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»Aggressionskrieg mit Ansage«

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Britische Politiker der Labour Party sprechen mit Truppen während eines Besuches der Tapa-Militärbasis in Estland, wo britische Streitkräfte im Rahmen der verstärkten Vorwärtspräsenz der Nato stationiert sind. © Victoria Jones/PA Wire/dpa

Gießen. »Die erste Schockwelle ist vorbei. Nun gehen wieder viele zur Tagesordnung zurück. Spätestens in einer Woche wird nur noch von den Flüchtlingen die Rede sein und nicht vom Krieg in der Ukraine«, betonte Markus Krzoska vom Gießener Zentrum östliches Europa (GiZo), der die zweite Informationsveranstaltung moderierte.

Seit nunmehr zwei Wochen führt der russische Machthaber Wladimir Putin Krieg gegen die Ukraine. Im 21. Jahrhundert herrscht ein Angriffskrieg, ausgehend von einer einzigen Person. Viele Wissenschaftler sagen jedoch, dass dieser Krieg bereits 2014 begann und nun als Flächenbrand das gesamte Land in Atem hält. Mit dem GiZo nutzte eine renommierte Institution erneut die Gelegenheit, die Situation in der Ukraine einzuordnen. Neben dem Zentrum hatte auch das Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung zu der Veranstaltung eingeladen.

»Wir sind nun schon in der zweiten Woche des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Wir sind in einer Situation, wie wir sie uns alle nicht haben vorstellen können, dass so etwas mitten in Europa passiert. Wobei oft vergessen wird, dass der Krieg in der Ukraine schon seit 2014 am Laufen ist«, so Krzoska.

Die Überraschung der Weltöffentlichkeit sei zwar verständlich, es zeige aber, dass die Kernkompetenz in Bezug auf Osteuropa sehr ungleich verteilt sei. Dem stimmte der Sprachwissenschaftler Alexander Chertenko zu, der am Institut für Slavistik unter anderem zu ukrainischer Literatur forscht.

»Ich werde eine etwas hybride Position einnehmen müssen, denn ich habe immer noch einen ukrainischen Pass und meine Verwandten und Freunde sind dort. Also bin ich gewissermaßen doch Betroffener«, sagte Chertenko. Er betrachte dies als Anrecht, etwas mehr Emotionen an den Tag legen zu dürfen, als es für die strikt wissenschaftliche Diskussion angemessen wäre.

Die Forschung über den anhaltenden Krieg ist für den Wissenschaftler schwierig. »Ich habe als Literaturwissenschaftler so gut wie kein Material vom Krieg. Die Literatur zu diesem Krieg existiert nicht«. Beim aktuellen Krieg sei die gesamte Ukraine angegriffen worden und nicht nur ein Gebiet wie der Donbass, so Chertenko weiter. »Wenn die Lektüre über den Donbass uns etwas lehren kann, dann dass der Krieg schon lange beschworen wurde«.

Caroline Fehl beschäftigt sich am Leibniz-Institut in Frankfurt/Main mit internationalen Institutionen im Bereich der Sicherheitspolitik. »Der Krieg hat die Nato kalt erwischt, weil man auf die eigenen Diskurse geschaut hat. Macron hat vor einigen Jahren vom ›Hirntod‹ der Allianz gesprochen. Derzeit spricht man über ein neues Konzept und über eine neue Ausrichtung der Nato. Vor dem 24. Februar 2022 wurden viele Fragen diskutiert, die Russland über Nacht beantwortet hatte«. Die größte Bedrohung der Nato gehe immer noch von Russland aus, so Fehl.

Die Frage, ob die traditionelle militärische Verteidigung in Zeiten von Cyberangriffen noch relevant ist, ist durch den russischen Angriff obsolet geworden. Für die betroffenen Länder russischer Aggression wie die Ukraine oder Georgien, so Fehl weiter, sehe sie langfristig keinerlei Perspektive mehr.

Die Sperrung von russischen Konten und Wirtschaftssanktionen gegen Russland beschäftigt den Soziologen Prof. Andreas Langenohl in seiner täglichen Arbeit. Er thematisierte die geoökonomische Dimension des Konflikts, bezogen auf Sanktionen. »Dieses Überraschungsmoment ist auch für uns sehr groß und gleichzeitig muss man es hinterfragen. Eine der zentralen Fragen in der Öffentlichkeit lautet, wie effektiv solche Sanktionen tatsächlich sind. Unter dem Stichwort Geoökonomik wird genau das derzeit in der Fachwelt diskutiert«.

Zahlungssysteme seien immer mehr in den Mittelpunkt geraten, seien es Transaktionen von Zahlungen oder Wertbestimmungen von Risiken und Aktien. »Je wichtiger Finanztransaktionen als Infrastruktur für die Ökonomie werden, desto geopolitischer und bedeutsamer werden sie auch«.

Veronika Wendland vom Herder-Institut sah sich selbst in einer Mehrfachfunktion an diesem Abend, wie sie betonte. »Erstens mal als Historikerin. Ich arbeite schon lange über das ukrainisch-russische Verhältnis und ich habe mich viel befasst mit der Rolle der Ukraine im russischen Nationalismus und Imperialismus. Seit ungefähr zehn Jahren beschäftige ich mich als Technikhistorikerin mit Kernenergie. Ich habe als Feldforscherin in einem ukrainischen Atomkraftwerk gearbeitet. Ich bin in eine Rolle des technischen Experten reingerutscht, da es unfassbar wenig Leute gibt, die sich mit der Materie auskennen«. Sie sei vergangene Woche damit beschäftigt gewesen, Schaltpläne von Reaktoren durchzugehen, um vorhersagen zu können, auf welcher Ebene Geschosse den größten Schaden anrichten könnten. »Derzeit bin ich nolens volens dafür zuständig und stehe für Fragen zu Verfügung«.

Sie habe auch persönliche Verbindungen in die Ukraine, da ihr Ehemann Ukrainer ist. »Das macht die Sache unglaublich schwierig, da noch mit wissenschaftlicher Distanz ranzugehen. Mein eigenes Selbstverständnis als Wissenschaftlerin ist auch angegriffen, da ich seit 2014 gemahnt und gewarnt habe. Das ist eine Ansage eines Aggressionskrieges, was Putin damals und heute gesagt hat«.

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