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Absage an die Eindeutigkeit

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Von: Ingo Berghöfer

Der renommierte Schriftsteller Rafik Schami verzaubert 150 Zuhörer in Lollar mit seiner unvergleichlichen Erzählkunst und nimmt sie einmal mehr mit ins mythische Dorf seiner Jugend Malula.

Lollar . Es ist eine dieser typischen Rafik-Schami-Geschichten, in denen der preisgekrönte Schriftsteller seine Leser - oder in diesem Fall rund 150 Zuhörer in der voll besetzten Aula der Clemens-Brentano-Europa-Schule (CBES) - mit nach Malula nimmt, dem mythischen Sehnsuchtsort einer stets aufs Neue beschworenen, aber für immer verlorenen Heimat. Dieses Malula ist ein Ort, den man ebensowenig auf der Landkarte findet wie William Faulkners Yoknapatawpha County, in dem aber alle Freunde der Literatur stets ein Zuhause finden.

Schami erzählt in seinem aktuellen Erzählband (und wie immer frei und ohne Manuskript auf der Bühne) von seiner ersten Liebe, die ihm zwecks Horoskop-Erstellung sein Geburtsdatum entlocken will. Ein Unterfangen, das sich als schwieriger erweist, als gedacht, denn über Schamis Eintritt in diese Welt sind seine Eltern, aber auch Großeltern, Tanten und Onkel alles andere als einer Meinung.

Was in unserer westlichen Welt eine Katastrophe wäre, sieht man im Orient lockerer. Während wir in der Mentalitäts-Physik einem streng deterministischen Weltbild anhängen, in dem jede Wirkung eine Ursache und jedes Baby seinen Geburtstag hat, gilt im arabischen Kulturraum die Heisenbergsche Unschärferelation. Sprich: Man nimmt alles ernst, aber nichts so genau.

Diese grundverschiedene Herangehensweise an das Leben findet man auch in Schamis Literatur, die erst, wenn sie der Autor selbst vorträgt, zu vollem Leben erwacht. Seine Geschichten sind Juwelen mit vielen Facetten, die ihren ganzen Glanz erst entfalten, wenn sie aus dem Buch, dem Gefängnis der Eindeutigkeit, entkommen, wenn sie mäandern, aus- und weitschweifen, auf kaum befahrene Seitenarme abtreiben und kurz vor der Pointe noch mal einen Umweg einschlagen.

Man könnte Schami einen Idylliker nennen, vielleicht macht das auch einen Teil seines großen Erfolges in unserer harmoniebedürftigen Konsens-Republik aus. Aber wie bei Jean Paul, einem anderen oft als Biedermeier-Poeten Verkannten, lauern bei Schami die Bestien unter den Brettern der Bühne. Immer wieder sind es kleine Nebensätze oder ein sarkastischer Kommentar, die das verklärte Bild einer zumeist glücklichen Kindheit wie Schwerthiebe durchtrennen. Und dahinter sieht man dann die ungeschminkte Fratze einer Diktatur, die Schami vor mittlerweile 52 Jahren aus seiner Heimat getrieben hat. Es ist eine große Tragik, wenn er heute akzeptieren muss, dass der Assad-Clan, der seine Lebensträume zerstörte, das kleinere Übel ist, angesichts des IS-Horrors, der noch immer in seiner Heimat wütet.

Und auch wenn Schami ausdrücklich betonte, dass er seine Zuhörer in diesen schweren Zeiten vor allem zum Lachen bringen wolle, begann er seinen Vortrag mit einem ungewöhnlich ernsten aber wohl auch nötigen Appell, mehr Zivilcourage im Alltag zu zeigen. Last but not least sei an dieser Stelle ausdrücklich das Organisatorenteam der CBES-Schulmediothek gewürdigt, dem es immer wieder gelingt, Hochkaräter wie Rafik Schami ins kleine, aber literarisch definitiv feine Lollar zu lotsen.

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