felix Müller

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Eine Umarmung für die Siegerin: die Musiktheaterregisseurin Aileen Schneider vertritt Hessen bei den deutschsprachigen Meisterschaften im November in Wien. Foto: Müller © Müller

Ein spannendes Finale bot der in Gießen und Wetzlar ausgerichtete Hessenslam mit acht Finalisten und einem hauchdünnen Vorsprung für die Siegerin.

Wetzlar. Auftakt in Gießen, Finale in Wetzlar: Acht Finalisten kämpften in der dortigen Stadthalle um die Dichterkrone und den Titel: Hessischer Landesmeister im Poetry Slam - und lieferten sich einen bis zum Schluss spannenden Wettbewerb. Ganze 0.1 Punkte trennten die Zweitplatzierte Lea Weber am Ende der Show von der späteren Siegerin Aileen Schneider.

Für diesen besonderen Anlass hatten sich die beiden Gießener Veranstalter und Moderatoren Stefan Dörsing und Benedict Hegemann »herausgeputzt und schick gemacht.« Als zusätzlichen Anreiz für die Kontrahenten präsentierte das Duo eine »eigens entwickelte Spezialtrophäe«, die es so »nicht bei Amazon zu kaufen gibt.« Ein Pokal, mit dem Abbild des größten deutschen Dichters - Johann Wolfgang Goethe. Nun lag es an den rund 250 Zuschauern, wer den Preis mit nach Hause nehmen sollte. Sieben zufällig ausgewählte Besucher erhielten Stimmtafeln und fungierten als Jury. Die acht Wortakrobaten erhielten jeweils sechs Minuten Zeit, um die Gunst des Publikums zu erhalten - und verfolgten dabei verschiedene Ansätze.

Uli Hohmann berichtete humorvoll von einer unvergesslichen Wattwanderung, bei der unter anderem »Arschlochkind« Noah und Helikoptermutter Betty eine tragende Rolle spielten. Mit viel Wortwitz und Einfallsreichtum sprach Dominik Rinkart über »den Kongress der Zeitreisenden«, bei dem sich illustre Größen der Weltgeschichte versammelten, um Antworten auf die großen Fragen zu finden - Lukas Podolski sowie der 25-Jährige selbst mittendrin. »Beim Catering treffe ich Pythagoras, der sich von zwei Neandertalern Tipps zur veganen Ernährung abholt. Ich geselle mich zu den Dreien. »Mit wem habe ich die Ehre?«, ist der erste Satz des Pythagoras«. So begann der auch politisch engagierte Künstler, der in der Stadt Karben als Pressesprecher fungiert, seinen Vortrag.

Regelrechte Wortakrobatik betrieb U20-Slam-Meister Aaron Schlünz in seinem Beitrag »Was für ein Müll«. »Nun gibt es weniger Atomkraftwerke, aber die Energie kostet dann mehr. Aber wer kann dann noch ans Meer? Wahrscheinlich wenige, nur die, die mehr haben als viele.«

Emotional wurde es bei den Beiträgen von »Nikté«, Pauline Puhze sowie der späteren Siegerin Aileen Schneider. Erstere widmete ihre Zeilen einfühlsam einem verstorbenem Familienmitglied. »Ich sträube mich gegen ein Leben ohne dich, denn ich weiß, mit dir wäre es ein schöneres gewesen. Mit dir wäre es ein anderes gewesen. Mit dir müsste ich nicht so tun, als wäre ich du.«

Konzertbesuch mit den Eltern

Für Puhze war es aus zwei Gründen ein »ganz besonderer Auftritt«. Denn die junge Frau feierte 2018 in der Stadthalle ihren Abiball. Viel wichtiger sei jedoch die Tatsache, dass sie an diesem Abend »das große Glück hatte«, mit einem besonderen Menschen anzustoßen. »Und immer wieder versuche ich verzweifelt, Momente zu halten, um dich zu halten, damit es nicht wieder eine Stunde mehr ist, seitdem du fort bist. Du bist für immer 20, heute, morgen und in einem Jahr.« Ein rührender Text, der mit hohen Wertungen honoriert wurde.

Die Musiktheaterregisseurin Aileen Schneider thematisierte schließlich in ihrer »Kur von der Hochkultur« die komplizierte Beziehung zu ihren Eltern mittels eines gemeinsamen »ABBA«-Konzertbesuchs. »Seit Jahren ziehen sie sich von allen zurück und ich kann sie nicht erreichen. Fühle mich einsam und unverstanden. Aber heute machen wir endlich etwas gemeinsam. Sie in einem Kontext zu erleben, indem sie sich wohlfühlen, der nicht ihr eigenes Haus ist, ist sehr erfrischend.«

Einen Sprung in ihre Kindheit wagte die aus Limburg stammende Julia Zimmermann in ihrem Text »Kindheitsträume«, in dem bittere Realität und Fiktion verschwammen. Ebenfalls um den Sieg dichtete die 26-jährige Lea Weber, hessische U20-Meisterin von 2017. Die Frankfurterin nahm in »Weber-Hallingen« die Sichtweise eines Dorfes an, welches immer wieder Abschied von seinen lieb gewonnenen Einwohnern nehmen muss, da diese dem Reiz der Großstadt verfallen. Ein Vortrag, der ihr den Einzug in die zweite Runde an diesem Final-Abend bescherte.

Dort lieferten sich die drei Bestplatzierten ein Stechen, indem sie einen zweiten Text vortrugen. Puhze, Weber und Schneider lieferten sich dabei ein Kopf-an-Kopf-Rennen, welches letztgenannte am Ende hauchdünn vor Weber für sich entscheiden konnte. Neben dem Erhalt der speziellen »Goethe-Trophäe« vertritt sie somit Hessen bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam, die vom 2. bis 6. November in Wien stattfinden.

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