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Akrobatische Sprünge auf zwei Rädern

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Von: Rüdiger Schäfer

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Ganz schön viel Schwung: Auf der naturbelassenen Anlage können sich die Mountainbiker je nach Witterung auch ordentlich »einsauen«. Foto: Schäfer © Schäfer

Im neuen »Bike Park« in der Gießener Weststadt können Mountainbiker ab sofort nicht nur akrobatische Tricksprünge wagen, sondern sich je nach Witterung auch so richtig ordentlich »einsauen«.

Gießen. Im neuen »Bike Park« in der Weststadt können Mountainbiker ab sofort nicht nur akrobatische Tricksprünge wagen, sondern sich je nach Witterung auch so richtig ordentlich »einsauen«. Denn die auf dem Gelände angelegten Strecken, sogenannte »Lines«, sind naturbelassen, nicht geteert. Und zumindest bei der offiziellen Eröffnungsfeier war nun nichts davon zu hören, worüber sich eine Teilnehmerin wenige Tage zuvor bei einer Sitzung des Stadtteilrates beschwert hatte: »Als Anwohner des neuen ›Bike Parks‹ muss ich oft stundenlang ohrenbetäubenden Lärm aushalten«, so die Kritik. Bei zu großer Lautstärke wäre allerdings auch von den Ansprachen nichts zu verstehen gewesen.

Nur den alteingesessenen Bewohnerinnen und Bewohnern dürfte noch bekannt sein, dass an diesem Ort im Alten Krofdorfer Weg vor 2008 die Müllhalde der Weststadt war. Danach übernahmen allmählich die Mountainbiker das Gebiet und gestalteten das Areal für ihre Zwecke um, erinnerte Quartiersmanagerin Annke Rinn. Erstmalig geschah dies im Rahmen eines Beteiligungsprojektes, das gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen aus der Weststadt durchgeführt wurde.

Ideen gesammelt

Seitdem werde das Gelände regelmäßig von verschiedenen Akteuren und Gruppen aus dem Jugendclub der Gemeinwesenarbeit, der Stadt und dem Landkreis genutzt. In regelmäßigen Abständen sei die Anlage überarbeitet und ausgebessert worden. »Aber immer wieder haben sich die Jugendlichen beschwert, weil die Strecke zugewachsen war und kaum noch befahren werden konnte«, so Rinn. »Eine grundlegende professionelle Sanierung stand also an.« Obendrein sollte das Ganze auch ein bisschen aufgepeppt und schwungvoller werden. Die inhaltliche Planung begann vor über einem Jahr. An diese Aufgabe machte sich Andreas Schmidt, Mitarbeiter im Jugendclub der Gemeinwesenarbeit Gießen-West, gemeinsam mit Teilnehmern der Mountainbike-AGs sowie weiteren Mitstreitern. Entscheidend sei gewesen, die Jugendlichen von Anfang an in den Prozess mit einzubeziehen.

Um die konkrete Umsetzung kümmerten sich dann Janis Vogt und Luca Schmidt von der Hungener Firma »Schanzenwerk«. Die leidenschaftlichen »Dirtbiker«, die diesen Sport auch bei Profi-Wettbewerben betreiben, waren dafür vom Diakonischen Werk Gießen beauftragt worden. Für sie galt es, mit etwa 30 Jugendlichen die gesammelten Ideen und Wünsche zu realisieren. Berücksichtigen mussten die Fachleute, dass sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene auf den verschiedenen »Trails« (Routen) auf ihre Kosten kommen können. Herzstück ist ein fast 100 Meter langer, abschüssiger »Pumptrack-Trail« mit unterschiedlichen Neigungen und Winkeln, der bei optimaler Rad- und Körperbeherrschung befahren werden kann, ohne in die Pedale treten zu müssen.

Die Topografie des 1500 Quadratmeter großen Geländes, das von Bäumen und Sträuchern eingefasst wird, sei bewusst erhalten geblieben. Die neu aufgeschütteten, teils über drei Meter hohen Hügel, die mit ihren Fahrspuren im Moment recht kahl wirken, sollen ebenfalls noch begrünt werden, um den natürlichen Charakter zu bewahren.

Wunsch erfüllt

Als Partner beteiligte sich die Firma Wacker-Neuson, indem sie die erforderlichen Maschinen zur Verfügung stellte. Sie hatte schon bei früheren Sanierungsmaßnahmen unkompliziert Unterstützung geleistet. Die IJB - gemeinnützige Gesellschaft für Integration, Jugend und Berufsbildung - hatte das Gelände durch den Rückschnitt der Büsche und Gewächse entsprechend vorbereitet. Das Projekt steht beispielhaft für eine gelungene Kooperation, nicht zuletzt innerhalb der Nördlichen Weststadt. Finanziert werden konnte es über das Förderprogramm »Sozialer Zusammenhalt«, die Hauptverantwortung lag beim städtischen Gartenamt. Darüber hinaus erfolgte die Planung in enger Abstimmung mit der Aufsuchenden Jugendsozialarbeit der Abteilung Kinder- und Jugendförderung.

»Das Wichtigste ist, dass Ihr das mitgestaltet habt. Es war Euer Wunsch, eine solche Anlage zu haben«, wandte sich die zuständige Dezernentin, Stadträtin Gerda Weigel-Greilich, direkt an die Jugendlichen. Bereits vor fast eineinhalb Jahrzehnten sei die Idee entstanden, einen Naturerfahrungsraum zu schaffen. »In der Politik dauert so etwas jahrelang«, räumte die Grünen-Politikerin ein. Oft liege dies aber nicht an fehlenden Geldern, sondern an fehlenden Flächen. Bei diesem Vorhaben war Letzteres jedoch ganz offensichtlich nicht der Fall.

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