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Abenteuer auf dem Hochseil

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Ewiger Grenzgänger: Werner Herzog. Foto: dpa © dpa

Werner Herzog hat Filmgeschichte geschrieben. »Fitzcarraldo« oder »Aguirre - der Zorn Gottes« sind Meisterwerke, die den Neuen Deutschen Film der 70er und frühen 80er Jahre geprägt haben. Dennoch erfuhr der gebürtige Münchner in seiner Heimat nicht die Anerkennung, die ihm unzweifelhaft gebührt. Und das, obwohl er auch in den folgenden Jahrzehnten äußert produktiv war und bis heute immer wieder herausragende Werke geschaffen hat.

Weit mehr noch: Dieser sperrige, stets etwas kauzig wirkende Künstler hat ein Leben geführt, das selbst Stoff für eine große Abenteuergeschichte ist. Davon erzählt er in seinen Memoiren, die er nun, im Alter von 80 Jahren, unter dem Titel »Jeder für sich und Gott gegen alle« (wie sein Film von 1974) vorlegt. Darin zeigt sich, wie unerschrocken und zielstrebig er den großen Rätseln der Welt immer wieder aufs Neue auf die Spur zu kommen versucht.

In einem nahezu lakonischen Ton breitet er seine Lebensgeschichte aus, von der frühesten, in großer Armut erlebten Kindheit in den bayerischen Bergen bis zu seinen jüngsten Projekten. Zugleich zeigt das Buch, welch begnadeter Geschichtenerzähler dieser Mann ist. In anekdotischer, kurzweiliger Form berichtet er von Dreharbeiten, die ihn quasi um die ganze Welt geführt haben. Er war als Bergsteiger in Nepal und Patagonien, erzählte vom einzigen US-Soldaten, dem die Flucht aus der Gefangenschaft der Vietcong in Laos gelungen ist, lieferte atemberaubende Bilder der 30000 Jahre alten Malereien aus der erst vor wenigen Jahren entdeckten Chauvet-Höhle in Frankreich und war mit einem Vulkanologen in aller Welt unterwegs.

Das ist eine sehr knappe und vollkommen unzureichende Aufzählung von Herzogs im Anhang aufgelistetem Werk. Dabei brachte er sich auch selbst immer wieder in höchste Gefahr, wie er selbst anmerkt: »Vieles in meinem Leben erscheint mir wie auf einem Hochseil, ohne dass ich die meiste Zeit überhaupt bemerkte, dass links und rechts neben mir ein Abgrund gähnte.« Gerade das macht diese mit knappen Reflexionen und Episoden seiner Familienverhältnisse und Liebesbeziehungen angereicherte Lebensgeschichte so faszinierend: Herzog ist mit den Kategorien eines bürgerlichen Lebensentwurfs nicht zu fassen.

In den USA, wo er seit vielen Jahren lebt, hat man für solche brüchigen Biografien offenbar deutlich mehr übrig als hierzulande. Kein Wunder also, so könnte man meinen, dass er dort in der Trickfilmserie »Die Simpsons« seine eigene Figur bekommen hat, die er mit seinem sonoren Timbre natürlich auch selbst synchronisiert.

Werner Herzog: Jeder für sich und Gott gegen alle. 352 Seiten. 28 Euro. Hanser.

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